Nein, nein, nein…oder Polly schweigt

Die folgenden Tage, war ich nicht ich selbst. Deshalb nahm ich kurzerhand Urlaub, um wieder zu mir zu kommen. Ich war total durch den Wind. 

Obwohl ich mir vorgenommen hatte Mike nach unserem Date zu antworten, konnte ich es nicht. Vor mir schien sich ein unüberwindbarer Graben aufzutun. Ich war eine Gefangene meiner durcheinander geratenen Gefühle. Unfähig wirklich einzuordnen, was ich getan hatte und was ich eigentlich wollte.

Meine Laune schwankte im Minutentakt von unendlich traurig zu überglücklich, von beschämt zu gefasst und von liebend zu verfluchend.

Nachts lag ich in meinem Bett, konnte nicht schlafen und zitterte am ganzen Körper. Diese Verabredung hatte mir wirklich zu schaffen gemacht.

Aber warum eigentlich?

Ich brauchte sie doch nicht zu wiederholen? Ich könnte mich einfach bei Mike entschuldigen und hoffen, dass Gras über die Sache wachsen würde. Ich könnte ihm die nächste Zeit aus dem Weg gehen und ihn einfach nicht mehr beachten. Ich sollte mich auf meine Ehe mit Robert besinnen! Ja, das musste ich.

Aber so einfach war es nicht.

Mein ganzer Körper verzehrte sich  nach Mike. Ich sehnte mich nach ihm, doch ich durfte es nicht! Und das wusste ich.

Trotzdem konnte ich Mike nicht vergessen. Ich wollte ihn wiedersehen. Er gab mir das, was ich bei Robert schon so lange vermisst hatte. Er zauberte mir Pudding in die Knie und Blubberblasen ins Hirn. Er ließ in mir die Schmetterlinge tanzen und ließ mich dämlich grinsen bis hinter Ohren….

In jedem Schaufenster, an dem ich vorbeiging sah ich sein Gesicht. Ich hörte seine Stimme in der Geräuschkulisse aus Tassenklimpern und Menschengemurmel, als ich mit meiner besten Freundin im Café saß und plauderte. Ich roch sein Aftershave während ich in der Supermarktkasse anstand, spürte wie er sanft meinen Nacken streichelte….

Überallhin verfolgte er mich, dieser Mann. Oder besser das, was mir meine Sinne von ihm dauernd vorzugaukeln versuchten. Jeder Moment war pure Erinnerung an ihn.

Robert machte sich allmählich Sorgen um meinen Zustand, gab sich aber schnell damit zufrieden, als ich alles dem Arbeitsstress in die Schuhe schob.

„Gut, dass du dir Urlaub genommen hast Polly.“, bestätigte er meine Stress-Diagnose. „Du siehst wirklich abgespannt aus. Warum bringst du die Kinder nicht zu meinen Eltern, solange ich zur Kontrolle im Krankenhaus bin? Da kannst du dich mal richtig erholen.“

Oh, das Krankenhaus! Das hatte ich völlig vergessen! Morgen würde Robert für einige Tage in der Klinik bleiben müssen, damit der Verlauf seiner Krankheit überprüft werden konnte. Eventuell brauchte er eine neue Medikation, denn er klagte wieder öfters über Kopfschmerzen.

„Nein.“, antwortete ich leise. „Ich möchte ein paar schöne Tage mit den Kindern verbringen. Und außerdem wollen wir dich doch besuchen.“

„Kommt nicht in Frage. Wenn du schon mit den Kindern Zeit verbringen willst, dann nicht bei mir im Krankenhaus.“, sagte er streng. „Dann fahrt doch ein paar Tage weg. Zum Beispiel zu deiner Schwester?“

Oh ja! Zu Clara! Was für eine gute Idee! Zwar musste sie arbeiten und konnte sich nicht ohne weiteres frei nehmen, aber tagsüber könnten wir uns die Zeit auch ohne sie vertreiben. Und die Abende würden wir mit ihr verbringen. Die Kinder mochten sie sehr. Clara war eine Sammlerin. Bei ihr gab es für Olivia und Valentin immer jede Menge Schätze zu entdecken. Und zu allen wusste meine Schwester eine geheimnisvolle Geschichte zu erzählen. „

Das ist ein toller Vorschlag.“, strahlte ich meinen Mann an und drückte ihn reflexartig, was uns beide etwas zurückzucken ließ. Solche Gesten waren selten zwischen uns geworden 

„Wenn es dir nichts ausmacht?“, setzte ich noch hinzu und trat einen Schritt nach hinten. Robert schaute mich an.“ Macht euch ein paar schöne Tage.“, sagte er kurz und packte dann seine Kliniktasche.

