Polly staunt…, oder im Silberwald

Mike ließ den Motor an und drehte die Sitzheizung nach oben. „Wahnsinn,“ murmelte er. „Ich glaube es nicht, dass du wirklich hier neben mir, in meinem Wagen sitzt!“ Seine braunen Mokkaaugen sahen mich liebevoll an, und ich merkte, dass ich kurz davor war zu grinsen, wie ein Honigkuchenpferd.

Also räusperte ich mich schnell und versuchte so ungerührt wie möglich zu klingen, um Mikes Auto zu loben.

„Hier herrscht ja wahrer Luxus…! Hätte gar nicht gedacht, dass du es mal zu so einem Schlitten bringst.“, plapperte ich unbeholfen drauflos und bemühte mich, keine allzu blöden Dinge zu sagen. Insgeheim hoffte ich dabei, dass Mike meine Nervosität nicht auffallen würde. Und besonders nicht mein unterdrücktes, rosarotes Grinsen, das sich immer wieder Gewalt über mein Gesicht verschaffen wollte.

Mikes Auto war sehr gepflegt und ziemlich geräumig. Ja, ein Wagen der gehobeneren Klasse. Ledersitze und elektronischer Schnickschnack vom Feinsten, wovon ich bei meinem alten, staubigen Japaner nur träumen konnte.

Und dann ging es auch schon los. Wir fuhren eine ganze Zeit durch die verschneite Landschaft, ohne auch nur ein weiteres Wort zu verlieren.
Allein aus dem Autoradio drang leise Musik die, gepaart mit dem sanften summen des Motors, das Klopfen meines Herzens etwas beruhigte.

Ab und zu warf mir Mike einen verstohlenen Blick zu, doch ich tat so, als merkte ich nichts. Stocksteif saß ich da und  überlegte krampfhaft, ob es auch die richtige Entscheidung war, hier neben ihm zu sitzen und nicht zuhause bei Robert und den Kindern zu sein.

„Ist alles in Ordnung Polly?“, fragte Mike schließlich mit sanfter Stimme und sah ehrlich besorgt aus. „Bereust du, dass du hier bei mir bist?“  

Ich verneinte, obwohl ich mich durch diese Frage beinahe ertappt fühlte

„Es ist bloß ungewohnt.“

„Stimmt.“

Dann schwiegen wir wieder.

„Aber sehr schön.“, setzte Mike etwas später hinzu, als er eine schmale Landstraße richtung Wald einschlug.

Bei diesen Worten musste ich unweigerlich Lächeln und in meiner Brust gab es einen kleinen Freudensprung.

„Stimmt.“, antwortete ich schnell und sah, wie ein kurzes Strahlen über Mikes Gesicht huschte.

Dann wurde die Autofahrt etwas langsamer, denn die Straße, welche wir passierten war schlecht geräumt. Sicherlich, weil hier sonst kaum jemand langfuhr. Während der ganzen Strecke waren uns gerade mal zwei Autos entgegengekommen. Außerdem hatte ich in der Dunkelheit vollkommen den Überblick verloren und wusste gar nicht wo wir uns überhaupt befanden.

Das hier war eine Straße und etwas weiter vorne der Wald… aber wo waren wir genau? Ohne es zu wollen, wurde mir plötzlich mulmig zumute.

„Du weißt wo wir sind?“, fragte ich skeptisch.

„Du hast wohl Angst?“, lachte Mike. „Natürlich weiß ich wo wir sind. Bei der alten Porzellanmanufaktur. Ich hoffe, da kann ich das Auto abstellen. Denn bei dem Schnee komme ich nicht in den Wald. Geschweige denn, wieder raus.“

Oh. Die Porzellanmanufaktur. Theoretisch wusste ich nun also wo wir waren. Praktisch aber nicht. Ich wusste, dass es bei uns in der Gegend einmal eine kleine Firma gegeben hatte, die Porzellan und Steingut hergestellt hatte. Mittlerweile diente das Gebäude aber nur noch zu Lagerzwecken einer Tongrube, die sich in der Nähe befinden musste. Und sie lag dicht beim Wald.

