Polly und der Fototermin

Viel zu schnell ging unser Urlaub zu Ende und der Alltag kehrte wieder ein. Doch wollten wir ihm nicht mehr so viel Macht über uns geben. Schöne Zeit miteinander verbringen, als Familie und als Paar. Ich nahm mir vor, der Arbeit und den Sorgen nicht mehr soviel Raum in unserer Ehe geben. 

Robert tat sein Möglichstes um mich glücklich zu machen. In unserem Urlaub hatte er zur Sprache gebracht, wie es zwischen uns war. Wie es um unsere Beziehung stand. Dass es schwierig geworden war.

Er hatte gemerkt, wie traurig und angespannt ich mich oft fühlte. Es tat ihm leid und weh, mich so sehen zu müssen. Er wollte mich nicht unglücklich machen.

Und…hatte ich das richtig verstanden….? Dafür würde er sogar auf mich verzichten…?

Nein. Das wollte ich nicht.

Wir hatten ein schweres Schicksal, aber zusammen würden wir alles schaffen und gut machen. Zusammen! Punkt.

Ein paar Wochen später, nach unserem Aufenthalt an der Côte Azur, blieb meine Regel aus. „Aber nein! Das könnte doch nicht sein!“, war mein erster Gedanke.

Hatten uns die Neurologen nicht prophezeit, dass es schwer werden würde mit Nachwuchs, da Roberts Hormonhaushalt ebenfalls unter der Krankheit gelitten hatte? Konnte es wirklich sein dass ich noch einmal schwanger war?

Tatsächlich! Ein Besuch beim Arzt brachte endgültige Gewissheit. Es regte sich wirklich wieder Leben in meinem Bauch!

Die Freude war riesengroß!

„Polly, Polly, Polly!“, sang Robert, während er mich hochhob und durch die Luft wirbelte. „Ein Geschwisterchen für Olivia! Wie wunderbar! Ich bin der gesegnetste Mann auf Erden!“ 

Ja, wir waren gesegnet. Beide. Wir waren auf einem guten Weg! Unsere Familie würde wachsen und unser Glück auch.

Von Beginn an verlief die Schwangerschaft ohne irgendwelche Komplikationen. Die Übelkeit verschonte mich und ich konnte ganz normal meiner Arbeit nachgehen. Natürlich hatte sich im Kindergarten schnell herumgesprochen, dass ich ein Baby erwartete. Die Kinder waren äußerst interessiert daran, als mein Bauch immer runder wurde, und jeder wollte seine Händchen einmal darauf legen, oder sein Ohr daran halten.

Auch meine Kolleginnen und die Eltern freuten sich mit mir.

Mike hatte ich länger nicht gesehen. Der kleine Lennart hatte sich das Bein gebrochen, deshalb kamen beide Kinder momentan nicht in die Kita.

Umso erstaunter war ich, als  eines Morgens die gesamte Familie, geschniegelt und gebügelt, im Flur des Kindergartens stand.

Stimmte ja! Heute war unser jährlicher Fotografentermin. Mike und Paula wünschten sich auch Fotos von ihren Kindern, deshalb waren sie gekommen. Lennart brauchte keine Krücken mehr und hatte nur noch einen lockeren Verband.

„Jetzt noch ein paar Stunden Physiotherapie, und er ist wieder fit.“, erklärte mir Paula und ergänzte: „Wir bringen beide ab nächste Woche wieder. Nur für ein paar Stunden. Damit sie sich wieder eingewöhnen. Meine Eltern können auch nicht mehr länger zuhause bleiben und aufpassen.“

Emotionslos nahm ich die Neuigkeit auf, denn ich war schon voll damit beschäftigt, „meine“ Kinder für die Fotos zurechtzumachen.

Da ein schickes Kleidchen angezogen, dort eine Gelfrisur gezupft, hier noch schnell die Hausschuhe runter und die Ballerinas an… ein Hut, ein Kettchen…. puh. Huch, der Teddy soll doch auch mit aufs Bild! Und da der Fleck vom Frühstück… prima.

Solche Tage waren Stress pur. Und dann noch Mike und Paula im Flur…es passte perfekt.

Sobald alle Kinder fertig waren, befreite sich meine Kollegin schnell von ihrem Arbeitsoutfit, und schlüpfte in eine Bluse und eine schicke Hose.

