Mitten in der Nacht… oder, wann sehen wir uns wieder?

Ich lag noch Ewigkeiten wach.night-927168_640

Meine Gedanken waren bei Mike, während Robert schon neben mir schnarchte.

Seit Robert regelmäßig Kortison einnehmen musste hatte er einige Kilos zugenommen. Das machte sich auch bei dem nächtlichen Geräuschpegel bemerkbar.

Ich war müde.

Aber weder meine Träumereien von Mike, noch das Schnarchen meines Mannes ließen mich zur Ruhe kommen. Diese Tatsache machte mich wütend. Und ich war verzweifelt. Beides. Ich wollte schlafen und konnte nicht! Es war zum Mäusemelken!

Nachdem ich mich noch ein paarmal hin und hergewälzt hatte, schlug ich die Decke zurück und schlüpfte in meinen warmen Morgenmantel. Barfüßig huschte ich ins Wohnzimmer, holte dort meine Filzpantoffeln und ging zurück ins Schlafzimmer. Dann lüftete ich den Rollo ein wenig und schaute aus dem Fenster.

Von hier aus hatte man den schönsten Blick.

Die Straßenlaternen schimmerten in der frostigen Nachtluft. Sie sahen aus wie große, schwebende Perlen. Überall lag dicker Schnee und der schwarze Himmel war übersäht mit tausenden von Sternen. Der Mond war nicht zu sehen. Alles war so unwirklich und märchenhaft.

Ich sinnierte vor mich hin… dachte an die vielen Wintertage, die Mike und ich einst in unserem Park verbracht hatten.

Wie oft hatten wir uns, auch in den kältesten Nächten getroffen, nur um uns nahe zu sein. Wie oft hatte Mike meine Hände mit seinem Atem gewärmt. Mir Geschichten vom Universum erzählt, mit mir die Schneeflocken im Laternenlicht betrachtet.

Das alles vermisste ich.

Natürlich war es schon Jahre her! Viel hatte sich verändert. Wir waren erwachsen geworden, Mike und ich. Beide hatten wir eine Familie gegründet, waren unsere eigenen Wege gegangen. Und doch war da immer diese Verbindung geblieben.

Unser Band.

Robert schnaufte laut aus und sog rassenld neue Luft ein. Wie oft hatte ich ihn schon zum Arzt geschickt. Aus dem anfänglichen Schnarchen hatte sich eine gefährliche Schlafapnoe entwickelt. Aber Robert nahm meine Sorge nicht ernst. In Momenten wie diesen, war ich immer hellwach.

Mein Herz klopfte und beruhigte sich erst, als sich das monotone Schnarchen wieder laut und regelmäßig zu hören war. Alles war gut.

Langsam schlich ich in die Küche. Dort auf der Arbeitsfläche lag mein Handy.

Sollte ich es noch einmal einschalten?

Sollte ich lesen, was Mike mir geantwortet hatte, als ich zugab, dass auch mir der Gedanke an Dessous Kopfkino bereitete?

„Du machst heut eh kein Auge mehr zu Polly.“, sagte ich zu mir selbst. Dann gab ich die PIN ein.

Augenblicklich ließ mich das Vibrieren des Telefons in meiner Hand zusammenzucken. Beinahe wäre es mir aus den Fingern entwischt.

„Das hoffe ich.“, und „Ich möchte dich wiedersehen.“, stand auf meinem Display.

Meine Finger tippten wie in Trance: „Das geht nicht.“

Und während mir schon die Tränen in die Augen stiegen, und ich darüber nachdachte, dass es ja wirklich nicht ging, mich mit Mike zu treffen, vibrierte es in meiner Hand.

„Na du, auch noch wach?“

„Ja, du doch auch. Dabei sollten wir besser schlafen.“

„Stimmt. Aber ich kann nicht. Ich muss dauernd an dich an denken. Wann können wir uns mal sehen?“

„Morgen im Kindergarten.“

„Das meine ich nicht Polly. Das weißt du genau. Willst du nicht?“

„Nein. Wir können nicht.“

„Warum nicht?“

„Na weil wir verheiratet sind und ich eine Erzieherin deines Sohnes bin?!“

„Deshalb können wir uns trotzdem mal treffen. Wenn du nicht gerade in Dessous erscheinst, bin ich ganz brav 🙂 Versprochen .“

Ich blieb hart. „Nein Mike. Das gehört sich nicht. Ich hätte kein gutes Gefühl. Da sind Paula und Robert und die Kinder…. Es geht nicht.“

„Schade meine Kleine. Ich verstehe das. Und du hast recht. Dann muss ich eben weiter davon träumen. „

ÄÄÄÄhhhh…. ja….hatte ich das jetzt richtig gelesen?

