Komplett,…oder vier daheim und einer zuviel

Die ersten Tage zu viert daheim waren traumhaft.

Olivia hatte Valentin schnell in ihr Herz geschlossen und beäugte jeden unserer Handgriffe mit dem kleinen Kerl mit Argusaugen. „Vorsicht, gell Mama?“, sagte sie immer, wenn wir Valentin aus der Wiege nahmen, um ihn zu wickeln. Dann schaute sie genau zu, schnappte sich ihr Puppenkind und machte alles mit.

Wickeln, füttern, wiegen, sogar ein kleines Tragetuch hatten wir für sie improvisiert.

Immer wenn wir spazieren gingen, war ihr Baby mit dabei. Mal im Wagen, mal im Tuch. Ganz so wie ihr Bruder. Am schönsten waren die Abende. Kurz bevor wir die Kinder ins Bett brachten, war Familienkuscheln angesagt. Dann saßen wir alle vier auf dem Sofa, schauten Bilderbücher an, erzählten Geschichten, sangen oder waren einfach nur beisammen.

Aber das Leben war nicht nur immer rosig. So wundervoll es war, die Tage schlauchten uns.

Robert war zwar schon ein Baby-Profi, doch mit zwei Kindern und Alltag war ihm die Erschöpfung am Abend anzusehen. Auch ich war schlapp und wurde immer schlapper. Nachts lag ich stundenlang wach. Wälzte Sorgen und Ängste, oder ich stillte Valentin, falls er kam.

Was würde werden? Würde Robert es noch einmal schaffen, sich alleine um unseren Sohn zu kümmern? War ich überhaupt eine gute Mutter, obwohl ich mich nicht selbst um Valentin kümmerte? Würde ich wieder so viel versäumen? Würde ich beiden Kindern  gerecht werden können, und dem Haushalt und meinem Mann? Würde ich genug freien Kopf für die Arbeit haben?

Würde ich versagen? Hatte ich nicht schon versagt?

Doch ich hatte versagt! Das hatte ich! 

In meiner Ehe, und bei meiner letzten Begegnung mit Mike…Und wie zum Teufel kamen schon wieder diese braunen Augen in meine Gedanken? Warum sehnte ich mich nach seinen, vor Aufregung rotgefleckten Wangen? Nach seinem Duft, seiner Stimme? Und dann überkam er mich. Der Babyblues.

Die folgenden Wochen wurde ich immer weniger. Verlor an Appetit, war traurig und ruhelos. Ich konnte und wollte nichts mehr essen. Es war eine mir wohlbekannte Strategie, mich wenigstens in etwas stark zu fühlen. Im Hungern. Hinzu kam, dass ich nicht so recht wusste, was ich mit mir selbst und allem um mich herum anfangen sollte. Es war eine schlimme Zeit.

Robert versuchte mich nach Leibeskräften zu unterstützen. Er wollte mir Nähe schenken, Worte, Kraft. Aber ich wollte sie nicht. Mitten in der Nacht stand ich auf und schritt durch unsere Wohnung. Stand stundenlang an den Bettchen der Kinder und weinte. Einfach so. Dazwischen holte ich immer wieder die Spieluhr hervor, die Olivia damals von Paula und Mike geschenkt bekam, als sie geboren wurde. Ich hatte sie in die Tiefen des Kleiderschranks verbannt, und nun kramte ich sie wieder heraus. Zog an der Schnur und lauschte. Tanzte in meinen Träumen zur Musik, mitten in Mikes Arme hinein.

Auch Valentin hatte ein Geschenk bekommen.

Paula hatte es vor einigen Tagen vorbeigebracht, als ich beim Arzt gewesen war. Zuhause angekommen erwartete mich Robert mit einem kuschelweichen Kinderbadetuch. Darauf war Valentins Name gestickt. „Das ist von deiner Ex.“, begann mein Mann.

