Pollymoment: Brief

Gestern habe ich mich einmal hingesetzt und einen echten Brief geschrieben. An meine Tante väterlicherseits, die im Spreewald zuhause ist.

Sie ist schon über 90 Jahre alt, und bevorzugt lieber den Gang zum Briefkasten, als ihren PC anzuwerfen und eine Mail zu empfangen. Obwohl sie trotz ihres hohen Alters, mit der modernen Technik durchaus vertraut ist.

Ein- bis zweimal im Jahr schreibe ich ihr einen ausführlichen Brief. Und ich genieße es! Wann schreibt man schon noch mit echter Tinte auf Büttenpapier, immer begleitet vom Gedanken an ein ordentliches Schriftbild, ohne Rechtschreibfehler? 

Für mich ist dieser seltene Akt fast schon zu einem andächtigen Ritual geworden. Es beginnt damit, dass ich den kleinen Schreibwarenladen bei uns um die Ecke besuche. Dort gibt es eine schöne Auswahl an echtem(!) Briefpapier. In allen Variationen und Farbgebungen. Hadernpapier, Bütten, mit Wasserzeichen, bedruckt…alles was das Schreiberherz begehrt. Und natürlich die passenden Kuverts dazu.

Ich habe mich dieses Mal für ein edles Büttenpapier entschieden. Eierschalenfarbig mit Wasserzeichen und rauhem Rand. Handgeschöpft. Es ist schon eine ganz anderes Gefühl, wenn man so ein edles Papier zwischen seinen Fingern hält. Nicht zu vergleichen, mit meinem sonstigen „schnöden“ Computerpapier.

Als Krönung des Ganzen habe ich mir diesmal sogar noch einen echten Füller gekauft. In der Regel schreibe ich meine Briefe und die Tagebücher für meine Kinder, gerne mit Gänsefeder und Tusche.

Aber da sind Kleckse keine Seltenheit, was mich oft frustriert. Deshalb also jetzt ein edler Füller. Die verschiedenen Kategorien sind  hier sensationell. Vom Schulfüller bis zu den Rolls Royce unter den Federhaltern, liegen die Preise zwischen 15 und 350(!) Euro.  

Ich habe meinen Geldbeutel befragt und demnach ein recht preiswertes Mittelklassemodell gewählt. Mit auswechselbaren Federn in verschiedenen Stärken, auch gut geeignet für spätere Kalligraphien. Und dann noch wunderschöne Tinte in leuchtendem türkisblau.

Herrlich, wie dieses Schreibgerät in der Hand liegt! Es kommt mir recht schwer vor und doch ist es möglich, die Feder mit einer Leichtigkeit über das Papier zu führen. Das ist so viel mehr als kugelschreiberschreiben.

Die Ausrüstung war also komplett.

Jetzt ging es ans Schreiben. Und ich muss sagen, dass ich viel sorgfältiger nachgedacht habe, was und wie ich schreibe. Sonst regle ich meinen Schreibverkehr ja am PC oder mit dem Handy, da muss alles immer schnell  gehen und ist ja auch recht schnell wieder korrigiert, falls der Fehlerteufel einmal Einzug hält. Nicht so bei einem echten Brief. Da nehme ich mir bewusst Zeit. Richtig Zeit. 

Wahrscheinlich alleine schon aus dem Grund, um das teure Papier nicht unnötig zu versauen, und sicher auch, weil das Schreiben mit Feder auf Papier so wunderbar entspannend ist. Da ist Hektik fehl am Platz. Da gebe ich mir besonders Mühe, alles ordentlich und fehlerfrei zu Papier zu bringen und das Wichtigste aus Monaten in schönen Worten zusammenzufassen. Es ist wirklich zu etwas ganz Besonderem geworden. Gerade in der heutigen Zeit.

Dann den Bogen schön und sauber gefaltet in den Briefumschlag stecken, mit der Adresse versehen und, zu guter letzt noch eine Briefmarke aufkleben. Nach diesem Prozedere, fühle ich immer ein wenig Stolz und Ehrfurcht in meiner Brust.

Am Ende noch der Gang zum Briefkasten, mit tausend Gedanken im Kopf an das Geschriebene und die Empfängerin.

Klappe auf und rein damit.

Da wird mir endgültig bewusst, ich schicke heute etwas ganz besonderes auf Reisen, sehnsüchtig erwartet. Und im Spreewald wird in ein zwei Tagen schon, ein Lächeln auf das Gesicht meiner Tante gezaubert.

Was für eine liebevoll schöne Vorstellung! 🙂heart-471923_640

Eure Polly

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18 Gedanken zu “Pollymoment: Brief

  1. Wirklich schön und offensichtlich auch Begeisterung auf Deiner Seite, nicht nur bei Deiner Tante.
    Ja, die alten „Kulturtechniken“ hatten eben auch Vorzüge, wie die neuen sie halt auch haben. Und irgendwann wird das Tippen eines Textes ein besonderer Moment sein 😉

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  2. anettburri schreibt:

    Eine wunderschöne Geste. Auch eine Art Wertschätzung sich Zeit zu nehmen um Briefpapier, Briefumschlag und auch das Handwerkszeug zum schreiben auszuwählen. Danke für das teilen dieses Genusses….

    Gefällt 2 Personen

  3. Bin ein großer Fan vom Handgeschriebenen und zelebriere dies ab und zu auch ganz bewusst, um dem schnellen Leben etwas gebührlich entgegenzusetzen. Daher habe ich mit Freude Deinen Beitrag gelesen und hoffe, dass diese schöne Tradition auch im Zeitalter des Internets weiterhin Zuspruch finden möge.

    Herzliche Grüße

    von Constanze

    Gefällt 1 Person

  4. Für lange Briefe fehlt mir inzwischen die Geduld und die Ausdauer (und vermutlich auch Empfänger, die das zu schätzen wissen).
    Aber ich liebe es, handgeschriebene Postkarten zu verschicken. Im Urlaub laufe ich diesbezüglich meist zur Höchstform auf. 🙂

    Gefällt 1 Person

  5. Liebe Polly, gibt es etwas schöneres, als einen handgeschriebenen Brief oder eine Postkarte von einem lieben Menschen zu erhalten? Ich glaube nicht, denn auch ich liebe das sehr. ❤
    Nur leider fehlt es meist an der Zeit, sich in Ruhe hinzusetzen – und dann ist man (bin ich) doch bequem und schickt schnell eine E-Mail, da dies (im Normalfall) weniger Zeitaufwand bedeutet.
    Dein Beitrag hat mir Lust gemacht, mir wieder einen Füller zuzulegen (mein Füller aus Schulzeiten hat leider nicht überlebt, nachdem ihn eine meiner Schwestern in die Finger bekommen hatte … aber ich erinnere mich noch, dass er königsblau-silber war und von Herlitz kam, wenn mich nicht alles täuscht.).
    Viele liebe Grüße, Karina

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