Mike warf schon die Flinte ins Korn? Natürlich ging das nicht mit dem Treffen. Aber er hätte doch wenigstens noch etwas darum kämpfen können? War ich ihm egal? Fand er sich wirklich so leicht damit ab?

Plötzlich war da ein Gefühl in mir, als hätte er mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich war enttäuscht. Darüber, dass Mike nicht hartnäckiger gewesen war.

„Ok. Dann schlaf mal gut.“, schrieb ich schnell zurück.

Mich ermahnte ich im Geiste, meiner Traurigkeit über diese Flaute keinen Raum zu geben. Schließlich war ich es doch gewesen, die von vorneherein abgeblockt hatte… Aber das machen Frauen doch immer so, oder?! Das muss man doch wissen, als Mann…!

Wir sagen Dinge und meinen sie ganz anders… also manchmal… das weiß Mann doch!!!

Etwas unwirsch legte ich das Handy zurück auf die Ablage. Ein Summen ertönte, doch ich ging zu Bett, ohne mich darum zu kümmern.

Ich weinte.

Warum?

Ja, ich weiß es gar nicht so genau.

Aber über dieses Weinen schlief ich allmählich ein.

Als ich am nächsten Tag erwachte, war Robert schon aufgestanden. Es war Samstag. Aus dem Wohnzimmer hörte ich Olivia und Valentin, die sich um irgendetwas zankten. Im Bad rauschte die Dusche.

Schnell stand ich auf, und schnappte mir meine Handy.

„Ich gebe nicht auf, Polly. Gute Nacht.“

Der Tag war gerettet! Für mich war es der schönste Morgen seit langem.

Polly

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17 Gedanken zu “Mitten in der Nacht… oder, wann sehen wir uns wieder?

  1. Und immer, wenn man denkt: Es ist vorbei…. Merkt man wieder wie viel einem das alles bedeutet. Ein ewiges sterben und wiederbeleben….
    Nur ein einziges Wort was alles zerstört und ein weiteres, was einem den Tag rettet…. 😉

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  2. Als ich deinen Beitrag las, kam mir diese Spannung bekannt vor: Eigentlich ist es „verboten“, aber man möchte doch so gern. Ein bisschen so wie als Kind allein zu Haus mit dem Wissen, dass man nicht an die Süßigkeiten gehen darf und es dann doch tut.
    Ich habe Ähnliches erlebt und einen Teil davon in meinem Blog verarbeitet. Ich bin mir heute im Klaren darüber, dass es kein Zurück gibt, wenn man diesen Weg eingeschlagen hat. Eine Affäre verändert Alles. Viel Glück für eine richtige Entscheidung! 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • Ich danke dir sehr. Du beschreibst es wunderbar… wie es sich anfühlt. Es gibt kein zurück. Es geht um Menschen. Sie zu verlieren, enttäuschen, verletzen, vermissen, begehren …das macht es so schwer.
      Mein Herz hat sich entschieden. Schon lange. Aber es geht nicht nur um mein Herz.
      Danke für deine Worte und willkommen beim GeliebtenLeben. Polly☺

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  3. An der Stelle „Mike warf schon die Flinte ins Korn? ..“ musste ich schon arg grinsen. (Laut lachen ging gerade nicht. Mein Umfeld hätte sich gewundert).
    Wie oft habe ich schon von Frauen ganz enttäuscht gehört, ein Mann hätte sich nicht lange und ausreichend bemüht. Und wie oft habe ich schon von Frauen gehört, dass der blöde Kerl immer noch baggert und nicht kapiert, dass frau ihn nicht will.
    Da wahrscheinlich die meisten Männer nicht unterscheiden können, ob die Frau weiter umworben werden will oder nicht, bleibt die Frage, welche Strategie für den Mann die bessere ist? Die offen geäußerten Wünsche der tollen Frauen respektieren? Oder einfach werben ohne Ende, auch wenn einen dann 80% der Angebeteten für einen blöden Arsch halten?
    Für die männliche Erfolgsquote ist letzteres wahrscheinlich die bessere Strategie.

    Gefällt 1 Person

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