Kurzgeschichte vom Glückskind

Eine Geschichte zum *txt Projekt von Dominik Leitner

„Luna, du Glückskind!“, pflegte Frau Krämer immer zu sagen, wenn ihre kleine Tochter fünf Lose aus dem Topf zog, und dabei fast immer einen der Hauptgewinne erwischte. Dann läutete die Glocke an der Bude und Luna durfte sich aus der Vielzahl von Haushaltsgeräten, Spielsachen, Stofftieren, Büchern, Kosmetikartikeln oder Sportsachen ihren Gewinn aussuchen.

 

Damit ihr das allerdings leichter viel, half ihre Mutter meist tatkräftig mit. „Nimm den Kaffeevollautomat, Liebes. Spielsachen hast du doch schon genug.“, flüsterte sie. Oder: „Du möchtest doch sicher deiner Mama eine Freude machen, Schätzchen. Schau, die Küchenmaschine wäre toll! Ein Fahrrad gewinnst du sicher noch ein anderes Mal. Bei deinem Glück!“

Luna gehorchte.

Wer so viel Glück hatte, musste es mit anderen teilen und durfte nicht egoistisch sein. Das hatte sie schon längst gelernt.

Sie hatte ja immer Glück.

Glück, dass sie in guten Verhältnissen aufwachsen durfte und in ihrer großen Schwester ein Kindermädchen hatte.

Glück, wenn sie gute Noten aus der Schule mit nach Hause brachte, denn eigentlich war sie ja dumm.

Glück, wenn sich ihre Eltern einmal nicht anbrüllten oder nach Alkohol stanken.

Glück wenn einmal das Mittagessen auf dem Tisch stand.

Glück, wenn sie beim Spielen stürzte. Weil es doch nicht schlimm war. Außer die offenen, blutigen Knie. Aber deshalb weint man nicht.

Andere haben da nicht so viel Glück, und brechen sich das Bein.

„Sei froh, dass du so viel Glück hast und jammer nicht immer rum!“ Wie oft hatte Luna diesen Satz schon gehört. Er klang stets wie eine Drohung in ihren Kinderohren.

Deshalb schwieg sie auch als sie soviel Glück mit dem Nachbarn hatte.

Er kümmerte sich um sie. Lud sie zu sich nach hause ein. Er gab ihr Essen und Trinken. Und seine Aufmerksamkeit. Immer und immer mehr.

Er nahm sie auf den Schoß und streichelte sie. Er küsste sie. Erst auf die Wange und dann auf den Mund. Dabei nahm er ihre Hand und führte sie. Er legte sich zu ihr. Was für ein Glück sie doch hatte, weil er sie liebte, wenn es ihre Eltern schon nicht taten!

Sie musste nichts weiter tun, als dieses Glück an ihn zurückzugeben. Und das Geheimnis zu wahren. Ein Geheimnis, das ihr die Kehle zuschnürte und ihr die Tränen in die Augen trieb. Ein Geheimnis, das sie nach und nach zerfallen ließ. Sie taub werden ließ und leer.

Trotzdem durfte sie nicht jammern. Luna durfte niemanden unglücklich machen. Ihre Mutter weinte schon zu oft. Ihr Vater wurde schnell böse, und ihre Schwester hasste sie.

Doch sie wäre kein Glückskind, wenn sie nicht gelernt hätte zu überleben. Und ihrem Körper im richtigen Augenblick zu entfliehen. Sich von außen beizustehen.

So wurde Luna erwachsen.

Das Glück wurde weniger, je älter sie wurde. Auch das Geheimnis verstummte in ihr. Aber Luna vergaß es nie.

Mit achtzehn war sie weggezogen. Hatte ihr Leben selbst in die Hände genommen und war gescheitert. Vom Glück verlassen und von Freiern geliebt. Die Straße war ihre Heimat, Drogen schenkten ihr nun Aufmerksamkeit und Gefühle. Wäre da nicht der eiserne Wille gewesen alles zu überstehen, wären da nicht helfende Hände gewesen, die sie versuchten zu retten, sie hätte längst aufgegeben.

