Märchen: Die drei Glocken

Es war einmal in einem kleinen Dorf. Da gab es drei Glocken.

Die erste der dreien war klein und golden. Sie hing an einem seiden Band, am Hals des kleinen Lämmchens. Immer wenn der Schäfer seine Herde hinaus auf die Weide trieb, schaukelte das Glöckchen hin und her und klang in einem zarten Silberton.

Die zweite Glocke war silbern und schon etwas größer. Sie hatte eine langen Griff und gehörte dem Schulmeister. Der hatte sie immer dabei und läutete sie zur Schulpause oder wenn es etwas neues an der Schule zu berichten gab. Dann ertönte die Glocke mit ihrem warmen Klang.

Die dritte Glocke war die Größte von allen. Es war die Kirchenglocke. Sie läutete zu jeder cowboy-590285_640Stunde, und Sonntags zum Gottesdienst. Dann hörte man ihren Ruf weit über das Dörfchen hinaus.

Eines Tages dachte das goldene Glöckchen bei sich. „Ach, wie langweilig doch alles ist. Jeden Tag sehe ich die Weide. Jeden Tag klinge ich für nichts und wieder nichts. Wie gerne wäre ich doch anders. Größer und wichtiger! Keiner nimmt Notiz von mir! Wie gerne würde ich wie die Schulglocke sein. Dann wüsste ich immer über alles bescheid und könnte Neuigkeiten verbreiten! Dann käme ich rum im Dorf! Ich mag nicht mehr.“

Mit diesen Gedanken wurde das Glöckchen so traurig, dass es beschloss ab heute nicht mehr zu klingen.

Auch die Glocke des Schulmeisters war unzufrieden. „Ach, jeden Tag der selbe Trott. Wer achtet denn schon auf mich?“, dachte sie. „Die Kinder auf dem Schulhof überhören mich gern und wer interessiert sich schon für die Schulnachrichten? Da kann ich noch so schön klingeln, jeder geht doch achtlos an mir vorbei. Ach wäre ich doch so groß und laut wie die Kirchenglocke! Die überhört man nicht so leicht, und was für einen schönen Ausblick ich hätte!“

Betrübt verstummte die Schulglocke, und vor lauter Jammer brachte sie keinen Ton mehr heraus. Ab diesem Tage war es still rund um den Pausenhof.

Der letzten Glocke, im Kirchturm erging es nicht anders. Wie satt hatte sie es, immer nur im Turm zu hängen! Wie gerne würde sie einmal von ihrem Platz herunterkommen und die Welt sehen. „Jeden Tag der selbe Trott!“, schimpfte sie vor sich her. „Warum läute ich die Uhrzeit, wenn doch keiner darauf hört? Jeder blickt auf seine Taschenuhr! Niemand kommt zu mir herauf! Meiner Einladung zu den Gottesdiensten kommen auch immer weniger nach. So gerne wäre ich wie das kleine Glöckchen auf der Weide. Dann könnte ich mit dem Lämmlein springen und wäre nicht allein hier oben. Ich bin doch zu nichts nütze.“

Und so überkam auch die Turmglocke eine große Trauer, die sie lähmte. Sie vermochte nicht mehr zu schwingen, wurde starr und wollte nicht mehr läuten.

book-746134_640Es vergingen wenige Tage, als das kleine Glöckchen mit den Schafen auf der Wiese war und nicht mehr klingen wollte. Das Lämmchen fraß sich von einem Kräutlein zum nächsten und immer fort. Weit war es schon von den anderen entfernt und verhedderte sich plötzlich mit seiner Wolle im Dickicht.

Es zappelte und versuchte sich zu befreien, doch es gelang ihm nicht. Langsam wurde dunkel und das Schäfchen fror. Bald war es zu müde zum blöken. Das Glöckchen in seiner Trauer, ließ alles geschehen. Da hörte es plötzlich aus der Ferne den Schäfer rufen. Schwere Schritte kamen näher an das Gebüsch.

Das Lämmlein wollte rufen, aber es gelang ihm nicht. Da drehte sich Hirte drehte wieder um und suchte in der anderen Richtung. Er hatte sein Tier im Gebüsch nicht bemerkt. Das Lämmlein sank in sich zusammen.

Da begriff das Glöckchen und erwachte aus seiner Stille. Hell begann es zu klingeln, in seinem klaren reinen Silberton. Mit einem Mal griffen starke Hände nach dem kleinen Schaf, hoben es auf und wickelten es in eine Decke.

Das goldene Glöckchen hatte den Hirten gerufen, und er hatte es gehört. Das Schäfchen war nicht mehr verloren. Der Ruf des Glöckchens hatte es gerettet.

