Polly im Zwiespalt…oder, ich möchte dich wiedersehen

Als ich in der Frühe erwachte, war das Glücksgefühl vom Vorabend immer noch spürbar. Ich hatte gute Laune wie schon lange nicht mehr.

Robert schlief noch, und schnarchte vor sich hin. Wegen eines Arzttermins hatte er sich  frei genommen und würde sich auch um die Kinder kümmern. So konnte ich mich in aller Ruhe auf den Kindergarten vorbereiten. Einmal ohne Hektik und Stress. Nur mit dem Kribbeln durch Mikes Berührungen. Das sich als süße Erinnerung wie ein warmer Schleier über meinen Körper legte.

Ich schlenderte ums Bett herum zum Kleiderschrank und wollte gerade die Türe öffnen, als mein Blick in den Spiegel fiel.

Und da geschah es. Als ich mir in die Augen blickte.

Plötzlich sah ich darin eine Frau, die mir unbekannt war. Die große Schuld auf sich geladen hatte.

Eine Ehebrecherin…und Lügnerin.

Nicht Polly, die liebevolle Mutter und treusorgende Gattin. Gab es die überhaupt noch?

Gestern, als ich nach Hause kam, hatte mich Robert nach meinem Abend gefragt. Er freute sich mit mir, weil ich so gelöst und glücklich war.
Er gönnte mir die netten Stunden, die ich, wie er glaubte, mit „alten Bekannten“ verbracht hatte.

Nun sah ich ihn durch den Spiegel in seinem Bett. Meinen Mann. Wie er friedlich schlief, ohne zu ahnen, was gestern wirklich gewesen war. Was sich zwischen Mike und mir zugetragen hatte.

Hier lag mein Mann. Dem ich einst Treue geschworen hatte und Liebe. Mit dem ich so wundervolle Kinder hatte. Ein Heim. Geborgenheit.

Augenblicklich braute sich in meinem Magen ein Gemisch zusammen, aus schlechtem Gewissen. Aus Scham und Angst, Wut und Verzweiflung. Dieses Gebräu ließ die Schmetterlinge, die noch kurz zuvor in meinem Bauch tanzten, jäh abstürzen.

Ich war kreidebleich und zugleich fassunsgslos über mich selbst.

Wie konnte ich nur!?

Was hatte mich dazu bewogen, wirklich diese Grenze des Vertrauens zwischen Robert und mir zu überschreiten?

Warum?

War es aus Langeweile? War es das Gefühl begehrt zu werden? War es Liebe und Abenteuer?

Oder einfach nur Unbedarftheit und Dummheit? Oder gar kaltblütige Gemeinheit?

Mein Hals war trocken und ich musste mehrmals schlucken. Diese Schuld einfach „wegschlucken“, hinunterwürgen!

Oh Mann. Jetzt fühlte mich elend wie nie.

War ich denn wirklich so eine durchtriebene hinterhältige Frau? War mir Robert wirklich so egal, dass meine Gefühle mit mir durchgingen? Nein. Robert war mir wichtig. Immer. Und trotzdem hatte ich Mike begehrt, hatte dem Rausch der Versuchung nachgegeben.

Warum?

Weil Mike schon immer in meinem Herzen war. Weil wir unser Band hatten. Weil er schon immer Teil meines Lebens war. Er hatte einen Platz in meinen Träumen und Sehnsüchten. Er war wie ein Magnet, der mich immer wieder anzog. Ganz egal, was in der Zwischenzeit geschehen war. Ich fühlte mich mit ihm verbunden.

Vielleicht war ich auch nur eine Frau, die liebt. Beide Männer liebt, auf so unterschiedliche Art und Weise. Den einen mit Leidenschaft und Hingabe. Den anderen mit Verlässlichkeit und Sicherheit. Ich wusste es nicht. Es gehörte noch so viel mehr dazu. Aber ich konnte es selbst nicht erklären. Meine Beziehung zu Robert und meine Beziehung zu Mike.

Es war schon spät und eigentlich hatte ich keine Zeit mehr, für lange Überlegungen. Der Tag ging weiter. So oder so.

Nachdem ich mir meine Arbeitsklamotten geschnappt hatte, verzog ich mich also ins Bad.

Auf dem Weg dorthin nahm ich noch mein Handy und klappte es auf. Zwei Nachrichten von Mike.

Nein. Ich wollte sie nicht lesen. Nicht jetzt. Ich konnte nicht. Ich wollte heute überhaupt nichts mehr lesen. Ich wollte meine Ruhe! Ich, die Ehebrecherin! Die es doch gar nicht verdiente, hier überhaupt noch als Ehefrau aufgewacht zu sein. Ich, die gelogen und betrogen hatte. Die Vertrauen missbrauchte und deshalb ihren Mann irgendwann einmal verletzen würde. Geknickt stand ich da. Zitterte am ganzen Körper. 

