Der Struwwelpeter

„Der Struwwelpeter“ ist der Titel eines Werkes des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1845. Das Bilderbuch enthält mehrere Geschichten, in denen verschiedene Kinder, je nach Verhalten, drastische Konsequenzen erleiden.

Der Struwwelpeter ist eines der erfolgreichsten deutschen Kinderbücher und wurde in viele Sprachen übersetzt.

Aus dem Inhalt der einzelnen Geschichten des Struwwelpeters spricht der damalige, sehr autoritäre Erziehungsstil. Bei dem bei eventuellem Fehlverhalten von Kindern mit harten Strafen zu rechnen war.
Heute wird diese Art von Pädagogik in weiten Teilen kritisch gesehen.

Die Entstehung:
1844 suchte der Arzt Heinrich Hoffmann nach einem Bilderbuch als Weihnachtsgeschenk für seinen damals dreijährigen Sohn Carl. Da er aber nichts fand, was ihm für ein Kind dieses Alters passend erschien, beschloss er
selbst für seinen Sohn ein Bilderbuch zu gestalten. Das Geschenk hatte die erhoffte Wirkung und erzielte auch in Hoffmanns Bekanntenkreis großes Aufsehen. Man drängte ihn, dieses Büchlein drucken zu lassen.

Nach anfänglicher Zurückhaltung von Hoffman, konnte ihn schließlich
der befreundete Verleger Zacharias Löwenthal zur Veröffentlichung bewegen.

In seinem Buch erzählt Hoffmann Geschichten von Kindern, die nicht brav sind, nicht auf ihre Eltern hören und denen deshalb allerlei grausames Unheil widerfährt. So wird der „bitterböse Friederich“, der Tiere quält, entsprechend bestraft und vom Hund ins Bein gebissen. Das arme Paulinchen verbrennt, weil sie mit Streichhölzern spielt und die Kinder, die den Mohren verspotten, werden in einem riesigen Tintenfass noch viel schwärzer eingefärbt.
Der Fliegende Robert, der bei Sturm aus dem Hause geht, wird mit seinem Regenschirm vom Wind davongetragen und dem Daumenlutscher Konrad werden vom Schneider die Daumen abgeschnitten.
Dann gibt es aber auch die Geschichte vom Hasen, der den Jäger mit dessen eigener Flinte aufs Korn nimmt.

Namen wie Zappelphilipp, Suppenkaspar oder Hans Guck-in-die-Luft sind in die deutsche Umgangssprache aufgenommen worden.

Die Titelgeschichte von Peter, der Kamm und Schere trotzt, ist die kürzeste.

Die Geschichte vom Suppen-Kaspar erzählt von einem Jungen, der sich weigert, seine Suppe zu essen und daher innerhalb weniger Tage verhungert.

Der Zappelphilipp kann nicht still bei Tisch sitzen und fällt daraufhin mitsamt der Tischdecke und der Mahlzeit auf die Erde.

Der Träumer Hanns Guck-in-die-Luft achtet nicht auf seinen Schulweg und fällt schließlich in den Fluss.

Der Vorspruch „Wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind“ ist in der Regel auf der Rückseite des Buches zu finden.

Diverse Deutungen: 

In neuerer Zeit wurde der Struwwelpeter von der klinischen Psychologie und der Jugendpsychiatrie „wiederentdeckt“.

Die Beschreibungen des Zappelphillipps und zum Teil auch des Hanns Guck-in-die-Luft zeigen Parallelen zur Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS). Sie könnten heute als volkstümliche Beschreibungen bzw. Symbole dafür herangezogen werden.

Dabei zeige der Zappelphillipp eine Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität. Diese Symptome der psychischen Störung wurden im deutschsprachigen Raum zum Teil umgangssprachlich auch als Zappelphilipp-Syndrom bekannt.

Hanns-Guck-in-die-Luft hingegen wird zum Teil als verträumter Gegentyp gelesen, manchmal auch als Träumerle beschrieben. Er spiegele demnach eine Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität, aber mit deutlich reduzierter Aufmerksamkeit.

Der bitterböse Friederich wiederum gelte als Beispiel für eine Störung des Sozialverhaltens.

Diverse Meinungen:

„Der Struwwelpeter“ wurde schon immer kritisch hinterfragt.

Kritische Einwände richteten sich dabei oft nicht gegen den Erziehungsanspruch als solchen. Es sind die die negativen Verhaltensmodelle gemeint, die vorgeführt werden. Die Erzählungen stellen eine „repressive Strafpädagogik“ und eine „autoritär-dogmatische Unbedingtheit“ in den Vordergrund, mit der hier die ethische Erziehung verfolgt werde. Heutzutage könne man Hoffmanns Geschichten nicht mehr ohne weiteres als Hausbuch akzeptieren.

Nach Ansicht des Kinderbuchforschers Bernd Dolle-Weinkauff ist der Struwwelpeter aber immernoch spannend und bleibt aktuell.
Auch 160 Jahre nach seinem Erscheinen, sei er ein lesenswertes Buch für Kinder im Vorschulalter. So  sei es das einzige Kinderbuch aus dem 19. Jahrhundert, „das in Deutschland praktisch noch jedes Kind kennt“.

