Polly ist glücklich….oder, schöne Geheimnisse

Die folgenden Tage fühlte ich mich wie ein verliebter Teenager.

Jede freie Minute linste ich auf mein Handy, oder träumte vor mich hin. Mike und ich schrieben uns mehrmals am Tag. Zarte, leise Liebeserklärungen überschwemmten mein Display. Auf der Arbeit lief ich folglich mit einem Dauergrinsen umher, und wenn Mike Luis in den Kindergarten brachte, lag ein wohliges Knistern zwischen uns in der Luft, wenn wir uns begegneten.

Er verwöhnte mich mit kleinen Komplimenten und dem charmantesten Lächeln, das ich je gesehen hatte. Natürlich immer darauf Bedacht, dass meine Kolleginnen nichts davon mitbekamen. Es konnte meinen Job bedeuten…denn Elternteile sind für uns eigentlich tabu.

Aber natürlich ging meine gute Laune nicht völlig spurlos an den anderen vorbei. Die zahlreichen Nachfragen, was denn mit mir los sei und ich sprühe ja so vor Freude und Aktivität, schob ich auf meine Vorfreude auf den Frühling. Mein kleines Geheimnis trug ich wie den kostbarsten Schatz behutsam in jeden neuen Tag.

Auch meine Familie merkte mir eine gewisse Veränderung an. Und sie bekam uns allen gut. Ich hatte viel mehr Elan für die anfallenden häuslichen Arbeiten und Nerven wie Drahtseile für meine Rolle als Ehefrau und Mutter. Unser Zusammenleben war in beruhigende Harmonie getaucht. Robert registrierte zwar meinen häufigeren Blicke auf mein Handy, aber er freute sich für mich, „alte Freundschaften“ wieder aufgenommen zu haben und neu zu pflegen.

Ich beließ ihn im Glauben, und wir lebten unser Leben weiter nebeneinander her, nur dass die Stimmung nicht mehr so angespannt zwischen uns war. Ich hatte ja auch wenig Möglichkeiten für trübe Gedanken, die Verbundenheit zu Mike löste pure Glücksgefühle in mir aus und vertrieb alle traurigen Gedanken.

Leider vergingen meistens einige Tage oder gar Wochen, bis wir uns wiedersehen konnten. Doch die Erotik und Sehnsucht zwischen uns riss nicht ab. Im Gegenteil. Sie steigerte sich fast schmerzlich und ich glaubte manchmal, ich könnte keinen Tag länger ohnen einen Kuss oder eine Berührung von Mike überleben.

Und so verabredeten wir uns wieder, sobald es möglich war. Der März hatte schon lange Einzug gehalten, und die Temperaturen waren um einiges milder als bei unserem letzten Treffen. Mike hatte in der Zwischenzeit viele Arzttermini hinter sich, da seine Hand und sein Arm nicht besser wurden.

Die neue Diagnose hieß Karpaltunnel, aber sie bestätigte sich nicht. Und so hangelte er sich von einer Praxis zur nächsten. Nur um am Ende wieder mit Schleimbeutelentzündung und Sehnenscheidenentzündung so schlau wie zuvor zu sein.

Mike dachte auch nicht daran sich zu schonen. Er war ein absolutes Arbeitstier. Nachdem er oft 10 Stunden auf dem Bau tätig war, machte er sich zuhause noch über seine Wohnung oder den Garten, half Freunden und Bekannten beim renovieren und lebte für Fußball und Sport. Nebenbei war da noch seine Familie und unsere Affäre.

Ich beobachtete das alles mit Sorge. Aber alle Gesundheitswarnungen meinerseits, etwas kürzer zu treten, tat er ab.

Schließlich hatten wir uns endlich für den Abend verabredet. Unsere Sehnsüchte nacheinander hatten wir lange genug und ausgiebig per SMS thematisiert, und so war meine Vorfreude auf das Wiedersehen mit Mike kaum noch auszuhalten.

Heute hatten wir beide zuvor noch einen Abendtermin. Das war sehr praktisch, denn erfahrungsgemäß für unsere Partner, zogen sich diese immer in die Länge, weil nach der „Arbeit“ meist noch ein gemütliches Beisammensein stattfand.

Nur dass ich mich heute nicht mehr mit meinen Kollegen bei einem Pils unterhalten würde, sondern nach der Besprechung postwendend zum Parkplatz schlendern würde, um Mike zu sehen.

Als ich dann dort eintraf glaubte ich erst, er würde sich verspäten. Kein Kombi weit und breit. Stattdessen stand hinter den Glascontainern ein kleiner Mini. Das Auto von Paula!

Puhhhh….Kurz stockte mir der Atem, und als ich Mike daraus aussteigen sah, um mir die Türe aufzuhalten, fand ich diese Szenerie höchst verstörend.