Doch sie wollte kämpfen. Noch war es nicht geschafft, lange nicht. Das Schlimmste stand ihr noch bevor. Wer weiß ob sie morgen noch den Mut hätte, das fortzusetzen, was sie gerade angefangen hatte.

Wer weiß. Keiner wusste es. Nicht einmal sie.

Und dann war da diese letzte Verabredung.

Jetzt hockte sie hinter den Mülltonnen und starrte auf das  große Haus. Es war vollkommen in Dunkelheit gehüllt. Die Fenster glotzten schwarz. Luna musste Geduld haben. Noch war er nicht zuhause.

Sie kannte fast jeden Winkel des Gartens. Jedes Beet, jeden Baum. Sie wusste von der kleinen Hintertür, die ins Haus führte und sie kannte sich mit Schlössern aus. Es war ein leichtes ins Innere zu kommen. Schon viele Fenster und Türen hatten sie unfreiwillig eingelassen. Leise wie eine Katze huschte Luna über das Pflaster in den Hinterhof. Zwischen Wiese und Garage stand noch der kleine Pavillon, den sie aus Kindertagen kannte.

Alles war so gespenstisch vertraut. Nun waren es nur noch wenige Meter bis zum Ziel. Luna zog ihre Handschuhe über und nahm den Schraubenzieher. Sie war ein Profi. Mit wenigen, gekonnten Handgriffen brach sie den Wiederstand des Schlosses.

Geschafft!

Hier in der Waschküche konnte sie getrost warten bis es endlich soweit war. Sie hockte sich neben den Trockner und lauerte. Nach einer gefühlten Ewigkeit, nahm sie durch die kleinen Fenster das Licht der Scheinwerfer wahr, die in der Garage verschwanden.

Er war also da. Luna lauschte angespannt.

Wenig später hörte sie Schritte über sich. Wasser lief, die Klospülung ging. Schließlich verstummten alle Geräusche. Das war ihr Zeichen.

Luna schlich die Treppe der Waschküche nach oben. Der lange Flur der sich auftat, machte ihr Gänsehaut. Obwohl sie schon seit Jahren nicht mehr hier gewesen war, kam sie im Dunkel der Wohnung gut zurecht. Sie kannte sich aus. Zu gut.

Das Wohnzimmer tat seinen Schlund auf. Die Couch stand immer noch am selben Fleck und lechzte ihr zu. Lunas Atem ging schneller, Schweiß trat auf ihre Stirn. Schnell bog sie ab Richtung Wendeltreppe und verscheuchte die Fetzen der Erinnerung.

Der Weg hinauf zum Reich des Glücks. Die Spielwiese, wie er es nannte. Langsam nahm Luna eine Stufe nach der anderen. Lautlos wie eine Feder schwebte sie nach oben und doch drückte ein Kloß in ihrem Hals, groß und schwer wie ein Fels.

Vorsichtig stupste sie gegen die angelehnte Tür.

Sie war am Ziel.

Da lag er. Auf der Spielwiese aus Höllenfeuer. Auf seinem Bett.

Während Luna näher herantrat, griff sie unter ihre Jacke. Das Brotmesser, welches sie an einem Marktstand eingesteckt hatte, blitzte kurz auf. Nur für ihn.

Sie streckte den Arm nach oben, das Messer fest in der Hand. Ihre Muskeln waren zum bersten gespannt. Luna zitterte.

Ein gezielter Stoß, dann würde das Geheimnis für immer verschwinden. In seinem Blut ertrinken und sich auflösen. Hoffentlich. Nein. Es würde immer sein. Solange sie es zuließ. Solange sie es hütete. Solange es Macht über ihre Seele hatte.

Eine Zeit lang hielt Luna inne und horchte auf den Atem des Mannes, der ihr soviel Glück beschert hatte. Sah wie sich sein Brustkorb schemenhaft hob und wieder senkte. Ihre Wangen waren feucht von Tränen, ihre Kehle war trocken.