Das weltweit bekannte Buch von Heinrich Hoffmann sei in seiner Zeit fortschrittlich gewesen, weil es die damaligen Erziehungsvorstellungen „ein bisschen karikiert“ und damit Anklang bei den Kindern gefunden habe. Die schwarze Pädagogik, die beispielsweise in den Geschichten vom Daumenlutscher anklinge, dem die Daumen abgeschnitten werden, könnten Kindern heute zwar Angst machen, „aber auch helfen, diese zu bewältigen“.

Andere Geschichten, wie die vom Jäger, der vom Hasen überrumpelt wird und in den Brunnen fällt, hätten noch eine ganz andere Botschaft: „Da siegt der Kleine und nicht der Große, mit Waffen ausgestattete.“

Eltern, Erzieher und Pädagogen sollten sich davor hüten, Kinderliteratur so zu zensieren, dass sie nichts Beunruhigendes habe und nur auf das Gute, Schöne und Edle setzten, riet der Wissenschaftler. „Solche Bücher langweilten die Kinder schnell, und sie fangen dann an, etwas zu konsumieren, wo man selbst nicht mehr dabei ist“.

Die Thematik polarisierte von Anfang an das Lesepublikum und reizte geradezu zu einer kritischen Auseinandersetzung. Nicht erst in der heutigen Zeit.
Dennoch, wurde der Struwwelpeter in viele Sprachen übersetzt. Bis heute sind von dem Buch mehr als 540 Auflagen erschienen, es wurde verfilmt, vertont und auch in Blindenschrift verlegt.

Wissenswertes:

Ebenso erschienen Parodien und ausschmückende oder politisierende Umdichtungen.

1848 kürten die Fliegenden Blätter den unangepassten Langhaarigen sogar zum Revolutionär.

Die deutsche Rock-Band Rammstein übernahm im Song „Hilf Mir“ zu großen Teilen den Text der „gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug“.

Auch die Geschichte vom „Daumenlutscher“ floss in den Song „Konrad“ von der Rock-Band Knorkator, ein.

Als Parodien und Adaptionen erschienen unter anderem: Der politische Struwwelpeter,Der militärische Struwwelpeter, Kurzer gynaekologischer Struwelpeter oder die Struwelliese.

Fazit:

Einerseits sind die Geschichten ohne Zweifel geeignet Kindern die Einhaltung bestimmter Normen und Verhaltensregeln zu vermitteln. Freunde des „Struwwelpeter“ gehen auch davon aus dass das Stilmittel der satirischen Überzeichnung auch von kleinen Kindern verstanden wird.

Andererseits wird in Frage gestellt ob die Brutalität der Geschichten und Bilder und die pädagogische Botschaft des Buches heute noch zeitgemäß ist.

Mehr Infos unter Wikipedia 🙂

Persönliches Statement:

Also ich habe die Geschichten aus dem Struwwelpeter unbeschadet überstanden. Ich habe mir als Kind sogar ein Beispiel am Hans-Guck-in-die-Luft genommen. Und wirklich besser auf meinen Weg geachtet. Denn ich war auch immer so eine Träumerin und auch eine Sauserin….

Auch meine Kindern haben den Struwwelpeter geschenkt bekommen. Zwar nicht von mir, aber von meiner Tante, die einst Deutschlehrerin war. Wir haben das Buch oft gelesen. Und die Kinder wollten immer bestimmte Geschichten mehrmals hintereinander hören. Sie hatten weder Angst, noch hat es sie in ihrer Persönlichkeitsentfaltung eingeschränkt. Um dies zu bewirken, braucht es weit mehr als ein Buch…

Es ist ein Klassiker. So wie viele Märchen und Geschichten Klassiker sind, und zu unserer Sprachkultur gehören. Diese sollte man den Kindern nicht von vorneherein Vorenthalten. Man sollte sie beim Entdecken begleiten.

Die gute Beziehung zu den Eltern, die gute Bindung untereinander, der liebevolle Umgang…dies und noch mehr lässt unsere Kinder im Vertrauen auf sich und die Umwelt groß werden 🙂

Eure Polly

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21 Gedanken zu “Der Struwwelpeter

  1. Ach, den Struwwelpeter kenne ich auch – und habe ihn geliebt. Wie der Hase den Jäger in den Brunnen schießt, fand ich schon gerecht und eine große Leistung des Kleinen gegenüber dem Übermächtigen.
    Ich hatte auch die DDR-Variante des Struwwelpeters. Auch diese Geschichten fand ich nett. Und sie waren dann vom pädagogischen Standpunkt her nicht mehr ganz sooo krass. Die dicke Angelika, die nur rennen konnte, wenn es zum Essen ging, ist mir besonders in Erinnerung geblieben.
    Danke für den schönen Beitrag.

