Mit vollem Munde spricht man nicht….zum Dritten

In meinem letzten Artikel habe ich beschrieben, wie ein „gleitendes“ Frühstück in Kitas ablaufen kann. Widmen wir uns nun dem festen, gemeinsamen Frühstück.

Wie der Name schon sagt, frühstücken hier alle Kinder gemeinsam zur selben Zeit. In unserem Kindergarten ist das gegen halb neun. Da sind viele Kinder schon da, einige kommen aber auch erst später dazu.

Im Vorfeld räumen wir alle gemeinsam die Gruppe auf und gehen dann, nach und nach, zum Händewaschen. Jeder holt sich Geschirr und Rucksack und setzt sich anschließend auf seinen festen Sitzplatz. Dann wird gebetet. Jetzt haben die Kinder ca. eine halbe bis dreiviertel Stunde Zeit zum Essen, wer fertig ist bleibt an seinem Platz, bis alle anderen soweit sind. Wer noch dazukommt, muss sich beeilen. Am Ende räumen alle gleichzeitig ab und der Tagesablauf geht weiter im Programm.

Sicher gibt es viele Gründe, die für die eine, oder andere Form des Frühstücks in Kitas sprechen. Ein Patentrezept wird es nicht geben. Das jeweilige Konzept, welches sich die einzelnen Einrichtungen auf die Fahnen schreiben, ob eher offen gehalten, oder im klassischen Stil, spielt sicher auch eine zentrale Rolle.

Nun, da ich allerdings den direkten Vergleich erlebt habe, bin ich eine Verfechterin des gleitenden Frühstücks geworden. Bei den festen, gemeinsamen Brotzeiten ist es keineswegs so gemütlich, wie zuhause am Essenstisch mit der Familie.

Man bedenke, es sitzen nicht etwa drei bis ca. sechs Personen bei Tisch im gleichen Raum, sondern 25 Kinder nebst den Erziehern. Alle beschäftigt mit der gleichen Tätigkeit. Dem Essen.

Nun müsste man meinen, dass es jetzt automatisch ruhiger und gesitteter bei Tisch zugeht, oder das Essen schneller zu Ende ist. Nein, dies konnte ich so nicht beobachten.

Natürlich unterhalten sich die Kinder bei Tisch. Und weil es alle 25 gleichzeitig tun wollen und dabei mit Tellern und Tassen klappern, der eine noch überhaupt keinen Hunger hat und der andere auf dem Stuhl hin und her rutscht, weil er lieber noch etwas weitergespielt hätte…. ja, deshalb ist es auch dementsprechend laut.

Das bedeutet wiederum für uns, wir sind dauernd am Ermahnen, was die Situation nicht besser macht. „Seid leise, vergesst das Essen nicht, beeilt euch…“  Und so weiter und so fort….

Aber gut. Vorerst ein festes Frühstück, zu einer festen Zeit.  Dabei sitzen alle Kinder an ihrem festen, vorbestimmten Sitzplatz. Immer in der selben Konstellation. Ich konnte feststellen, dass Freunde oft voneinander getrennt werden, damit sie erst gar nicht Quatsch miteinander machen können…Tischgespräche sind nicht so gerne gesehen. Alle essen gleichzeitig, egal ob sie schon Hunger haben, oder nicht. Es wird kontrolliert was aus der Brotdose auf den Teller kommt, und doch „gedrängt“ alles vom Teller aufzuessen. 

Es wurde in unserer Kita auch diskutiert, ob es nicht besser wäre, jeder hätte auch das Gleiche auf dem Teller. Individualität wäre aber demzufolge nicht mehr möglich, ebenso die Chance, dass Kinder auch lernen dürfen und müssen, dass im Leben nicht jeder immer das gleiche haben kann. Oder die Tatsache, dass Vielfalt und Unterschiede normal oder nicht schlimm sind und unser Miteinander bereichern können.

Der Hintergrund, warum wir dieses Frühstück ausprobiert haben, die Geselligkeit besser zu fördern, das Gruppengefühl zu stärken, der kommt, wie ich finde gar nicht wirklich zum Tragen.

Im Vordergrund steht hier nicht wirklich das Kind, sondern eher die  nicht vorhandene Zeitersparnis, und die nicht vorhandene Ruhe. Ob das im Sinne der kindlichen Entwicklung ist?  Lernen so die Kinder Verantwortung für sich zu übernehmen, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten? Sich wirklich in einer Gruppe angemessen zu verhalten? Ich glaube nein..

Im Nachhinein stelle ich auch fest,  zu offenen Frühstückszeiten habe ich viel mehr mit den Kindern gebastelt und gespielt, als jetzt. Der Grund? Es war einfach mehr individuell nutzbare Zeit für alle vorhanden. Obwohl es keinesfalls für uns als Personal bequemer war. Nach dem Motto: wir bräuchten uns da ja nicht weiter zu kümmern. Gerade da, muss man es aber  umso mehr tun und immer den Überblick behalten, die Einzelnen im großen Ganzen sehen.

Dabei denke ich, dass es hierbei auch vom Alter und vom Wesen der Kinder abhängig ist, wie viel Selbstständigkeit ich dem jeweiligen Kind zutrauen kann. Wo wird die Unterstützung durch uns Erwachsene wirklich gebraucht, und wo greifen wir unnötig vor.

In einer Krippe wird man das sicher anders handhaben müssen, als bei Vorschulkindern.

Natürlich denke ich auch, dass es Zeiten zum gemeinsamen Essen geben muss. Bei Festen und Geburtstagen oder beim Mittagessen beispielsweise.

Ich könnte mir durchaus vorstellen, einmal in der Woche ein gemeinsames, selbst zubereitetes Frühstück zu zelebrieren. An einer langen geschmückten Tafel. Gemeinsam mit den Kindern vor- und nachbereitet. 

Ich stelle mir oft die Frage, ob Individualität, Selbstständigkeit oder Autonomie der Kinder, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und Konsequenzen zu tragen, immer noch Schreckgespenster in manchen Köpfen sind? Geben uns doch die Erziehungspläne der einzelnen Bundesländer ganz klare Vorgaben zu diesen Themen.

Auch wenn es  nicht gerne zugegeben wird, aber von dem Gedanken, das Kind auch als „Persönlichkeit“ wahrzunehmen, sind wir doch noch weit entfernt. 

Kindern ihre Bildung auch wirklich selbst zuzutrauen und daran anzuknüpfen, an dem was es kann, indem es selbst etwas entscheiden und versuchen darf, aus Fehlern lernen darf, ist oft  eine Herausforderung für uns Erwachsene. Oft sehen wir zuerst die Defizite und nicht die Stärken.

Dabei sind wir angehalten, Kinder demokratisch an ihren Bildungs- und Entwicklungsprozessen teilhaben zu lassen. Ich frage mich, ob wir wirklich auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen wollen, oder manchmal lieber auf unsere eigenen.

Eine Meinung kann sich jeder einzelne selbst bilden 🙂 fruit-313642_640

Ende. (PS: Wir frühstücken in unserer Kita nun wieder offener… )

Eure Polly

 

PS: Ich bin ein großer Anhänger der Thesen von Manfred Spitzer. Er hat einige interessante Bücher zum Thema „Bildung, Entwicklung und Lernen“ geschrieben. Wer interessiert ist, schaut doch mal hier:

 

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2 Gedanken zu “Mit vollem Munde spricht man nicht….zum Dritten

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