Ich zuckte kurz zusammen und hörte nur Ex…

Was wusste Robert?! Konnte er etwa in meinem Kopf die Mokka-Augen sehen? Ich räusperte mich. „Äh, wie Ex?“

„Na deine Ex-Arbeitskolegin.“

„Ach so!“….Puuuhh…

„Sie hat es selbst bestickt. Schöne Grüße soll ich ausrichten. Schade weil du nicht da warst. Vielleicht will sie nochmal wiederkommen.“

„Nein, bitte nicht!“, schoss es mir durch den Kopf. Dann besah ich das Handtuch. In feinen Azurblauen Stichen war der Name unseres Babys verewigt. Er glänze und changierte im Licht.

„Ok.“, sagte ich knapp. Und ich meinte es auch wirklich so. Ich war dankbar. Es war ok. Paula hatte meinen Groll am wenigsten verdient. Ich war es schließlich, die an fremde Männer dachte. An ihren Mann! Und sie hatte sich solche Mühe für unseren Sprössling gemacht. Den Rest des Tages verkrümelte ich mich in mein Bett und zog die Decke über den Kopf.

Am nächsten Tag ging ich zu meiner Psychologin. Wir hatten schon über den Blues gesprochen, (natürlich nur über den Blues…) aber ich hatte bis dato alle Medikamente abgelehnt. Schließlich stillte ich noch, da wollte ich kein Risiko eingehen.

Doch diesmal gab ich nach. „Es gibt auch gute Präparate auf pflanzlicher Basis, die können sie probieren. Ab und zu Höhensonne, oder noch besser ein Lichtgerät. Viel rausgehen und Spass haben. Bewegen sie sich.“

Gut. Ich versuchte es und strukturierte meinen Tag neu. Wollte soviel wie möglich meinen Hobbies nachgehen und Zeit mit den Kindern zu verbringen.

Ob mir die Tabletten halfen? Ich wusste es nicht. Aber das Lichtgerät war klasse. Jeden Tag saß ich davor und schmökerte in meinen Lieblingslektüren. Dazu ein Stückchen Schokolade und heißer Tee.

Langsam kam meine Laune zurück, was auch Robert mit Erleichterung aufnahm. Wir rückten wieder etwas mehr zusammen. In allen Bereichen. Unsere Familie war ein fester Ort für meine Seele. Das spürte ich.

Die Mokka-Augen blieben mir immer öfter verborgen. Und manchmal hatte ich sie nur noch schemenhaft in Erinnerung.

Paula kam nicht noch einmal. Es war gut. So wie es war.

Polly

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2 Gedanken zu “Komplett,…oder vier daheim und einer zuviel

    • Hallo liebe Sarah, bei den Geschichten von Mike und mir handelt es sich um meine echte Affäre mit ihm. Es ist unsere Geschichte, die sich nun schon dreißig Jahre hinzieht und aus der Erinnerung aufgeschrieben ist. Sie ist immer noch nicht zu Ende. Valentin ist mittlerweile schon lange in der Schule. Diese Episode ist also schon einige Zeit her. Ich habe mich erst spät entschlossen über diese besondere Bindung zu Mike zu schreiben. Sie begleitet mich seit ich dreizehn bin. Wirklich zusammen gefunden haben bis wir bis heute nicht…. aber aufgeben wollen wir auch nicht….
      Meine Texte sind anonymisiert und leicht „geändert“ an den eher unwichtigen Stellen. Schon alleine weil es so lange her ist und weil es anonym bleiben soll. Der Kern ist immer wahr, was ich fühlte, wie sich alles durch unser Leben zieht…. Höhen und Tiefen… Liebe… meine Geschichte. Und sie geht weiter. Bis heute. Mal schmerzhaft, mal rosarot…. wohin sie führt, weiß ich nicht. Ich hoffe nur auf das Gute… egal wie es wird.
      Ich freue mich über dein Feedback und dein Lesen in meinem Blog. Schön, dass dich anspricht und berührt, was ich schreibe. Bei den Parallelen wünsche ich dir, dass sie von positiver Natur sind.
      Ich grüße dich herzlich zum Wochenende! Polly☺

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