Tapfere Polly…. oder, Jahre der Zusammenarbeit

Und so vergingen die Monate.

Ich lebte vor mich hin. Einfach so. Nicht mehr und nicht weniger. Meine Ehe entwickelte sich mehr und mehr zu einer Art Zweckgemeinschaft. Robert und ich existierten nebeneinander her. Und doch waren wir miteinander. Irgendwie.


Er bemühte sich um verschiedenste Praktika und nahm alles an, was man ihm bot. Hausmeistertätigkeiten, Lagerarbeiten, Straßenpflege, Gartenpflege und, und, und…

Diese Tätigkeiten waren nicht zu vergleichen, mit seiner früheren Arbeit im Krankenhaus. Nun hatte er wenig eigene Verantwortung, musste aber körperlich hart ran. Im Grunde war er froh, endlich wieder Aufgaben zu haben, die er bewältigen konnte. Fernab von Kind und Kegel.

Trotzdem fühlte er sich „degradiert“, im Vergleich zu seiner bisherigen Tätigkeit.
Wenn Robert am Abend nach hause kam, war er geschafft. Psychisch und physisch. Dann schlug er sich auf die Couch, und es dauerte keine fünf Minuten, bevor er zu schnarchen begann.

Anfangs versuchte ich noch, ihn in unser Familienleben einzuspannen. Bat ihn mit den Kindern zu spielen, oder mir noch schnell zur Hand zu gehen. Dann bot ich ihm einen Kaffee an, damit wir gemütlich zusammensitzen und uns unterhalten konnten. Ich ließ ihm ein heißes Bad ein, ich erkundigte mich nach seinem Befinden…ich wollte ihn in den Arm nehmen.
Doch Robert war zusehends von allem genervt. Es gab immer öfters Streit zwischen uns, und auch mit den Kindern.
Wegen Kleinigkeiten.
Also beschloss ich, meinen Mann erst einmal in Ruhe zu lassen. Vielleicht gab sich ja alles wieder. Er musste sich auch erst an den strafferen Tag für sich gewöhnen. Selbstverständlich war er abends müde und ausgepowert. Schließlich war er immernoch krank und nicht so belastbar.

Da ich mich sorgte, schlug ich ihm vor, einfach noch eine Zeit daheim zu bleiben. Aber das lehnte er ab. Er wollte zurück ins Arbeitsleben. Und ich verstand ihn so gut.

Während sich Robert mehr und mehr aus der familiären und ehelichen Verantwortung zurückzog, versuchte ich nach Leibeskräften alles zu kompensieren und zu überspielen. Die Kinder sollten nicht leiden. Ich wollte unsere Krise von ihnen fernhalten, so gut es möglich war. Nach Dienstschluss kümmerte ich mich fortan um alles selbst. Haushalt, Papierkram, spielen, Kontaktpflege mit Freunden, meine Eltern…. alles.

Und das erschöpfte mich. Nach außen begann ich die zufriedene Ehefrau vorzugaukeln. Niemand durfte merken, wie unglücklich ich eigentlich war, wie düster es bei uns aussah. Keinesfalls wollte ich Robert im Stich lassen. Er war mein Mann. Jetzt waren die Zeiten für uns anstrengend, ja. Aber die schönen würden wieder kommen. Daran glaubte ich. Dafür würde ich mein Bestes geben.

Es gab ja auch noch die Wochenenden. Sie gaben mir stets neue Hoffnung. Denn an ihnen war Robert meist wie ausgewechselt. Er war wieder Vater und Familienmitglied. Nur kein Ehemann…doch auch das würde wiederkommen.

Es war nicht so. Leider. Alles Warten auf meinen Ehemann war vergebens. Und so merkte ich, wie auch ich mich mehr und mehr von ihm zurückzog. Meine Kräfte schwanden. Ich fing an unsere WG zu akzeptieren. Mich zu arrangieren. Wir waren fast wie Geschwister geworden. Selten blitzte einmal der Funke von leidenschaftlicher Liebe auf. Unsere Zweisamkeit bekam eine andere Qualität. War auf eine andere Ebene gerückt. Sie war zwar immer noch eng, aber doch auf Distanz.

Auf der Arbeit ließ ich mir nichts anmerken. Ich sprühte förmlich vor Elan. Dies lag auch daran, dass mich derUmgang mit Kindern und Eltern von meinem tristen Alltag ablenkte.
Hier wurde ich gebraucht und gewürdigt, hier wurde mir „Zuneigung“ entgegengebracht. Die Eltern waren zufrieden mit dem, was ich tat, und das beflügelte mich. Auch die Kinder mochten mich sehr. Alles lief rund.

Sogar mit Mike. Durch die vielen privaten Probleme, hatte ich mein Herz fast ausgeknipst. Ich ließ kaum ein Gefühl an mich heran. Dafür hatte ich weder Nerven, noch Zeit. So trat ich Paula und Mike gegenüber höchst professionell auf. Elterngespräche, Smalltalk, Erziehungstipps… alles kein Problem für mich. Es war, als würde ich mich dem Schicksal ergeben, ohne es zu hinterfragen. Und das tat mir gut. Mike war ein Vater, wie jeder andere. Was uns verband, hatte im Kindergarten nichts verloren. Ich hatte mich im Griff.

Mike schien davon jedoch nicht begeistert. Je souveräner ich ihm gegenüber auftrat, desto schüchterner und nervöser wurde er. Oft rang er nach Worten, weil er nicht wusste, wie er mich ansprechen sollte. Er schaute mich verstohlen an, und senkte dann sofort den Blick, wenn ich meinen Kopf in seine Richtung drehte. Immer häufiger kamen die Großeltern zum Abholen von Lennart, Lina und Luis, der mittlerweile ein Krippenkind war.

So lebte ich mein Leben. Zwischen Familie und Arbeit, mit Robert und den Kindern…nur irgendwie ohne mich. Ich bleib allmählich auf der Strecke. Zum Glück merkte ich es nicht.

Polly

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10 Gedanken zu “Tapfere Polly…. oder, Jahre der Zusammenarbeit

  1. Zum Glück HAST du es irgendwann gemerkt. Das macht es nicht immer einfacher. Aber das ist wichtig. Ich finde sehr beeindruckend, was du erzählst. Dieses ‚Rolle-spielen‘, nach Aussen soll keiner merken, wie es im Inneren aussieht. Eine enorme Kraft gibt es da, aber im Stillen zehrt sie einen an der Quelle leer. Zwischen zwei Welten leben und in keiner zuhause sein ist ein komplexer und sehr schwieriger Zustand.
    Es ist ganz erstaunlich, wie lange wir soetwas ‚können‘, bis uns dann irgendwann die Realität von den Füßen haut.
    Ich bin gespannt, wie es weiter geht. Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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