In der Schule indessen lief der Direktor hektisch auf und ab. Die Pausenglocke war wohl kaputt, denn es kam kein Ton mehr von ihr. So sehr man sie auch schüttelte, sie war stumm wie ein Fisch.

Anfangs hatte der Schulmeister selbst die Pausen ausgerufen, aber bald schon war er heiser geworden  und brachte keinen Ton mehr aus dem Halse. In den Klassen herrschte Chaos. Des Schulmeisters dünnes Stimmchen drang nicht bis zu den Kindern durch. Keiner hörte ihm zu! Die Schüler und Lehrer kamen zu spät zu den Unterrichtsstunden, oder sie überzogen masslos. Änderungen und Neuigkeiten konnten nicht mehr verbreitet werden.

Die Klassen verwaisten, denn keiner rief die Kinder mehr zur Schule. Da saß der Direktor an seinem Schreibtisch und raufte sich die Haare. „Wie sollen die Kinder lernen, wenn sie nicht zur Schule kommen? Wie sollen die Leute wissen, dass nächste Woche unser großes Schulhoffest stattfindet? Wenn doch nur einer die Schulglocke reparieren könnte! Jahrelang hat sie so wichtige Dienste geleistet. Ohne sie sind wir verloren!“

Als die Schulglocke das hörte, wurde ihr warm ums Herz. Sie sprang von ihrem Platze, viel zu Boden und erklang mit einem lauten Scheppern. Als der Schulmeister das hörte, sprang er voll Freude auf, nahm die Glocke an sich und läutete sie laut und kräftig. Alle Kinder im Dorf spitzten die Ohren und es dauerte nicht mehr lange, da saßen sie wieder in den Bänken und lernten, oder tollten auf dem Pausenhof herum. Die Schulglocke hatte sie zusammengerufen und zurückgeholt. Das Schulleben konnte weiter gehen.

Aber dennoch war im Dorf eine seltsame Stimmung. Seit Tagen hatte die Kirchenglockebell-203533_640 schon nicht mehr geschlagen.

Die Menschen waren verwirrt und durcheinander. Manche verpassten ihren Feierabend, wenn sie nicht auf ihre Armbanduhr schauten. Arbeiter kamen zu spät zum Dienst. Mütter wussten nicht, wann es Zeit zum Mittagessen war. Sie verließen sich sonst immer auf das Mittagsgeläut. Die Kinder wollten am Abend nicht ins Bett und früh nicht aus den Federn. Sonntags verschliefen die Gäubigen den Kirchgang. Ohne den Ruf zum Gebet fühlten sie sich nicht mehr eingeladen.

Sie trafen sich nicht mehr zum Plaudern auf dem Kirchplatz und jeder ging stumm seiner Wege. Und als die Bürgermeistertochter Hochzeit hielt, kam niemand vor die Kirche. Da brach die Braut in Tränen aus. An ihrem glücklichsten Tag, war das Paar von allen vergessen worden.

Der Küster stieg auf den Turm, und besah sich die Glocke, konnte aber nichts kaputtes finden. Da stellte er sich ans Turmfenster und begann Gott zu erzählen. Von der traurigen Braut, von den leeren Gottesdiensten, von dem Durcheinander im Dörfchen. Und er bat Gott um Vergebung, dass er den Fehler an der Glocke nicht finden konnte.

Das hörte die Kirchenglocke. Und sogleich tat es ihr leid, dass sie verstummt war. War es doch nicht die Schuld des Küsters gewesen, sondern ihre eigene Unzufriedenheit, die sie nicht läuten ließ.

Als der Küster die Treppen wieder hinabstieg, begann die große Glocke zu schwingen. Mehr und immer mehr! Ihr Klöppel schlug an den Mantel, bis sie weit durch das ganze Dörfchen zu hören war.

Da erinnerten sich die Leute an den Hochzeitstag. Schnell schlüpften sie in ihre Schuhe und eilten zur Kirche. Dort überhäuften sie das junge Paar mit Glückwünschen und Geschenken. Dann schauten alle nach oben zum Turm, sangen, beteten und lobten Gott. Was für ein schöner Tag! Die Kirchenglocke hatte die Menschen wieder zusammengeführt, und ihnen die Zeit wiedergegeben.

Polly

Diese Geschichte haben ich einmal im Rahmen einer Weiterbildung kennengelernt. Hier habe ich sie mit eigenen Worten nacherzählt und interpretiert, so gut sie mir noch im Gedächtnis war.

Advertisements

10 Gedanken zu “Märchen: Die drei Glocken

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s