Klartext…oder, wie es ist, auch wenn es nicht sein darf

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Wir fuhren eine ganze Weile durch die Dunkelheit. Mike bemühte sich um Smalltalk und fragte mich, wie es mir ginge oder ob es Neuigkeiten gäbe. Dabei vermied er es galant, die vergangenen Tage anzusprechen, an denen ich mich nicht bei ihm gemeldet hatte.

So gelassen wie möglich versuchte ich zu antworten, ohne mir dabei meine Anspannung anmerken zu lassen. Ich erzählte von Köln und von einer Weiterbildung, die ich plante. Mike hörte aufmerksam zu, erkundigte sich nach meinen Kindern und schenkte mir aufrichtige Blicke voller Interesse und Wärme. Dann lenkte er den Wagen in ein kleines Waldgebiet.

Da es die letzten Tage war es sehr mild gewesen war, war der Schnee glücklicher Weise schon etwas abgeschmolzen, und wir konnten ein Stück den Schotterweg hinauffahren.

Auf einer kleinen Lichtung hielt Mike schließlich an und schnallte sich ab. „Wollen wir ein Stück gehen?“, fragte er mich und nahm meine Hand in seine. Nun konnte ich mich nicht mehr beherrschen.

Noch während ich den Kopf schüttelte platzte es wie  ein Vulkan aus mir heraus. „Es tut mir so leid.“, schluchzte ich. „Ich wusste einfach nicht mehr was ich tun sollte. Das alles hat mich so durcheinander gebracht, und ich habe mich geschämt.“

Augenblicklich zog mich Mike in seine Arme und hielt mich ganz fest. Ich bemühte mich um weitere Worte, aber außer einem jämmerlichen Schluchzen brachte meine Kehle nichts mehr hervor. Tränen rollten über mein Gesicht. Ich merkte, wie mein Pony sacht zur Seite gestrichen wurde.

„Schhh, Polly, schhh…ich weiß wie du dich fühlst. Du musst nichts sagen. Und dich schon gar nicht entschuldigen oder schämen. Ich kann mir vorstellen, wie du mit dir gerungen hast.“

„Ich wollte dich nicht verärgern!“, schniefte ich. „Das war so kindisch, dass ich nicht geantwortet habe. Aber ich war so durcheinander und…“

Mike hauchte dicht an meinem Ohr.“Du hast mich nicht verärgert. Sorgen habe ich mir gemacht. Sonst nichts. Ich verstehe dich. Ich war auch ganz durch den Wind. Du hast mich total aus der Bahn geworfen, meine Kleine.“

„Du warst durch den Wind?“, fragte ich ungläubig und wischte mir etwas prott mein verheultes Gesicht an meinem Ärmel ab. „Warum?“

„Weil ich nicht damit gerechnet hätte, dass du mich so umhaust, Polly. Ich kenne dich so lange. Und du hast mich immer angezogen wie ein Magnet. Trotzdem sind wir andere Wege gegangen. Doch bei unserem Date, hab ich es gespürt. Es war wie ein Ankommen. Zuhause.“

Ich rückte ein Stück von Mike ab und versuchte mich zu sammeln. Was ich da aus seinem Munde hörte wagte ich kaum zu glauben. Fassungslos sog ich jede Silbe in mich auf.

„Da waren Empfindungen Polly, die habe ich sonst nicht. Seit dem denke ich dauernd an dich, und will diese Gefühle wieder haben. Ich will dich wieder haben. Bei mir.“

„Und Paula?“

„Sie ist eine tolle Frau. Aber ich liebe sie nicht. Oder nicht mehr. Ich weiß nicht warum, aber alles was dich schon immer ausmacht, vermisse ich bei ihr. Seit unserem Treffen mehr denn je. Ich habe keine Ahnung, wie ich es beschreiben soll. Und bei dir? Was fühlst du Polly?“

Während ich flüsterte, schaute ich Mike fest in die Augen: „Mir geht es genau so. Mike, ich weiß auch nicht, was es werden soll, und wie. Aber ich weiß, dass da mehr ist als ein kurzer Flirt. Mehr als Sex und Abenteuer. Nur ich kenne den Weg noch nicht.“

Als ich dies gesagt hatte, küsste mich Mike sanft auf die Nasenspitze. Dann leierte er den Sitz nach hinten, und wir legten uns in unseren dicken Jacken, eng aneinander gekuschelt zurück.

Und dann redeten wir.

Über uns. Unsere Ehen und darüber, was wir fühlten. Was wir wollten. Wir wussten, dass nichts einfach sein würde und brachten unsere Zweifel zur Sprache. Und unsere Angst. Wir sprachen über Möglichkeiten zusammenzusein, und was uns zurückhielt, unsere Ehen einfach so hinzuwerfen.

Am Ende wussten wir, wie es zwischen uns war. Wir wollten uns weiter sehen. Wir durften uns nicht wieder verlieren. Auch wenn es nicht richtig war, was wir taten. Und auch wenn wir noch nicht mit unseren Partnern abgeschlossen hatten. Wir versprachen uns, ehrlich miteinander zu sein. Uns zu nichts zu drängen.

Also keine übereilten Entscheidungen, aber immer offene Worte.

Einige Zeit lagen wir noch eng umschlungen da, und hingen unseren Gedanken nach. Genossen die Gegenwart des anderen. In dem Wissen, dass wir gleiches fühlten und brauchten. Tief in meinem Inneren beruhigte sich langsam der Sturm, den unser letztes Treffen ausgelöst hatte. Irgendwie machte sich eine friedliche Ruhe breit. Ich fühlte mich sicher und geborgen.

Wie lange das alles anhalten würde, war im Moment Nebensache. Die Hauptsache war, dieser Moment. Er war da. Und Mike.

Kurz bevor ich mich schließlich aufrappelte, und wir wieder nach hause mussten, merkte ich die Bandage an Mikes Arm. „Oh, was hast du da gemacht?“

„Sehnenscheide oder Schleimbeutel. Morgen geh ich nochmal zum Arzt, ist nicht schlimm. Hab den Arm bestimmt  zu sehr belastet.“

Sanft strich ich mit meinen Fingern über den Verband, der am Jackenbund herausblitzte. Dann berührte ich seine Fingerspitzen mit meinen Lippen, was Mike ein wohliges Raunen entlockte. „Deine Wärme ist die beste Medizin Polly.“

Da wusste er noch nichts von dem, was in seiner Hand begann. Und dass ihn niemand würde davon befreien können. Nicht einmal die Ärzte und schon gar nicht ich.

Polly

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5 Gedanken zu “Klartext…oder, wie es ist, auch wenn es nicht sein darf

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