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  2. Das Buch wir klasse! Ich habe es geliebt und meine Eltern mussten es mir immer wieder vorlesen bis ich es auswendig erzähle konnte. So ging es doch den meisten Kindern damals. Fast alle können noch daraus zitieren.
    Es hat in keiner Weise geschadet!
    Und schon sind wir bei dem Thema „Eltern heute“. Es nervt mich dermaßen, dass Kinder heutzutage immer mehr in Watte gepackt werden. Wie sollen sich die Kinder später vor Gefahren und negativen Einflüssen schützen, wenn sie sie nicht früh genug erleben. Wenn Eltern ihren Kindern so ein Buch vorlesen, sollten sie natürlich erklären, dass das nur eine Geschichte ist. Genauso ist es doch auch bei „Hänsel und Gretel“ und „Rotkäppchen“.
    Mann muss Kinder auch auf Bäume klettern und auch mit scharfem Messer schnitzen lassen, aber man soll natürlich auf die Gefahren hinweisen. Am meisten lernen die Kleinen aber wenn sie einem vom Baum geplumbst sind oder sich im den Finger geschnitten haben.
    Beides ist mir vor 45 Jahren passiert und meinen Kindern vor 15 Jahren.
    Ich könnte kotzen, wenn ich heute meinem Patenkind verspreche, dass ich mit ihm Schlauchboot auf dem See fahren möchte und dabei den entsetzten Blick der Eltern sehe.
    In Amerika schwärzt man Eltern beim Jugendamt an wenn sie ihre Kinder vor dem Haus spielen oder zu Fuß zur Schule gehen lassen.
    Genau da werden wir auch landen.
    Stattdessen lassen Eltern ihre Kinder sorglos im Internet stöbern. Die Gefahren, die dort lauern sind viel größer.
    Ich muss aufhören. Ich würde mich sonst immer mehr reinsteigern. 😉

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  3. Die Struwwelpeter-Geschichten sind vielleicht in verschiedener Hinsicht schon eher grob gestrickt. Aber Wilhelm Buschs Max und Moritz beispielsweise ist ja letztlich auch eher heftige Kost. Auch viele bekannte Märchen und Volkserzählungen (nicht nur für Kinder) kennen diesen drastisch überzeichneten Drohfinger. Und doch ist ja all das noch heilig im Vergleich zu dem, was in dieser Hinsicht von religiöser Seite aufgetischt wurde (und wird).

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    • Mit Max und Moritz habe ich mich auch schon beschäftigt. Der Artikel ist aber noch nicht fertig.

      Den religiösen Glauben lasse hier mal außen vor. Ich bin selbst Christin und glaube. Aber ich akzeptiere natürlich, wenn man es nicht tut, oder eben, dass der Glaube auch eine höchst individuelle Angelegenheit ist. Glaube kann stark machen, glaube kann blenden…
      Und viele religiöse Texte sind nicht wortwörtlich zu sehen. Sondern zu lesen mit Herz und Verstand.
      Das lernen auch schon die Kinder.
      Liebe Grüße, Polly ☺

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      • Da bin ich schon mal gespannt auf M&M. 🙂
        Ja, bei religiösen Fragen bewegt man sich bald einmal auf dünnem Eis. Aber Eis ist nun mal mein Element – auch (oder gerade) wenn’s nur hauchdünn ist. Ich habe absichtlich die Bibel außen vor gelassen, weil ich mir gar nicht sicher bin, woher dieser Über-Drohfinger der ewigen Verdammnis (in zahlreichen Variationen) kommt. Aber das ist über Jahrhunderte hinweg ein sehr dominierendes Thema, das unter anderem auch in Malerei, Literatur oder auch Volkserzählungen seinen Niederschlag gefunden hat. Auch wenn es (vielleicht sogar mehrheitlich) andere Ansätze gibt, ist diese wortwörtliche Auffassung erschreckend weit verbreitet. Das ist Gottes Wort – sein Wille ist zu respektieren. Punkt. Jedenfalls wäre die ganze Thematik schon eine nähere Beleuchtung wert. (aber das ist natürlich nicht nur ein heikles, sondern auch komplexes Thema). Herzliche Grüße vom Dünneistänzer. 🙂

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  4. Mit dem Struwwelpeter und Max und Moritz habe ich damals als Kind selber das Lesen beigebracht. Wir hatten beide auch als „Hörbuch“ auf Kassette und ich habe wohl zur Verzweiflung meiner Eltern die Kassette so lange hoch und runter gehört, bis ich die Worte im Buch dazu zuordnen konnte…
    Angst hatte ich damals keine, weder bei dem einen noch dem anderen Buch…ich wusste ja, dass es nur Geschichten sind.

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    • Danke! Ich hatte die Geschichten auch zum Hören. Den Schneider mit der Schere fand ich schon etwas gruselig. Und der arme Konrad tat mir auch leid. Aber das sind ganz normale Gefühle, wie sie jeder immer wieder in unterschiedlichen Situationen empfindet. Ich wusste auch, es ist eine Geschichte. Und ich bin zum Glück nicht in Konrads Haut! 😄

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  5. Als Kind liebte ich solche Bücher….als Erwachsene kann ich mich nicht so ganz damit erwärmen…..viele Geschichten und Märchen empfinde ich anders als in meiner Kindheit…..und für die Kinder sind diese Geschichten…daran muss ich mich immer erinnern….

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Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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