Märchenstunde: Der Sterntaler

Heute möchte ich mich wieder einmal näher mit einem Märchen befassen.

Dem Sterntaler.

Es gehörte zu meinen liebsten Märchen, als ich noch klein war. Und weil es so kurz und prägnant ist, konnte ich es schnell auswendig vor mir hersagen, und habe es mir bis heute Wort für Wort gemerkt. Auch im Kindergarten sind die Kinder begeistert, wenn ich es erzähle.

Sie schwanken zwischen Mitleid und Neugier, zwischen Romantik und auch Neid. Neid auf den Sternenregen, der dem Mädchen am Ende der Geschichte widerfährt.

Bei einer meiner zahlreichen Fortbildungen über Märchen und Sagen, wurde das Ende der Geschichte allerdings anders gedeutet, als mit wohlverdientem weltlichen Reichtum. Doch dazu später mehr.

Im Sterntaler hören wir von einem armen Waisenkind, dass nichts besitzt, außer ein Stück Brot und kärgliche Kleidung. Unterwegs verschenkt es alles was es hat, an andere Bedürftige. Zuletzt auch sein Hemdchen. Da steht es plötzlich in einem feinen Leinenhemdchen da und ihm fallen die Sterne des Himmels in den Schoß. Und es waren lauter Taler.

Der Sterntaler wurde von den Gebrüdern Grimm in ihre Märchensammlung aufgenommen, und wurde von Jacob Grimm wohl aus dunkler Erinnerung heraus notiert.

Auf welche Geschichte es ursprünglich zurückzuführen ist, kann heut nicht mehr klar gesagt werden.

Heute geht man unter anderem davon aus, dass Funde keltischer Goldmünzen, die Regenbogenschüsselchen, der Kern der Überlieferung sein könnten. Durch die Bewirtschaftung von Feldern und durch Regenwasser wurden diese an die Oberfläche gespült und könnten die Märchenerzähler inspiriert haben. Der heutige Name Sterntaler geht auf die Münze „Sterntaler“ zurück, die Friedrich II. in Umlauf gebracht hat.

Die Geschichte vom Sterntaler gilt als Allegorie eines vorbildlichen Christenmenschen. Barmherzigkeit und Großzügigkeit stehen im Vordergrund der Erzählung. Sein Hab und Gut vollständig an Bedürftige abzugeben, bis am Ende scheinbar nichts mehr bleibt. Diese innere Einstellung zeigt uns der Sterntaler als feste Lebenshaltung auf, welche vom Himmel überreichlich belohnt wird. Hierbei handelt es sich um eine ganz eigene himmlische Währung, die mit Gold und Silber im herkömmlichen nichts gemein hat. Es handelt sich vielmehr um inneren Frieden um Segen.

Das feine schmückende Seelenkleidchen kleidet den Sterntaler für die Ewigkeit. Der Unsichtbare geleitet des Mädchens letzten Gang und wirkt über den Tod hinaus. Das Kind trägt also am Ende ein Totenhemdchen und die Taler stehen symbolisch für das Geleit ins Himmelreich. Und dafür, was das Mädchen dort erwartet. Wertvolleres als alle weltlichen Reichtümer.

Der Sterntaler hat sich selbst für andere hingegeben und erwartet das Ewige Leben, ohne Kummer und Leid, ohne Armut. In Geborgenheit bei Gott.

Dieses Ende mag traurig erscheinen, aber man bedenke die Religiosität der damaligen Zeit, als sich diese Geschichte entwickelte. Und, dass die Märchen oder Sagen in erster Linie auch für Erwachsene gedacht waren. Sie enthalten Lebensweisheiten und Botschaften, die tiefgründige Bedeutungen haben. Deshalb dienten sie nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch dazu, sich mit seinem eigenem Verhalten auseinanderzusetzen. Sitten, Gebräuche und Normen untereinander aufrecht zu erhalten.

Der Sterntaler, als Märchen über ein Mädchen, das zuerst auf die anderen schaut, und erst dann auf seine eigenen Bedürfnisse, passt sehr gut in die Weihnachtszeit. Ein Mensch, der alles hergibt, und nichts verlangt. Ein kleines Kind, dass die Liebe lebt, die Nächstenliebe. Dessen Gottvertrauen grenzenlos ist. Vielleicht können wir uns manchmal ein Beispiel an ihm nehmen. Frei zu geben und frei zu empfangen.

Das Märchen wurde in unzähligen Fassungen immer wieder neu interpretiert und abgewandelt. Wir finden z.B. Spuren davon in Werken von Georg Büchner, über Eva Marders bis hin zu Janosch.

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4 Gedanken zu “Märchenstunde: Der Sterntaler

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