Polly antwortet…. oder, wie ein Wort das andere gibt

Kaum zuhause angekommen stürzte ich sofort an den PC. Und tatsächlich, ich hatte Post! Juhuu!!!!
….
….
Von meiner Schwester. Sie kündigte sich zum Wochenende an.
Hm. Toll.
Meine Enttäuschung war groß.

Aber was hatte ich eigentlich erwartet? Hatte ich geglaubt, dass Mike ebenso verrückt nach mir war, wie ich nach ihm? Hatte ich tatsächlich gehabt, er würde mir glühende Zeilen schreiben?

Ja. Ein bisschen.

Schon auf der Heimfahrt konnte ich mich kaum noch auf den Verkehr konzentrieren. Mein Kopf war voller Sternchen und Funken. Träume und Sehnsüchte wuselten durch mich hindurch und trübten meinen Blick auf den Straßenverkehr.

Meine Lippen waren noch benetzt mit dem Geschmack von Mikes Haut. Sein Aftershave umgab mich immer noch wie eine duftige Wolke. Ich war so voller Aufregung und Freude, dass ich sogar Schwierigkeiten hatte, mit dem Schlüssel das Türschloss zu treffen. Die Treppenstufen zu unserer Wohnung waren gespickt mit erträumten Worten und Smileys. Ich stolperte mehr nach oben, als dass ich lief.

Jetzt hockte ich da und glotzte betrübt auf den Bildschirm. Nur Post von Clara. Nicht von Mike.

Ich merkte wie sich meine Augen mit Tränen füllten.

Das war doch zu albern!

Ich, Polly, eine erwachsene Frau, die mitten im Leben stand, heulte wegen einer Nachricht, die es nicht gab. Das frustrierte mich noch mehr.
Lustlos stand ich auf und machte mich daran, den Geschirrspüler auszuräumen.

Valentin und Olivia waren heute bis zum Abend bei meinen Schwiegereltern und Robert war auch noch nicht da.

Ich hatte also Zeit.

Warum sollte ich Mike eigentlich nicht schreiben? Warum sollte ich warten und nichts tun? Schließlich war ich ihm ja auch noch eine Antwort schuldig geblieben. Das hatte er mir heute doch aufs Brot geschmiert. Hatte er etwa genauso auf eine Nachricht gewartet, wie ich?

Mit etwas zuviel Elan schloss ich die Klappe des Geschirrspülers. Dann lief ich schnurstracks zum Computer zurück. Meine Finger tippten: “ Da hast du dich heute aber mal ausnahmsweise von deiner guten Seite gezeigt. Danke.“

Nachdem ich diese Zeile abgeschickt hatte, bereute ich es sofort. Was hatte ich da nur für einen Schwachsinn geschrieben! Ausnahmsweise… von der guten Seite… wie klang das denn? Nicht unbedingt wie ein ernstgemeintes Dankeschön. Während ich noch überlegte und mich über mich selbst ärgerte, ploppte eine Nachricht auf.

„Ich weiß :-)“

Mike war am PC! Genau in diesem Moment.

„Danke nochmal. Das war wirklich nett.“, schrieb ich schnell.

„Die Belohnung war netter. Die Anstrengung hat sich gelohnt.“

Als ich das las, wurde ich knallrot.

„Ach Quatsch. Du willst mich veräppeln.“

„Nein. Für einen Kuss von dir, mach ich viel. Sehr viel Polly.“

Ohne dass ich es steuern konnte, schnellte meine Hand nach vorn, und ich zog abrupt den Netzstecker des Computers.

Sogleich war der Bildschirm schwarz.

Fassungslos kaute ich auf meiner Unterlippe. Mein Mund war trocken, meine Stirn feucht. Unregelmäßig strömte der Atem in meine Lungen. Mikes Worte rauschten durch meinen Kopf.

„Nein. Für einen Kuss von dir mach ich viel. Sehr viel Polly.“

Das hatte er geschrieben.

Aber, hatte er es ernst gemeint?
Was hatte er überhaupt damit gemeint? War das der Beginn eines Flirts, eine Anmache?

