Pollys Herz schlägt höher… oder jeden Tag eine Nachricht

Als ich am nächsten Morgen aufstand, konnte ich es nicht erwarten, dass Robert endlich zur Arbeit ging. Kaum war er zur Tür hinaus, flitzte ich zum Rechner. Olivia und Valentin schliefen noch. Meistens weckte ich sie erst, wenn ich zurecht gemacht war und die Zeitung gelesen hatte. Heute waren es noch einmal Mikes letzte Zeilen, welche ich las.

Ich war ihm ja von gestern noch die Antwort schuldig.

Also überlegte ich hin und her, was ich denn schreiben sollte. Aber mir fiel so recht nichts unverfängliches ein. Außer, dass ich ihn immer noch liebte und begehrte. Und das konnte ich ihm doch nicht schreiben… Nein. Auf keinen Fall!

Kurzer Hand entschied ich mich deshalb, das Thema zu wechseln und scheute mich davor, Mikes Flirtversuch aufzugreifen.  Wer weiß, was ich ihm sonst noch schrieb! Da hatte ich doch ein mulmiges Gefühl dabei.

Und so ging ich nicht weiter auf seine Worte ein.

Schließlich tippten meine Finger ein kurzes und knappes: „Guten Morgen“. Mehr nicht.

„So beginnt man immerhin den Tag, Polly“, beschwichtigte ich mein schlechtes Gewissen, nicht ausführlicher zu antworten. „Mit einem freundlichen Gruß.“

Dann schaltete ich den PC wieder aus und weckte die Kinder.

Wenig später saßen wir beim Frühstück. Mit meinem Kopf war ich bei Mike. Wie würde er wohl reagieren? Würde er genau wie ich, auf eine Nachricht warten? Würde er noch zurückschreiben, bevor er das Haus verließ? Würde er darauf anspielen, wenn wir uns über den Weg liefen?

All diese Gedanken ließen mich mein Müsli vergessen. Nach minutenlanger Gedankenstarre war eine dicke, aufgequollene Pampe daraus entstanden. Zäh wie Kleister. Skeptisch schob ich mir noch eine Portion in den Mund, entschied aber doch, den Rest lieber der Tonne zu überlassen.

Außerdem war es an der Zeit, in die Kita aufzubrechen.

Kurz bevor wir das Haus verließen, überlegte ich, ob ich doch noch einmal nach meinen Mails sehen sollte….. Verwarf dies allerdings aus Zeitgründen und sauste mit meinen Sprösslingen zur Arbeit.

Ich sah Mike den ganzen Tag lang nicht.

Als ich aus einem Elterngespräch in die Gruppe zurück kam, waren die Zwillinge schon gebracht worden.

Ich fragte nicht nach, von wem.  Das wäre doch etwas zu auffällig gewesen. Also tröstete ich mich mit dem Gedanken an meinen Feierabend. Dann konnte ich mich über mein Postfach machen.

Leider wollten die Stunden bis dahin gar nicht vergehen.

Als es dann endlich so weit war, starrte ich gespannt auf den Bildschirm. Und mein Warten wurde belohnt.

Mike hatte mir geantwortet. Noch am frühen Morgen. Erst hatte er meinen Gruß nur knapp erwidert. Dann am Nachmittag eine zweite Nachricht geschickt.

„Schade, dass ich dich heute nicht gesehen habe. Da war der Tag nur halb so schön.“

Und dann erzählte er von seiner Arbeit. Schrieb, dass er die ganze Zeit an mich gedacht hatte.

Es war wie ein kleiner Brief. Ich freute mich sehr und meine Augen konnten sich nicht sattlesen an den Buchstaben.

Darauf musste ich antworten. Nicht erst am nächsten Tag. Sondern jetzt!

Ich dachte kurz nach und berichtete Mike auch von meinem Tag. Was ich alles erlebt hatte. Warum wir uns heute im Kindergarten nicht sehen konnten, und wie sehr ich mich auf meinen Feierabend gefreut hatte, um seine Nachricht zu lesen.

Als ich fertig war, ging ich zu Bett. Glücklich.

Und so ging es immer fort. Wir schrieben uns jeden Tag einen kleinen Brief. Erzählten einander vom Alltag, der Arbeit und von unseren Kindern.

Mit jedem Tag wurden die Texte länger, die Worte gefühlvoller und die Sehnsucht nach der Antwort größer.

Dann brachen die Sommerferien an. Unsere Familie fuhr zwei Wochen in die Berge. Alle erholten sich prächtig. Es war ein toller Urlaub. Mit viel Bewegung und Entspannung. Wir unternahmen etliche Ausflüge und Wanderungen. Die Stimmung zwischen Robert und mir war gelöst.

Aber mir fehlte der Austausch mit Mike. Sehr.

In der Ferienwohnung gab es keinen Computer, und somit auch keine Mails.

Jeden Tag dachte ich an ihn.

Schon beim Aufstehen ging es los. Ich fragte mich, was er den Tag über wohl machen würde. Mittags überlegte ich dann, ob es ihm hoffentlich gut ginge. Vermisste er unsere Schreiberei ebenso wie ich?
Wenn der Abend kam, sehnte ich mich schrecklich nach seinen Worten, und in der Nacht träumte ich von ihm.

Wie froh war ich, als der Urlaub zu Ende war!
Kaum zuhause angekommen, las ich gierig seine Zeilen.

„Ich vermisse dich.“ Diese Worte klangen in mir, wie zarte Silberglöckchen.

Aber Mike hatte mir zwischenzeitlich nicht nur einmal geschrieben. Nein! Jeden Tag hatte er an mich gedacht und eine Nachricht verfasst.

Ein Gruß, oder was er gerade machte. Wie es ihm ging….und wie sehr ich ihm fehlte. Nicht nur meine Worte.

Als ich dies alles gelesen hatte war ich sprachlos.

Es war so unglaublich schön. So eine Überraschung hatte ich nicht erwartet. Noch bevor ich über meinen Urlaub berichtete, tippten meine Finger:
„Ich vermisse dich auch.“

Und dann dauerte es keine Minute: „Gibst du mir mal deine Handynummer? Bitte.“

Und ich tat es.

Und wie gerne ich es tat!

Polly

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7 Gedanken zu “Pollys Herz schlägt höher… oder jeden Tag eine Nachricht

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