Polly zwischen Zweifel und Glück

Die folgenden Tage waren ein Auf und Ab der Gefühle.

Mike und ich, wir schrieben uns jeden Tag. Unser Date am Weiher war wunderschön gewesen, und doch plagte mich das schlechte Gewissen. Lange war ich nicht mehr so glücklich, hatte mich so begehrt und geliebt gefühlt, und gleichzeitig so schmutzig und schlecht.

Mike versuchte mich zu beruhigen. Immer wieder versicherte er mir, dass er mich zu nichts hatte drängen wollen. Dabei war ich es doch gewesen, die unbedingt mit ihm schlafen wollte! Und wie sehr ich es gewollt hatte! Es war ein so unbändiges Verlangen gewesen, und es hatte sich so schön angefühlt!

Es war richtig gewesen! Und dann wieder nicht.

Ich war verheiratet, verdammt!

Sollte ich nicht zuhause Sex mit Robert haben? Sollte ich nicht Lust nach meinem Mann verspüren? Er war doch kein schlechter Mensch!

Er war mein Mann…. und doch wie mein Bruder.

Ich vermied lange Gespräche mit ihm, wollte und konnte ihm nicht in die Augen schauen. Ich schämte mich so und fühlte mich wie eine Verräterin.

Ja, so war es ja auch! Ich hatte ihn verraten. In dem ich diese magische Grenze der Körperlichkeiten überschritten hatte.

Ich hatte verraten, was uns verband. Die Liebe, die doch einst da gewesen war!

Oder nicht? 

Gab es sie überhaupt?

War es je Liebe gewesen?

Und wenn nicht, was war es dann?

Was?

Als all diese Gedanken, wie eine Lawine mein Innerstes überfluteten, hasste ich mich.

Für alles was ich getan hatte. Für meine Schwäche, für meine Unentschlossenheit, für meine Falschheit.

Nie hätte ich so etwas von mir gedacht. Nie hätte ich das hinter mir vermutet! Wozu ich fähig gewesen war.

Aber hatte ich nicht auch gute Gründe dafür?

Ich liebte Robert. Ja. Doch wir waren wie Geschwister geworden. Wir hatten keine Ehe mehr. Es war eine WG geworden.

 Mein Mann und ich, wir lebten miteinander und nebeneinander. Er brauchte mich und er war krank. Alleine konnte er keinen Alltag überstehen.

Und wir hatten zwei wunderbare Kinder, die wie beide unendlich liebten.

Sie litten schon genug unter Roberts wankelmütigem Zustand.

Sie merkten, dass sie sich nicht auf ihren Vater verlassen konnten. Dass er vieles einfach vergaß, und ohne Absicht launenhaft und unzuverlässig war.

Konnte ich Olivia und Valentin zumuten, dass unsere kleine Welt an meinen Gelüsten zerbrach? Konnte ich das Robert zumuten?

Nein.

Ich hatte die Hauptverantwortung für uns. Ich verdiente das Geld. Ich hatte die Hosen an. Ich managte alles. Ob ich wollte, oder nicht.

Und dann war da Mike.

Alles das was schon immer zwischen uns war. All diese Gefühle, diese Wärme. Die Lust die meinen Körper erfasse, wenn ich nur an ihn dachte! Die Sehnsucht nach seinen Berührungen, nach seiner Stimme, nach seinem Geruch.

Das Band zwischen uns war so stark, ich konnte es nicht kappen.

Es würde wohl auch nie funktionieren.

Wie oft hatte ich mir schon vorgenommen, ihn  zu vergessen, und konnte es nicht.

Dieses Geschenk, dass zwei Menschen so verbunden sind, gibt es nicht oft. Das durfte ich nicht aufgeben!

Also musste ich einen Weg für mich finden damit umzugehen. Und durfte nicht daran zerbrechen.

Nein. Das würde nicht.

Mike verstand alles was mich umtrieb. Gerade in dieser schlimmen Phase gab er mir soviel.

Er fragte stündlich nach mir. Er schrieb mir Komplimente. Er versuchte mich zu trösten. Er berichtete über seine Zweifel und über das, was er fühlte.

Ich war nicht alleine in diesem Durcheinander aus Liebe und Verzweiflung. Das tat so gut.

Und so schaffte ich es, nach und nach zu mir zurückzufinden. Ich würde Robert und meine Familie nicht im Stich lassen, und ich würde Mike nicht verlieren.

Wir beide hatten unsere Möglichkeiten abgesteckt. Für uns war klar, dass wir uns wollten. Aber nichts überstürzten. Wir hingen an unseren Familien. Wir beide hatten ein schlechtes Gewissen. Wir beide wollten uns Zeit lassen, uns besser zu verstehen und keine übereilten Entscheidungen treffen.

Wir würden so weiter machen, wie bisher. Wir würden uns gegenseitig Halt geben.

Es war nicht richtig, was wir taten. Aber es war auch nicht falsch.

Denn es war echt. So echt.

Wir würden den richtigen Weg für uns finden. Davon war ich überzeugt.

Mike und ich. Ein Kapitel für sich. Mit Höhen und Tiefen, mit Freude und Leid. Aber niemals mit leeren Seiten. Das Buch schrieb sich von selbst, ohne dass wir die Kraft dazu hätten, es zuzuschlagen.

Es würde weitergehen. Zum Glück.

Polly

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7 Gedanken zu “Polly zwischen Zweifel und Glück

  1. Oh, liebe Polly, da bist Du echt in einer Zwickmühle gefangen (gewesen). Und es stimmt sicher, eine Beziehung hat ihre Zeit, sie kann auch enden. Nur dumme Rechtsanwälte nennen das Scheitern. Ganz das Gegenteil ist wahr: es ist dann geglückt, weil es eben nur einfach zu einem Punkt kommt, wo sich nichts mehr bewegt, aber alles was war, vollendet ist. Und ich hoffe für Dich und für Euch, dass Ihr dann einen guten Ausgang aus dieser Blockade für Euch gefunden habt.

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    • Ich danke dir. Bis jetzt bin ich noch verheiratet. Mike ist sehr krank. Nach Zeiten der Funkstille nähern wir uns jetzt wieder an. Es klingt jetzt hart, aber die Ärzte sehen für Mike keine Hoffnung mehr auf Heilung. Keiner weiß, wie lange er sich noch bewegen und leben kann. Er möchte so keine krassen Veränderungen für sich und für mich. Wir versuchen das auszukosten, was uns noch bleibt. Ohne Stress für Mike. Er will weiter kämpfen. Es wird nicht einfacher für uns. Ich hoffe weiter. Auch wenn es oft schwer ist, all das zu ertragen. Und immer genug Verständnis und Vertrauen für seine Entscheidungen aufzubringen. Ich liebe ihn. Ob krank oder gesund. Und er liebt mich. Da bin ich sicher. Und das zählt.
      Liebe Grüße, Polly

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  2. Du hast es aber auch wirklich schwer Polly. Musst so deine Frau stehen und immer stark sein, da brauchst du dringend jemanden, wo auch DU dich einfach fallen lassen kannst.
    Sehr traurig, dass Mike nun auch noch krank ist. 😦

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    • Danke für deine Worte. Ja. Niemand weiß was das Leben für uns bereit hält. Leider nicht immer nur schönes. Trotzdem versuche ich mir treu zu bleiben. Dem was ich bin und sein will. Und Mike gehört dazu. Er ist sehr krank. Und trotzdem halte ich an dem fest, was uns verbindet. Auch wenn vieles hätte anders sein können. Die liebe verleiht unendliche Kraft.

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Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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