Mit genaueren Daten war mein Orientierungsgenie überfragt.

Derweil ich so nachdachte, merkte ich erst zu spät, dass wir längst nicht mehr fuhren und Mike den Motor abgestellt hatte. Wir standen schon vor dem alten Fabrikgebäude, und der Asphalt rund um die Manufaktur schien sogar regelmäßig vom Schnee befreit worden zu sein. Ein perfekter Platz zum Parken.

„Träumst du von mir, Polly?“, witzelte Mike, schnallte sich ab, stieg aus und öffnete mir galant die Wagentür. Ich nahm seine Hand, die er mir zwinkernd entgegenstreckte und sprang aus dem Auto. Direkt in seine Arme. Beinahe wären wir umgefallen, aber Mike rückte meinen Körper gerade noch so zurecht, dass er zum Stehen kam.

„Na, na, na… So stürmisch? Ich wollte nur einen kleinen Spaziergang mit dir machen und etwas plaudern!“, raunte er und ein spitzbübisches Lachen zierte seinen Mund.

„Das will ich auch, und wenn du noch lange so dumm grinst, laufe ich ohne dich davon!“, konterte ich und versuchte dabei meine Aufregung so cool wie möglich zu überspielen.

Dann stapfte ich los. Den erstbesten schmalen Weg entlang, der zum Wald führte. Mike holte auf, und wir liefen eine ganze Weile schweigend den verträumten Pfad hinauf, der von schneebedeckten Bäumen gesäumt war.

Auch wenn es schon relativ spät war, erschien die Umgebung um uns herum zu strahlen. Der weiße Schnee reflektierte das  Silberlicht des Vollmondes und tauchte alles in ein wahres Märchen aus Schimmer und Glitzer. Es war wunderschön! Die festgefrorenen Flocken funkelten wie Diamanten und man hörte nichts, außer das Knirschen unserer Schritte im Schnee.

Meine Hände hatte ich tief in die  Manteltaschen gesteckt, doch als ich eine kurz herausnahm,  um mir die zarten Kristalle aus dem Schal zu klopfen, spürte ich, kurz bevor meine Hand den Weg in die wohlige Wärme zurückgefunden hatte, Mikes Finger an meinen. Ganz sanft berührte er mich, und wie automatisch verschränkten wir unsere Finger ineinander, ohne uns dabei anzusehen.

Den Rest des Weges liefen wir Hand in Hand. Und nun fingen wir an, uns voneinander zu erzählen. Mike sprach von seinen Eltern, von Paula, dem Haus und der Arbeit. Ich berichtete über Robert und wie krank er gewesen war, über Valentin und Olivia und über das letzte Buch, welches ich gelesen hatte.

Es war wie früher zwischen uns!

Als ob wir nie voneinander getrennt gewesen waren.

Als ob wir immer noch dreizehn wären, und durch unseren Park wandelten. Wir erinnerten uns an alles, was wir gemeinsam erlebt hatten, schmunzelten über unsere erste Begegnung, und über das Geschehniss auf der Kirchentreppe damals, als ich Mike einen Korb gegeben hatte.

Auf einer kleinen Lichtung angekommen, stellte sich Mike hinter mich, und schlang die Arme um meinen Bauch. Ich lehnte mich zurück, an seine Brust.

So standen wir noch lange da und bestaunten den Nachthimmel über dem zauberhaften Silberwald. Es war traumhaft schön. Wir merkten gar nicht, wie die Zeit verstrich.

Dennoch, ehe unsere Füße zu erfrieren drohten machten wir uns auf den Rückweg. Kaum waren wir beim Auto angekommen, merkte ich endlich wie die Kälte durch meinen Körper kroch. Mann, wie war ich froh darüber, dass ich mir doch noch die wollene Unterwäsche angezogen hatte!

Ich wusste ja Quelle: Pixabaynicht, wie schnell sich dies ändern sollte… 

Polly

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14 Gedanken zu “Polly staunt…, oder im Silberwald

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