Dann drehte sie sich um und ging zurück. Hinaus in den Garten. Immer weiter. Bis zur Klinik. Sie würde weiterleben und alles hinter sich lassen.

Ja.

Heute hatte er wahres Glück gehabt.

Nein!

Kein Glück. Es war ihre Gnade.

Polly

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27 Gedanken zu “Kurzgeschichte vom Glückskind

  1. Es ist eine der besten Geschichten, die ich in den letzten Wochen las. Der Erzählungfluss ist stimmig, die Spannung und das Gefühl sind vom Anfang bis zum Ende erhalten.
    Der Leser wird eingeführt in die Welt des Kindes, welches erwachsen wird und den Ballast der „falschen Liebe“ mit sich trägt.
    Die Thematik erfordert eine empathische Federführung, die gelungen ist (und Du weißt ja, dass auch ich vor nichts Halt mache).
    Der unverschnörkelte, aber in seiner Schlichtheit ergreifende Schreibstil gefällt mir sehr gut.
    DANKE DAFÜR, liebe Polly!
    LIEBE Grüße
    Sylvia (die mehr lesen will 🙂 )

    Gefällt 2 Personen

  2. Hat dies auf Sylvia Kling – Literatur rebloggt und kommentierte:
    Heute reblogge ich mal wieder einen Beitrag – diesmal von Polly. Viele von Euch kennen ihren Blog schon. Meiner Meinung nach sollten sie noch mehr Leser kennenlernen, denn mit Bescheidenheit und Herz schreibt sie Geschichten aus dem Leben.

    Zu der Geschichte meine Einschätzung:
    Es ist eine der besten Geschichten, die ich in den letzten Wochen las. Der Erzählungfluss ist stimmig, die Spannung und das Gefühl sind vom Anfang bis zum Ende erhalten.
    Der Leser wird eingeführt in die Welt des Kindes, welches erwachsen wird und den Ballast der “falschen Liebe” mit sich trägt.
    Die Thematik erfordert eine empathische Federführung, die gelungen ist (und Du weißt ja, dass auch ich vor nichts Halt mache).
    Der unverschnörkelte, aber in seiner Schlichtheit ergreifende Schreibstil gefällt mir sehr gut.
    DANKE DAFÜR, liebe Polly

    Gefällt 1 Person

  3. Hat dies auf Freiheit, Familie und Recht rebloggt und kommentierte:
    Wenn Eltern sagen, das ihr KInd dumm ist, darf man annehmen, das die Eltern unfähig sind, die Fähigkeiten des Kindes zu entdecken.
    Die Talenten stecken meistens dort, wo sie nicht vermutet werden. Kinder sollten grundsätzlich nicht in ihren Neigungen gehemmt werden, um ihre Entwicklungsfähigkeiten nicht zu hindern.

    Gefällt 1 Person

  4. Einmal lesen, zweimal lesen, nochmal lesen
    Traurigkeit überfällt mich, weil ich weiss, dass um mich herum viele solche Kinder (und auch Erwachsene mit einer Vergangenheit) sind. Menschen, die nicht reden können, nicht reden dürfen. Menschen, die in sich selber kreisen, weil alle Türen nach aussen irgendwann mal verschlossen wurden.
    Es macht mich sehr sehr bedrückt, aber das zeigt mir auch, dass ich nicht ganz abgestumpft bin.

    Die Geschichte war bei mir also ein „Volltreffer“

    Gefällt 1 Person

    • Ich danke sehr. Auch wenn es eigentlich eine traurige Tatsache ist. Ich hatte selbst ein bewegtes Leben. In jeder Hinsicht. Man glaubt es nicht, was alles hinter verschlossenen Türen geschieht…. und hinter verschlossenen Seelen.
      Liebe Sonntagsgrüße, Polly ☺

      Gefällt 1 Person

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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