Das war ja passend. Ein Techtelmechtel mit mir im Auto seiner Frau.

Zögernd stieg ich ein und schnallte mich an. „Paulas Vater braucht heute den Kombi. Da hab ich das Kleine genommen.“, erklärte Mike und ließ den Wagen an.

„Ich weiß nicht, ich finde das nicht besonders toll hier. Da fehlt mir doch etwas der Skrupel um mich heute zu entspannen.“

Mike sah zu mir herüber und strich über mein Knie. „Wir sind nicht lange im Auto. Versprochen.“

Der Mini nahm einen geheimnisvollen Weg über kurvige Landstraßen und bog schließlich in einen schmalen Feldweg ein. Am Ende des Weges spielgelte sich das Mondlicht in einem kleinen Weiher, vor dem die Reste einer verfallenen Steinsitzgruppe standen.

„Wollen wir heute hier bleiben?“, fragte Mike und holte hinter seinem Sitz zwei Sitzkissen und eine Decke hervor.

Der Anblick, der sich mir bot war traumhaft schön. Die freie Sicht auf den funkelnden Nachthimmel, und der silbrige Mond, welcher auf kleinen Wellen im Wasser tanzte. Ich konnte nur noch staunen. „Wow!“, stammelte ich. „Das ist wunderschön. Danke.“

„Das ist noch nicht alles meine Kleine. Ich hab da noch was anderes dabei. Komm wir steigen erst mal aus. Der Rest ist im Kofferraum.“ 

Etwas anderes? Was hatte Mike vor? Er war sonst gar nicht der Typ, der großen Wert auf das gewisse Ambiente legte. Doch während ich schon mit meinem Sitzkissen auf den Steinen der Sitzgruppe platznahm, und noch darüber nachdachte, was denn noch kommen sollte, mummelte mich Mike in die Decke ein und lief zielstrebig zum Kofferraum.

Er brachte einen kleinen Korb mit. Darin eine Thermosflasche, zwei Becher und ein Geschirrtuch unter dem es knisterte und klapperte.

Dann setzte er sich mit einem Grinsen im Gesicht neben mich und küsste sanft meine Lippen.

Polly

 

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7 Gedanken zu “Polly ist glücklich….oder, schöne Geheimnisse

  1. Eure Gefühle sind sehr schön zu spüren in deiner Geschichte. Besonders bemerkenswert finde ich, dass dir sogar der Alltag mit deinem „betrogenen“ Mann leichter fiel. Eine Erfahrung, die ich auch gemacht habe und die so gar nicht in die gängigen Klischees passt.

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  2. So, ich habe jetzt „geliebte Polly“-Einträge der letzten eineinhalb Jahre in einem Rutsch gelesen und auch ein paar der aktuellen Beiträge. Irgendwas drängt mich dazu, etwas zu sagen, ich weiß nur nicht recht was.
    Das liegt daran, dass Du und Mike keine Geliebten sind, wie ich es am Anfang erwartet hätte. Keine zwei Menschen auf der Suche nach dem heimlichen Kick und der temporären Lust. Ihr seid zwei Menschen, die vielleicht ideal zusammengepasst hätten, wenn sie damals reifer gewesen wären und den Schritt aufeinander zu gemacht hätten. Aber wer ist schon reif und weise, wenn er jung ist?
    Ihr gehört zusammen, aber weil ihr damals nicht zueinander gefunden habt, bestraft ihr euch. Seit Jahren und immer weiter. Lebenslänglich mit dem falschen Partner, lebenslänglich in Heimlichkeit. Lebenslänglich moralische und gesellschaftliche Ansprüche, die euch hindern, das kurze Leben als Mensch richtig zu genießen.
    Und obwohl die Türen offen stehen und ihr jederzeit „Ja“ zueinander hättet sagen können, schnuppert ihr immer nur am Glück und entscheidet euch dann immer wieder, in eurem Unglück zu bleiben, um andere Menschen nicht unglücklich zu machen.
    Sehr bewegend und sehr traurig.

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    • Danke für deine Worte. Du hast recht. Es ist ein Dilemma, aus dem auszubrechen, immer schwieriger wird. Danke, dass du meine Geschichte gelesen hast. Für dein Mitgefühl. Es ist oft traurig. Das ist wahr. Aber oft blitzt ein Sonnenstrahl durch das Grau. Und dann spüre ich, zum Aufgeben bin ich nicht bereit. Ich weiß nicht, was noch kommt. Wie lange Mike überhaupt noch einigermaßen das Leben genießen kann. Aber ich bin sicher, so eine tiefe Verbundenheit hört niemals auf.
      Liebe Grüße, Polly ☺

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