Kurzgeschichte: Mimmi

Hier mein neuer Beitrag zum txt*-Projekt von Dominik Leitner

Achtung, diese Geschichte passt nicht in die heimelige Weihnachtszeit! Ich habe lange überlegt, ob ich sie überhaupt schreibe. Aber seit ich das neue Wort von Dominik weiß, trage ich genau diese Geschichte mit mir herum…hier ist sie also:

Seit Mimmi denken konnte, war sie noch nie alleine gewesen. Selbst jetzt, da sie sich in die hinterste Ecke des Kellers verkroch, waren sie da.

Mimmi presste die Hände auf die Ohren. Mit aller Kraft drückte sie gegen ihren Schädel und kniff dabei die Augen so fest zusammen, dass sie Sternchen sah.

Es half nichts. Sie waren einfach zu laut…

Pochten hinter ihren Schläfen. Immer in Lauerstellung, warteten sie darauf, die junge Frau zu verspotten. Sie auszulachen und ihr zu befehlen. 

Sie hatten Macht über Mimmi. Griffen mit kalten Klauen nach ihrer Seele. Nach dem letzten Rest, der von ihrem Selbst noch übrig war.

Diese grauenhaften Stimmen, von denen niemand wusste, woher sie kamen. Selbst Mimmi wusste nur, dass es sie gab. Schon immer.

Mit den Jahren waren sie lauter und lauter geworden. Anfangs, als Mimmi noch klein war, waren ihr die Schatten noch freundlich gesinnt gewesen. Trösteten sie, wenn sie keiner verstehen wollte. Flüsterten dem Kind die Worte zu, die es sich niemals getraut hätte zu sagen.

Doch dann, nach und nach wendete sich das Blatt.

Die Freundlichkeit verschwand. Zurück blieben Häme und Schelte. Immer wenn Mimmi die Sprache fehlte. Wenn sie stumm blieb. Stumm und dumm.

Heimtückisch kreischten ihr die Stimmen zu, wie schwach sie doch war! Wie unbedeutend! Und wie hässlich! Kein Wunder, dass keiner sie mochte!

Sie und diesen ausgemergelten Körper!

Immer öfter forderten die Schatten Mimmis Bestrafung ein. Und Mimmi gehorchte. 

Dann musste sie sich in kalte, dunkle Löcher kauern, die Hände auf die heiße Herdplatte legen, durfte nicht schlafen, durfte nicht essen….

Niemand konnte den Fängen der Stimmen entkommen. Immer mehr ergriffen sie Besitz über Wirklichkeit und Schein. Vermischten es zu einem giftigen Brei aus Angst und Verzweiflung, aus Gehorsam und Geborgenheit.

Mimmi schaukelte hin und her. Sie summte. Sie flehte.

Doch sie kannten keine Gnade. Die Schatten waren niemals ruhig und wohlgesonnen. „Du entkommst uns nicht kleine Mimmi!“, drohten sie. „Schwach bist du. Viel zu schwach! Ohne uns bist du nichts!“

Mimmi summte lauter. Ein kleiner Fetzten ihres Selbst nahm allen Mut zusammen und schrie: „Hört auf! Geht weg! Ich brauche euch nicht!“

„Du lügst! Du lügst!“, zischte es und dröhnendes Lachen hallte so gewaltig durch den Kopf der jungen Frau, dass sie plötzlich aufsprang.

Wie von selbst begannen ihre Füße die Kellertreppe nach oben zu rennen. Mimmi stolperte und fiel. Schlug sich die Knie auf und rappelte sich hoch. Die Stimmen spotteten.

„Weiter, immer weiter du Tollpatsch! Nichts kannst du richtig machen! Nichts!“ 

Bis in den ersten Stock nahmen die dünnen Beine die Stufen mit einer nie gekannten Leichtigkeit.

Tränen strömten über Backen und Kinn, während es in Mimmis Ohren tobte. „Du kannst nicht fliehen! Niemals! Lauf nur, lauf! Dumme Mimmi! Wir sind da! Wir sind immer da!“

Im fünften Stock waren Mimmis Beine taub. Sie spürte sie nicht mehr  und sank erschöpft zu Boden. Ihr Herz raste. Ihr Atem brannte wie Feuer.

„Weiter, weiter…! Oder kannst du nicht mehr? Hahahaha!“, keifte es während ein grausames Kichern Mimmis Körper schüttelte.

Weiter schleppte sie sich Stufe für Stufe nach oben. Kroch auf allen Vieren. Schweiß und Blut hinterließen eine Spur des Jammers. Mühsam erreichte sie den siebten Stock….den achten… gleich war es geschafft!

Mimmis Hände griffen nach der Luke, die zum Flachdach führte. Mit letzter Kraft betätigte sie den Hebel und kroch nach draußen.

Der Wind blies ihr den Duft von Freiheit entgegen.

Freiheit! Sie konnte sie schmecken. Sie konnte sie fühlen. So nah!

Langsam und fast ehrfürchtig, nahm Mimmi die letzten Schritte bis zum Rand des Daches.

Die Stimmen verhöhnten sie nun lauter als je zuvor. Gackerten, schrien, brüllten…

Aber zum ersten Mal hatte Mimmi den eisernen Willen, nicht auf sie zu hören.

„Flieg, kleine Mimmi, flieg! Flieg in die Freiheit!“, hörte sie sich selbst, zwischen all dem Gemurmel. Laut und deutlich erklang ihre eigene Stimme. Voller Wärme und Liebe.

Dann legte Mimmi ihre Kleider ab. Sie brauchte sie nicht mehr. Ihr war, als ob überall auf ihrer Haut weiche Federn sprossen.

Ja. Ein dichtes Federkleid hüllte sie ein.

Unter die Fittiche strömte der Wind. Wie ein Vogel spürte sie, wie er ihren Körper emporheben wollte. Dann breitete sie die Flügel aus. Die Stimmen zeterten noch, doch es half ihnen nichts.

Mimmi flog einfach davon.

Sie war frei. Endlich frei. Und dann…. zum ersten mal in ihrem kurzen Leben war es still. Vollkommen ruhig.

Für immer.

Polly

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5 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Mimmi

  1. Alterschwede schreibt:

    Hört sich nach Schizophrenie an. Unser Sohn hat diese Krankheit. Ihm ging es ähnlich, ist zum Glück nichts passiert. Da hilft nur viel Liebe und gute Ärzte und Therapeuten. Unserem Sohn geht es jetzt schon viel besser, aber dadurch können wir die Geschichte von Mimi auch sehr gut verstehen.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für dein Feedback. Als ich die Geschichte schrieb, hatte ich kein bestimmtes „Krankheitsbild“ im Sinn. Sie ist rein meiner Fantasie entsprungen. Danke für den persönlichen Einblick in deine Parallelen zu Mimmi. Es berührt mich sehr, und ich wünsche deinem Sohn alles erdenklich Gute. Und Kraft, diese Krankheit in Schach zu halten. Liebe ist wirklich eine der stärksten Kraftspender, die es gibt.
      Herzliche Grüße, Dank fürs Lesen und Kommentieren! Polly

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