Und doch war da auch die Geliebte. Ich, die gestern so wundervolle Stunden mit Mike verbracht hatte, die es genossen hatte, in seinen Armen zu liegen. Die aufgedreht war, wie ein kleines Kind. Ich, die froh war über soviel Bauchkribbeln und Nähe. Ich hatte gespürt, dass es gestern etwas Besonderen war. So wie es immer besonders zwischen uns war.

Mike war für mich kein Liebhaber für eine Nacht. Kein Parkplatztreff, kein Sexgespiele…Nein.

Er war… ja…..

Er war die Liebe meines Lebens. Er war es immer schon. Und ich war einfach nur eine verzweifelte Frau, die wissen wollte, was Mike geschrieben hatte. Was er sich dachte über die vergangenen Stunden.

Das Handy vibrierte zwischen in meiner Hand. Nachricht drei.

Trotzdem schaltete ich es aus, ohne noch einmal nachzusehen und legte es in das oberste Fach meines Bücherregals.

Als ich dann endlich auf der Arbeit war, konnte ich mich jedoch kaum auf die Geschehnisse um mich herum konzentrieren.

Ein Blick auf meinen Überstundenzettel, und die durch eine Krankheitswelle reduzierte Kinderzahl, ließ mich dem Kindergaren den für heute den Rücken kehren.

Ich sollte lieber die Wellness-Oase der Nachbarstadt besuchen… das würde mir sicherlich gut tun. Auch wenn ich es nicht verdient hatte, mich heute zu verwöhnen. Es würde mich  wenigstens auf andere Gedanken bringen. 

Gesagt getan.

Ich verbrachte meine „Arbeitszeit“ also mit Massagen und Entspannungsübungen, mit Pediküre und Maniküre. 

Trotzdem gelang mir jedoch das Abschalten nicht wirklich.

In meinem Inneren spielte sich ein wahrer Kampf ab, zwischen Betrügerin und Liebhaberin. Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.

Als ich mich auf den Heimweg machte,  wusste ich, es gab kein Zurück mehr. Nicht für gestern Nacht, und auch nicht für die Zukunft.  

Bevor ich zu Bett ging, holte ich mein Telefon vom Regal. Mike hatte tagsüber mehrmals versucht mich zu erreichen.

Ich las:

„Polly, es war wunderschön. Schlaf gut, ich träume von dir.“

„Guten Morgen. Ich denke an dich.“

„Ich denke schon wieder dich.“

„Du fehlst mir. Ich kann gar nicht aufhören an dich zu denken.“

„Polly, ist alles ok?“

„Polly, bitte, schreib doch was. Ich mache mir Sorgen.“

„Polly???“

„Polly, ich kenne dich. Ich weiß, dass du dir heute den ganzen Tag Gedanken machst. Das verstehe ich. Und glaube mir, mir geht es ähnlich. Aber, was ich gestern Abend fühlte, war so intensiv und schön, dass ich mehr davon will. Wie du küsst, wie du riechst, wie du dich anfühlst und wie wir uns verstehen. Es ist alles so vertraut zwischen uns. Ich kann nicht anders. Ich möchte dich wiedersehen.“

„Schlaf gut meine Kleine.“

Ja. Ich müsste Mike etwas schreiben. Morgen.

Ich hatte Angst. Angst vor dem was ich empfand. Angst vor Folgen und Konsequenzen. Angst vor Kummer und Schmerz.

Und Angst um meine Familie.

Wir lebten doch in einer kleinen heilen Welt… und für alle waren wir „das Traumpaar“. Robert und ich. Alle glaubten das.

Nur ich glaubte nicht mehr daran.

Polly

 

 

 

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17 Gedanken zu “Polly im Zwiespalt…oder, ich möchte dich wiedersehen

  1. Liebe Polly,
    Du machst Dir ganz unnötige Sorgen. Dem einen Mann nimmst Du nichts weg wenn Du den anderen liebst. Und kein Mensch kann einen anderen Menschen besitzen, Treue ist kein Besitzverhältnis.
    Ein Dichter sagte einmal: Nur wer sich ändert bleibt sich treu. Gemeint ist hier: Nur wer sein Verhalten ändert.
    Aber die Geschichte erzählst Du ja aus der Rückschau – bin schon gespannt, wie es wirklich weiterging.
    Gruss,
    Blue

    Gefällt 1 Person

    • Danke dir. Wobei ich sagen muss, diese Gewissensbisse plagen mich immernoch. Natürlich nicht mehr so intensiv wie damals… aber sie sind da. Ich würde mich auch über mich selbst wunderen, wenn es nicht so wäre. Danke für deine lieben Worte. Polly ☺