Gut. Nun war ich dran. Ich ging in die Toilette und entledigte mich meiner Jeans und meinem Schlabber-Pulli. Für das Foto hatte ich mir ein knielanges Kleid mitgebracht, mit einem Bolerojäckchen. Speziell für Schwangere angefertigt, rückte es mein Babybäuchlein ins rechte Licht. Noch schnell die Haare gekämmt, leichtes Make-up… gut. Ich war soweit und konnte mich sehen lassen.

Als ich in den Flur trat, wurde ich sogleich mit Komplimenten der Kinder überhäuft. Sie meinten, ich sähe jetzt so anders aus, wie eine echte Prinzessin. Ein bisschen stimmte das sogar. Meine sonst glatten, langen Haare waren durch den Knoten, den ich üblicherweise in der Kita trug, in weiche glänzende Wellen verwandelt. Sie fielen mir bis weit in den Rücken hinein. Das reichte schon, um Prinzessin zu sein.

Die hormonell geformte, füllige Oberweite unter dem Bolero, tat das Übrige.

Die Fotografin kam und eröffnete uns, es würde noch ein Weilchen dauern, bis wir dran wären.  Also immernoch warten. Für uns hieß es, die Kinder so lange, so gut wie möglich zu beschäftigen. 

Alle setzten sich auf ihren Garderobenplatz. Ich holte meine Gitarre und begann zu singen. Die Kinder stimmten begeistert mit ein. Wir rockten den Flur. Während ich spielte, merkte ich, dass Blicke auf mir lagen.

Paula schaute mich verzückt an und sang aus voller Kehle mit. Doch nicht nur sie schaute mich an. Mike musterte mich ebenfalls. Von oben bis unten. Seine Augen verweilten auf meinem Dekolletee, und schließlich ruhten sie auf meinem Bauch.

Als die letzte Strophe des Liedes verklungen war, übernahm meine Kollegin mit einem lustigen Fingerspiel das Ruder. Ich sah zu Mike. In mir brodelte es.

„Ist was?“, fragte ich ihn plötzlich etwas barsch und riss ihn damit aus seiner Starre. Uuups, das wollte ich eigentlich gar nicht…

Mike schreckte zusammen. „Äääh ne… äh..nix.“, kam zur Antwort.

Paula fixierte ihren Mann skeptisch, sagte aber nichts. Wenig später wurden die beiden mit ihren Zwillingen in den Turnraum gerufen, für das Foto. Endlich.

Als unsere Gruppe auch an der Reihe war, und wir den Turnraum betraten, stellte sich Mike kurz neben mich. „Glückwunsch, du siehst toll aus.“, zischte er, dabei schnitt mich sein Blick. Mehr konnte er nicht sagen. Paula kam und drückte ihm Lennart auf den Arm, bevor sie Lina schnappte und aus dem Zimmer ging. „Ciao!“, flötete sie mir zu und war verschwunden.

Mike drehte sich um, und folgte ihr. „Wirklich,“ sagte er im Gehen. „Wirklich toll siehst du aus Polly.“ Er schaute mich nicht noch einmal an und ich widmete mich der Fotografin und den Kids.

Ich hatte keine Zeit für Sentimentalitäten…die Arbeit rief.

Und das war gut so.

Polly

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20 Gedanken zu “Polly und der Fototermin

    • Ich danke dir. Ja. Es ist meine Geschichte. Nicht zu hundert Prozent aber fast. Meine Vergangenheit. Meine Liebe. Meine Affäre. Hier schreibe ich über die letzten ca. 30 Jahre. Über Mike und mich. Und ab und an aus der Gegenwart. Es ist noch nicht zu Ende. Ich habe noch viel zu erzählen. Auch über mein Leben außerhalb dieser Liaison. Doch alles zu seiner Zeit. Danke für dein Feedback! Liebe Grüße, Polly ☺

      Gefällt 3 Personen

  1. So, jetzt mache ich gerade SchreibPause (niemals lange, aber immerhin stöbere ich bei Dir mal wieder, um nichts zu verpassen) und frage mich, warum mir manche Beiträge im Reader häufig vorenthalten werden :-(.
    Na gut, nun bin ich an der richtigen Stelle und will meine Freude am Fortgang der Geschichte zum Ausdruck bringen, liebe Polly.
    Einfach Klasse – das wäre zu kurz und zu wenig. Du bist eine Perle, meine Liebe! (Ich benutze neuerdings die Umgangsformen von Frau H. … 🙂 ). Und ich freue mich auf mehr!

    Liebe Grüße
    Sylvia

    Gefällt 1 Person

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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