Blogger schreiben gemeinsam: Vom geplatzten Knoten

10 neue Wörter, und ich folge gerne dem Ruf von Westendstories und bastle daraus eine Geschichte 🙂 

Raumzeit, Erdbeergelee, Veilchen, Musenlaune, Ausstellungskadaver, Literaturschleuder, Furie, Gurkenhobel, Cremetörtchen, schlürfen

Seppi Reuys tigerte unruhig in seinem Atelier herum. Von einer Ecke zur anderen.

An einer weißen Leinwand blieb er stehen und griff in den Karton mit Cremetörtchen, den er auf dem Boden abgestellt hatte. Dann fuhr die Hand zu seinem Mund und schob die süße Kalorienbombe mit einem Mal hinein.

Seppi brauchte Seelennahrung.

Heute mehr denn je. In wenigen Tagen hatte er seine Ausstellung geplant, in der schäbigsten Galerie der Stadt.

Die renommiertesten Kunstblätter hatten sie groß angekündigt.

Reuys, der lange verschmähte Künstler, versuchte erneut sein Glück.

Diese Tatsache war auch für die Boulevardpresse ein gefundenes Fressen gewesen. Schon im Vorfeld zerfetzten die Literaturschleudern Seppi Reuys förmlich in der Luft.

Ihn, den brotlosen Künstler, der  am Wochenende ein Comeback wagen wollte.

In den letzten Jahren hatte Seppi nur noch Ausstellungskadarver zuwege gebracht. Die namhaften Galerien hatten sich alle von ihm distanziert.

Sogar der örtliche Kunstverein hatte ihm die Ehrenmitgliedschaft entzogen. Er war am Ende. Die Chance, in elitäre Künstlerkreise aufzusteigen, war dahin gewesen. Ein echter „Reuys“ war schon lange nicht mehr gefragt.

Monatelang hatte er sich deshalb in seinem Gartenhäuschen verschanzt. Hatte sich geschämt und betrauert. Selbst die leuchtend blauen Veilchen, die überall in seinem Garten wuchsen, konnten ihn nicht fröhlich stimmen.

Aber jetzt, jetzt wollte er es noch einmal wissen! Schluss mit dem Gärtnerdasein! In ihm steckte ein Künstler. Ein verkanntes Genie! Er würde allen beweisen, dass er DER Meister der Bildenden Künste war!

Das nächste Cremetörtchen fand den Weg in seinen Mund.

Seppi hatte es noch dick mit Erdbeergelee beschmiert. 

Unmengen an Zuckerzeug hatten früher seine Kreativität immer zu sprühen gebracht. Bevor, sie sich in die Tiefen seiner Phantasie verkrochen hatte und trotz unzähliger Naschereien nicht mehr zurückgekehrt war.

Auch diesmal war es vergebens. Die extreme Süße konnte seine Musenlaune nicht wieder zum Vorschein bringen.

Reuys schüttelte sich.

Angewidert schlürfte er an seiner Tasse mit extra starkem Espresso, um das klebrige Gefühl von seiner Zunge zu vertreiben.

Nichts. Sein Kopf war leer!

Sein geistiges Auge sah keine Farben, keine Formen. Seine Finger sehnten sich nicht nach den Pinseln, die er einst so liebte. Die Farbtöpfe glotzten ihn teilnahmslos an und die Leere der Leinwand lachte ihn aus.

Da stieg plötzlich eine enorme Wut in Seppi auf. Langsam, wie eine Schlange kroch sie durch seinen Körper, bis hinein in seine Seele! Bis in sein Herz, seine Fingerspitzen, seinen Kopf!

Als Seppi sich erneut bückte und unsanft in den Karton griff, quoll das geschnappte Törtchen zwischen seinen Fingern hervor.

Was für ein Gefühl! Die kühle, fettige Creme! Der zerquetschte Kuchenteig!

Und dann wusste er es! Der Knoten war geplatzt.

Wie im Rausch, warf Reuys ein Cremetörtchen nach dem anderen auf den noch jungfräulichen Leinenstoff.

Zack! Zack! Zack!

Noch eines und noch eines!

Mit Genugtuung beobachtete er, wie die sahnige Masse an der Oberfläche pappte und langsam in Richtung Boden rutschte.

Schnell nahm er auch das Glas mit dem Gelee.

Er tauchte den Löffel tief hinein, …..uuuuuund Klatsch! Ein roter Fleck prangte zwischen Biskuit und Sahne.

Klatsch! Klatsch!

Bis der ganze erdbeerige Inhalt verschleudert war. Seppi atmete den Duft ein, der sich im Zimmer verteilt hatte. Überall schwebten mikroskopisch kleine Spritzer und Sprenkel in der Luft. Es war, als ob er die Raumzeit in seine Lungen sog. Wie eine Droge berauschten ihn diese Empfindungen. Nahmen ihn mit auf eine Reise in unbekannte Welten.

Seppi war in Fahrt.

Nachdem er ausgiebig geschnuppert hatte, legte er die Leinwand unwirsch auf den Boden ab. Dann kniete er sich darauf und trommelte wie ein Wilder auf die dort klebende Pampe ein.

„Ja! Ja! Ja!“, schrie er bei jedem Schlag. „Ihr werdet euch noch wundern ihr Banausen!“

Schweißgebadet und klebrig verschmiert stellte er sich mitten auf die glitschigste Stelle des Bildes. Mit aller Kraft hüpfte und trampelte er darauf herum.

Wie eine Furie tanzte er sein Werk.

Sein ganzer Frust entlud sich über seine Füße. Er schmierte und schlitterte, er patschte und matschte.

Schließlich beendete er seine Kür. Erschöpft ließ sich Reuys vor sein Kunstwerk auf den Boden fallen.

Er betrachtete es. Es war großartig!

Hier, in diesem Werk, lagen Seppis ganze Emotionen der letzten Monate. Endlich befreit aus seinem Inneren. Offengelegt und für jedermann sichtbar. Verewigt für immer.

Ehrfürchtig kratzte Seppi Reuys mit einem alten Gurkenhobel noch letzte Feinheiten in die duftige, zähe Pracht.

Es war vollbracht.

Nur ein Bild würde am Wochenende in der Galerie hängen. Nur ein einziges.

Dieses!

Es würde den Besuchern mehr über Reuys verraten, als je ein anderes seiner Bilder zuvor.

Komme was wolle. Seppi hatte endlich seine Passion gefunden und rieb sich zufrieden die Hände.

Seine Kreativität war neu entflammt. Die Muse hatte ihn geküsst, stärker als er es überhaupt zu träumen gewagt hatte.

Schon morgen würde er sich wieder ans Werk machen. 

Diesmal würde er es mit Butter und Wachs versuchen. Dann mit Fett und Asche oder mit Tomatensoße.

Vielleicht irgendwann einmal sogar in einer Badewanne oder in einer Kloschüssel.

Wer weiß.

Polly

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16 Gedanken zu “Blogger schreiben gemeinsam: Vom geplatzten Knoten

  1. Ein ziemlich schnell vergängliches Werk, das Reuys da schafft. Wie es sich wohl wandelt beim Verschimmeln?.Manche Künstler verbrennen ihre Werke, die Mönche streuen Mandalas aus Sand und fegen den anschließend einfach so in einen Fluss. Thema Zulassen-Loslassen 😉

    Grüße,
    Silbia

    Gefällt 1 Person

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