      Gefällt 1 Person

  2. Wunderschön beschrieben Polly. Was mir besonders hängen blieb:

    „Vielleicht war ich auch nur eine Frau, die liebt. Beide Männer liebt, auf so unterschiedliche Art und Weise. Den einen mit Leidenschaft und Hingabe. Den anderen mit Verlässlichkeit und Sicherheit. …“

    Genau DAS! Muss / sollte man sich dafür schämen müssen? Ich finde nicht. 😉

    Gefällt 2 Personen

    • Vielen Dank! Deine Worte beruhigen meine Seele. Es ist immer noch so, ich bin hin und hergerissen. Zwischen Liebe und Leidenschaft und zwischen Verantwortung und Fürsorge. Ich habe es mir nie leicht gemacht… eben weil ich liebe. Danke dir fürs Lesen und Kommentieren 😊

      Gefällt 1 Person

    • Nein. Egoismus ist es nicht. Es ist eine Verkettung vieler Umstände gewesen. Und dass ich Verantwortung trage. Für meinen kranken Mann. Für meine Kinder. Es ist nicht das Beste für mich, mit meinem Mann in einer WG zu wohnen. Es ist nicht schön, wenn man sich wenig zu sagen hat. Ich nutze Robert nicht aus. Ich sorge für ihn. Ich bin für ihn da. Auch wenn die Liebe verflogen ist. Ich leide unter dem Ganzen. Und ich sehe durchaus nicht mich. Ich sehe meinen Mann, der mich braucht. Ich sehe Mike, der jetzt so krank geworden ist. Den ich liebe, der mich auch braucht.
      So würde ich es eher sehen. Egoismus ist nehmen ohne zu geben. Über Leichen zu gehen. Das bin ich nicht.

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  3. Liebe Polly, ist das nun doch Abschied für Mike?
    Findest du doch zurück zur Familie?
    Wie ginge es mir? – Ohne meinen Mann, in meiner Situation???
    Ihm tut die Hüfte weh vom vielen Aufheben von mir, weil ich nicht ohne Hilfe hochkomme von der Toilette, aus einem bestimmten Sessel.
    Immerhin geht es seit heute wieder vom Stuhl mit Lehnen.
    Gute Gedanken wünsche ich dir ❤
    Bärbel

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    • Nein. In dieser Episode war es noch lange kein Abschied von Mike. Und es ist auch aktuell noch kein Abschied gewesen. Ich lebe noch in meiner Familie. Weil eines zum anderen kam…und es geht weiter. Irgendwie. Ich weiß, dass alles kompliziert ist, und nicht von jedermann zu verstehen. Geschweige denn zu tolerieren. Aber es wird gut werden. Egal wie es ausgeht. Ich glaube an die Liebe. An das was ich fühle. Gerade ist es ruhig zwischen Mike und mir. Und trotzdem ist da eine Verbindung zwischen uns. Ich weiß nicht wie es weitergehen wird. Ich weiß aber, dass wir uns vermissen. Liebe Grüße, Polly ☺

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  4. Ja. Es ist kompliziert. Ich liebe meine Familie. Ich sorge für sie. Deshalb mache ich mir keine Entscheidung leicht. Ich liebe Mike, er braucht jetzt Zeit zu sich selbst zu finden. Dann werden wir weiter sehen. 😊

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  5. liebe Polly deine Lebensgeschichte geht mir sehr nahe..wünsche dir ganz viel Kraft dies alles zu bewältigen… wichtig ist du bist fähig zu lieben-was vielen Menschen einfach fehlt…eine gute Zeit für dich
    Sahra

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  6. Liebe Polly
    ich kann Deine Gewissenbisse so gut nachvollziehen – das schlechte Gewissen und die Scham in den Spiegel zu sehen.
    Ich bin gespannt wie die Geschichte weitergeht, obwohl ich aus den Zeilen entnehmen kann, dass Du Dich für Deine Familie entschieden hast – oder entscheiden musstest!?
    LbG Isi

    Gefällt 1 Person

    • Danke für deine Worte. Ich bin noch bei meiner Familie. Aber was mich mit Mike verbindet ist noch lange nicht vorbei. Es war nie weg… und ich „fürchte“ es wird immer so sein. Meine Familie braucht mich. Mein Mann ist ja auch krank. Ich kann ihn nicht im Stich lassen. Irgendwann wird es mir gelingen eine Lösung zu finden. Für uns alle. Es wird gut werden. Egal wie es dann aussehen wird. Liebe Grüße, Polly ☺

      Gefällt 1 Person

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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