Das Karussell….oder, ein Tag mit Rummel

Es wurde Frühling. Meine Depressionen nach Valentins Geburt waren Geschichte. Ich war wieder fit. Der Familienalltag hatte sich gut eingespielt. Vormittags ging Olivia in die Kita. Das war meist Papas Aufgabe. Vor dem Mittagessen holte ich sie dann ab. Früh genug, um die Kinder meiner Gruppe kurz besuchen zu können, und um gewissen Eltern nicht zu begegnen.

Robert und ich ergänzten uns prima. Wir achteten darauf, möglichst viel gemeinsam zu unternehmen, aber uns durchaus auch Freiräume zu schaffen. Während Robert zum Beispiel mit den Kindern seine Eltern besuchte, konnte ich auch mal mit Freundinnen einen Kaffeenachmittag verbringen. Da hatten die Kinder ihren Papa ganz für sich und umgekehrt. Robert begann wieder in seiner alten Band zu singen und Musik zu machen. Ich war froh darüber, denn so hatte er eine Abwechslung vom Alltagstrott, und das Textlernen war nebenbei noch ein gutes Gedächtnistraining.

Gerade war Frühlingsrummel in unserer Stadt. Ich liebe dieses Treiben, auch wenn ich selbst keine Karussellfahrerin bin. Robert und ich beschlossen einen schönen Nachmittag mit den Kindern zu verbringen. Zwischen Buden und Fahrgeschäften und auf der Platzwiese bei kulinarischen Genüssen. Olivia war schon im Kinderkarussell mitgefahren, und hatte es so geliebt, dass wir fast schon Gewalt anwenden mussten um sie aus dem Feuerwehrauto wieder herauszubekommen. Den ganzen Weg zum Fest sprang sie herum und sang in einem fort. „Tarussell, Tarussell!“ Es war schön, sie so glücklich zu sehen. Robert nahm seine Tochter an die Hand, denn in der Ferne hörte man schon das Tuten der Rennautos, das klingeln der Pferdchen und die Rummel-Musik. Olivia zog ihren Papa zielsicher in die Richtung, aus der die Feuerwehrsirene schallte. Ich hatte Valentin im Tragetuch, und schlenderte gemütlich hinterdrein.

Als ich ebenfalls beim Karussell angekommen war, winkte mir Olivia schon aus einem Hubschrauber zu. Dann drückte sie wie wild die blinkenden Knöpfe und lachte und feixte. Insgesamt war sie noch Polizistin, Kutschenprinzessin, Astronautin und mehrmals Feuerwehrfrau. Dann gings weiter zu den Losen, zum Eis, zur Schiffsschaukel und am Ende auf die Festwiese. Hier gab es alles gegen Hunger und Durst. Wir suchen uns ein schönes Plätzchen außerhalb des Bierzeltes. Olivia spielte schon in dem kleinen Sandkasten unweit unsres Tisches und auch Valentin regte sich an meinem Bauch und suchte die Milchquelle.

Während Robert Essen und Trinken bestellte, setzte ich mich etwas abseits auf eine freie Bank um Valentin zu stillen. Im Tragetuch ging das bombig und diskret. Mein Blick fiel auf den Sandkasten. Zu unserer Tochter hatten sich noch andere Kinder hinzugesellt. Zwei davon kamen mir seltsam bekannt vor…ein Junge und ein Mädchen…

Instinktiv wandte ich den Blick zu Roberts Tisch. Tatsächlich.  Auch er war nicht mehr allein. Paula und Mike leisteten ihm Gesellschaft. Ganz Klasse! Was nun? Stundenlang weiterstillen? Flüchten? Mich in Luft auflösen? Nein! Tapfer sein und cool bleiben. Nachdem unser Engel satt war, nahm ich ihn vorsichtig aus dem Tuch und ging zurück zu meinem Mann. „Oooooh, wie groß er schon ist!“, begrüßte mich Paula und sprang auf um mich zu umarmen. Ich setzte meine flötigste Stimme auf.

„Hallo ihr zwei! Na, das ist aber eine Überraschung!“ Dann setzte ich mich neben Robert und grinste unbeholfen. Mike hob nur die Augenbrauen, sagte aber nichts. Während wir aßen, plapperte Paula ununterbrochen. Sie erzählte von der Arbeit, vom Urlaub und vom Kindergarten. „Sobald in deiner Gruppe Plätze frei werden, kommen sie zu dir. Das hat uns die Chefin versprochen.“ Dabei strahlte sie über das ganze Gesicht, während ich mich fast an meiner Currywurst verschluckte.

Ich hustete etwas und sah aus den Augenwinkeln, wie Mikes Mundwinkel leicht nach oben zuckten. Die ganze Zeit über waren er und Robert stumm wie Fische gewesen. Valentin patschte mit seinen Händchen auf den Tisch und durchbrach so diese bizarren Minuten. Alle Augen richteten sich auf ihn, und ein Grinsen und blubbern folgte. Alle Augen? Nein. Nicht die von Mike. Aber er fixierte nicht mich, wie er es sonst immer tat, sondern meinen Mann. Dann stand er wortlos auf und ging zum Sandkasten.

Ich merkte,wie unser Söhnchen immer unruhiger wurde auf meinem Schoß. Es war eine gute Gelegenheit aufzubrechen. Nachdem Valentin wieder im Tuch hockte und wir unsere Rechnung beglichen hatten verabschiedeten wir uns von Paula. „Bis bald Polly. Tut mir leid wegen Mike, du kennst ihn ja!“ Lachend deutete sie mit dem Kopf Richtung Sandkasten, auf dessen Rand Mike saß und mit den Kindern spielte. „Aber klar doch.“, versicherte ich. Dann rief ich Olivia, die nur widerwillig kam und eine Schnute zog.

„Hab tekocht! Für Mike! Ist noch nicht fertig!“ Dann stampfte sie auf und stemmte die Fäustchen in die Hüften. „Ups, da hab ich’s wohl zu früh gegessen Olivia. Hab es gerade probiert. Echt lecker!“ Mike hielt sich das Förmchen unter die Nase und schmatzte. Olivia grinste breit. „Spaghetti!“, rief sie stolz. Dann gingen wir los.

Auch ich musste schmunzeln.

Jetzt zuckten meine Lippen, aber ganz ohne Häme.

Polly

 

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2 Gedanken zu “Das Karussell….oder, ein Tag mit Rummel

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