Wollte er Küsse? Von mir?

Während ich versuchte meine Gedanken zu ordnen, sprang die Tür auf und Kindergetrappel war zu hören.

„Hi Schatz.“ Plötzlich merkte ich, dass Robert hinter mir stand. 

Zum Glück war der PC aus.

„Ich hab die Kinder noch schnell bei meinen Eltern abgeholt. Da brauchst du nicht extra los.“

„Danke“, antwortete ich abwesend.

„Ist alles ok mit dir?“

„Ja, klar, alles ist gut. Hab nur kurz meine Mails gelesen.“

„Und warum hast du den Stecker in der Hand und schaust als ob du ein Gespenst gesehen hast?“

„Mach ich das? Äääh…  ich oh, ich glaub ich bin gedanklich noch beim Staubsaugen gewesen, das ist ja bekanntlich ein Graus…“ lächelte ich verlegen, und hoffte dass Robert sich zufrieden damit gab. „Ich mach mal Abendessen zurecht.“

Mit diesen Worten verzog ich mich schleunigst in die Küche. Dort ließ ich mich erst einmal auf die Eckbank fallen, und legte die Füße auf den angrenzenden Stuhl.
Eine Zeit lang lag ich bewegungslos da. In mir ein einziger Wirrwarr aus Gedanken, Worten und Gefühlen.

Olivia weckte mich aus dies Zustand und hielt mir ein leeres Glas entgegen. „Mama, gibt’s noch Orangensaft?“

Schwerfällig rappelte ich mich auf. „Sicher doch Schatz. In der Speisekammer muss noch eine Flasche sein.“
Darauf hin verließ sie die Küche. Aus dem kleinen Nebenräumchen hörte ich es scheppern. Meine Tochter war also fündig geworden, und ich musste mich langsam auch an die Arbeit machen. Bratkartoffeln mit Kräuterquark.

Wenig später am Esstisch war die Stimmung sehr ruhig. Robert sagte kein Wort zu mir. Hatte er etwas mitbekommen? Nein. Das konnte nicht sein. Nachdem ich dem Computer so unsanft den Saft abgedreht hatte, war er ja erst nach hause gekommen .

Olivia schaufelte sich den Teller mit Kartoffeln voll und konnte nur schmatzen, aber nichts erzählen, während Valentin lustlos in seinem Teller stocherte. Dann entschied er sich dafür, lieber nichts zu essen, sondern zu spielen.

Und ich? Ja. Mir war auch nicht nach Gesprächen. Dafür war ich noch viel zu verwirrt.

Bevor ich zu Bett ging, beschloss ich noch ein heißes Bad zu nehmen. Heute würde ich Mike besser nicht mehr antworten. Aber morgen.

Ganz bestimmt.

Polly

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17 Gedanken zu “Polly antwortet…. oder, wie ein Wort das andere gibt

      • Das wäre natürlich nicht so toll. Aber daran glaube ich nicht. Ich denke ich bin vorsichtig genug. Er weiß nicht dass ich blogge. Wir leben nebeneinander her. Jeder macht sein Ding. und doch gemeinsam. Anders kann ich es nicht beschreiben. Er stöbert nicht. da bin ich sicher. Wenn es einmal herauskäme… ja. Dann ist es so. Dann müssten alle beteiligten damit umgehen. Aber ich schreibe so, dass man beim Lesen nicht unbedingt sofort auf die realen Personen kommt…Es ist nicht immer leicht.

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    • Nein. Alle Namen sind anonymisiert. Teilweise auch Orte. Ich denke nicht, dass jemand darauf kommen würde, um wen es sich tatsächlich handelt. Es könnte auch eine fiktive Geschichte sein… Alles ist doch möglich… Robert würde auch niemals stöbern. Auch da bin ich mir sicher.

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  1. Also irgendwann könte R etwas merken. Aber nicht weil Du Blog schreibst. Sondern weil Dein Verhalten sich ändert, weil Du Dich änderst durch das Erleben einer Intensität die es bisher nicht gab in Deinem Leben. Ist mir ganz ähnlich passiert.

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Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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