Clara freute sich sehr, als ich sie anrief und sie fragte, ob wir kommen könnten. Als sie zusagte war ich glücklich und erleichtert zugleich.

Endlich ein paar Tage weg von hier! Weg von der Arbeit, weg von Zuhause und weg von Mike. Ich konnte es kaum abwarten, bis der nächste Morgen anbrach und wir starten konnten. Nachdem wir uns alle reisefertig gemacht hatten, holte ich mein Handy hervor, das ich die ganze Zeit im Kleiderschrank verbarrikadiert hatte.

Sollte ich es mitnehmen oder zumindest noch einen Blick darauf werfen? Nein. Mitnehmen würde ich es nicht. Robert und ich, wir könnten auch vom Festnetz telefonieren. Ich brauchte es nicht. Und ich wollte es auch gar nicht. Wer weiß was mich erwarten würde, wenn ich es einschaltete… ich wollte es am liebsten gar nicht lesen….

Aber die Neugier war doch zu groß, um es sofort wieder zwischen die Pullis zu schieben. Ob Mike sich gemeldet hatte? Insgeheim hoffte ich so darauf. Unentschlossen klopfte ich mit dem Gerät in meine Handinnenfläche und kaute auf meiner Lippe. Sollte ich? Man war ich feige.

„Polly, irgendwann musst du dein Handy wieder benutzen… und dann kommst du nicht drumherum, die Nachrichten zu lesen… wenn es denn welche gibt….“, beschwor ich mich. „Und das erfährst du nur, wenn du nachsiehst.“

Gut. Das stimmte. Also schaltete ich es an.

Und tatsächlich. Eine wahre Flut aus Gebrumm und Vibrationen ließ das Telefon in meiner Hand zappeln. Schnell überflog ich die Nachrichten. Mike hatte Angst. Angst um mich, weil ich mich nicht gemeldet hatte. Er war beunruhigt, ob es mir gut ginge, ob ich sauer auf ihn wäre, oder ob ich nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle.

Und immer wieder der Satz: „Polly, bitte. Ich vermisse dich.“ 

Die letzte Nachricht war von gestern morgen. Seit dem nichts mehr. Mir wurde flau im Magen. Warum war ich nur so stur gewesen, und hatte nicht einmal ein Lebenszeichen von mir gegeben? Was wenn Mike sich nun niemals wieder mit mir abgeben wollte? Was wenn ich ihn so sehr verärgert hatte, dass er mich  nicht mehr mochte?

Nein, Das durfte nicht sein! Ich brauchte ihn. Egal wie. Aber ich brauchte ihn. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Ich durfte ihn nicht verlieren!

Mit feuchten Händen tippte ich: „Verzeih. Ich vermisse dich auch. Ich brauche Zeit.“

Hastig steckte ich das Handy wieder zwischen die Wäsche, schnappte mir die Koffer und die Kinder und stieg zu Robert ins Auto. Wir würden ihn am Krankenhaus absetzten. Ich drehte den Schlüssel und fuhr los. Die ganze Fahrt über war Robert ausgelassen und spielte mit den Kindern ‚Kennzeichenraten‘. Dann waren wir da und Robert verabschiedete sich herzlich von den Kindern. Er drückte und küsste sie.

Mir strich er zart über die Wange. Mehr nicht. Als er in der Eingangshalle der Klinik verschwand, machte ich mich mit Valentin und Olivia auf den Weg nach Köln, zu Clara.

Als meine Aufmerksamkeit kurz noch einmal auf meine Wange fiel, war sie kalt.

Polly

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11 Gedanken zu “Nein, nein, nein…oder Polly schweigt

    • Ich eigentlich auch nicht… das war nicht in Ordnung von mir. Ich weiß auch gar nicht mehr, was ich mir damals davon versprochen hatte. Ich glaube ich hoffte ich könnte es dadurch ungeschehen machen… oder meine Gefühle wegzaubern… ich wollte keine Entscheidung treffen… keine Verantwortung übernehmen… einfach nicht da sein… 😐
      Aber es war das einzige Mal. Denn Gefühle lassen sich nicht einfach ausradieren ☺

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      • Verstehen kann ich das schon, aber selbst schwer ertragen. Zum einen frage ich mich in einer solchen Situation natürlich sofort, was muss ich wohl ganz schlimm falsch gemacht haben, dass ich so mit Missachtung gestraft werde.
        Zum anderen habe ich immer Angst, dem anderen könnte etwas passiert sein… 🙄
        Man muss immer daran denken, wie sich das Gegenüber dann fühlt.
        Also wenigstens ein kurzes Hallo liebe Polly 🙂

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