Mit vollem Munde spricht man nicht…. zum Zweiten

Ok, weiter geht’s in Sachen „Essenspädagogik“. 

Bei Tisch gibt es selbstverständlich verschiedene Regeln zu beachten und einzuhalten, um sein Gegenüber nicht zu stören oder ihm nicht den Appetit zu verderben. Dazu gehört  beispielsweise, unsittliche Geräusche wie schmatzen oder rülpsen zu unterlassen. Aber darüber hinaus herrscht an manchen Tischen auch heute noch, bei den Mahlzeiten fast eine Art Schweigepflicht. Besonders für die Kinder.

In vielen Kindergärten, ist es ebenfalls nicht gerne gesehen, wenn die Kinder beim Essen miteinander reden. Warum? Auch bei uns ist das in letzter Zeit oft diskutiert worden. Bei unserer, bis dato offenen Art zu frühstücken, herrschte durchaus eine kommunikative Stimmung, nicht aber wie bei den Hottentotten.

Dennoch hat unser Team vor einiger Zeit beschlossen, dem Essen etwas mehr Struktur zu verleihen und von der Form des „gleitenden Frühstücks“ zum festen, gemeinsamen Frühstück überzugehen. Weil es sicher gemütlicher und familiärer sei.

Es wurde bemängelt, dass heutzutage in den Familien die Zeit für gemeinsame Mahlzeiten fehle, und die Kinder daher weder über die Esskultur, noch in Sachen Tischmanieren ausreichend Wissen hätten. Deshalb wurde in unseren Gruppen nun zu einer bestimmten Zeit immer gemeinsam Frühstück gemacht. Alle Kinder sitzen dabei an verschiedenen Tischen auf ihrem festen Platz.

Nach einem Jahr Probephase, muss ich gestehen, war ich nicht glücklich mit dieser Lösung.

Was einst gut gemeint war, hat sich als ziemlich unangenehm herausgestellt.
Wir haben die gemeinsame Frühstückszeit eingeführt, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Um den Kindern die Mahlzeiten als wichtige Zeit des Miteinanders nahe zu bringen. 

Ob das mit nun wirklich besser gelang als früher, wage ich aber zu bezweifeln. Natürlich schildere ich hier nur meine persönliche Meinung zu diesem Thema.

Das gleitende Frühstück in Kitas läuft in etwa so ab:

Die Kinder haben eine Essecke im Raum, oder in einem anderen Zimmer. Eine Art Cafeteria. und können sich dort, während bestimmter Zeiten (bei uns war das von halb sieben bis ca. 9 halb zehn) zum Essen treffen. Dabei können sie selbst wählen, ob und wann sie Hunger haben, was und wie viel sie essen möchten, oder neben wem sie sitzen wollen. Oft sammeln sich kleine, immer gleiche Trupps aus Freunden, die regelmäßig gemeinsam frühstücken. Manchmal finden sich aber auch ganz neue Konstellationen.

Dabei wird geredet, gelacht und jeder ist für seine Tischhygiene selbst verantwortlich. Die Kinder werden von einer erwachsenen Person begleitet, die immer ein Auge auf den Essenstisch hat, damit er nicht unnötig lange blockiert, oder unsauber verlassen wird. Auch die Tischmanieren werden den Kindern nahegebracht. In der Regel haben die Kinder soviel Zeit, wie sie brauchen. Einer isst eben schnell, ein anderer eben langsamer. Neben her haben die anderen Kinder ausreichend Zeit, in der Gruppe frei zu spielen, oder es gibt offene, freiwillige Angebote von uns.

Das alles ist auf den ersten Blick vielleicht etwas chaotisch, das gebe ich zu. Kinder kommen und gehen. Dabei ist es nicht leicht den Überblick zu behalten. Wer denn schon gegessen hat und wen man vielleicht noch ansprechen sollte.

Aber beim genaueren Hinsehen, erkennt man, dass sich durchaus feste Strukturen entwickeln und es genauso Regeln gibt, die einzuhalten sind. Besonders die Kinder profitieren davon, denn sie werden als individuelle Persönlichkeit ernst genommen und genießen trotzdem die Gemeinschaft mit anderen.

Alles in allem stehen dabei die Bedürfnisse der einzelnen Kinder im Vordergrund, aber auch die, der gesamten Kleingruppe, welche sich am Tisch befindet. Der Erzieher nimmt sich weitestgehend zurück, ist Ansprechpartner, Begleiter und Koordinator, aber kein Bestimmer im klassischen Sinn.

Bemängelt wurde an dieser Art zu frühstücken in unserem Team folgendes: die Unruhe, der Zeitaufwand bis alle durchwaren erschien zu lange, das Gruppengefühl käme zu kurz, Kinder wären vom Teller des anderen abgelenkt und die Eigenverantwortung der Kinder. (manchmal kam es vor dass ein Kind noch nichts gefrühstückt hatte, und keiner hat es gemerkt…)

Wobei ich hier sagen muss, dass die Kinder aus ihren Fehlern lernen. Fehler, die sie selbst machen dürfen. Wer einmal ungestillten Hunger hatte, wird am nächsten Tag sicherlich frühstücken… 

Dies also die grobe Zusammenfassung einer der vielen offenen Möglichkeiten in Kitas zu speisen.

Im nächsten Artikel geht’s weiter. Diesmal mit dem „gemeinsamen Frühstücks-Konzept“:-) und natürlich meinem Resümee am Ende.fruit-313642_640

Eure Polly

 

 

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16 Gedanken zu “Mit vollem Munde spricht man nicht…. zum Zweiten

  1. Macht nachdenklich, wenn bei diesem System Nichtfrühstücker durchflutschen. Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Was ist mit den Schüchternen und Verträumten, an denen der sogenannte ‚Lerneffekt‘ des knurrenden Magens vorbeigeht? Sie bleiben auf der Strecke, sie bleiben unbeachtet…
    Der Kopf kann morgens ohne Kohlehydrate nicht gut denken und lernen.
    Einerseits ist es wichtig, dass die Kinder eigenverantwortliches Handeln, andererseits benötigen manche, je nach Charakter und Wesen, mehr oder weniger Anleitung dazu.
    Das Gleitende führt zu Cliquenbildung. Was ist jedoch mit den Kindern, die schwer Anschluss finden?
    Beim festen Frühstück in der ganzen Gruppe kommen sie mit den anderen zwangsläufig zusammen. Wichtig, um das Sozialverhalten zu schulen…auch, auf andere zuzugehen, auch, überhaupt zu lernen, ihre Bedürfnisse zu äußern.
    Ein System für starke Kinder.
    Die Schwächeren jedoch sehe ich dabei benachteiligt.
    Liebe Morgengrüße✨

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    • Nein. Es ist nicht so, dass dauernd Kinder durchflutschen. Natürlich liegt es an den Erzieherinnen, diese Kinder dann an die Hand zu nehmen. Und man kennt seine Kinder. Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages, das stimmt. Viele Kinder haben zuhause schon gegessen und nehmen in der Kita ein zweites Frühstück ein. Die Eltern informieren uns darüber. Ich habe auch noch nicht erlebt, dass da die schüchternen, schwachen Kinder besonders außen vor bleiben. Im Gegenteil. Sie werden gestärkt in ihrem Körperbewusstsein, denn wir gehen immer auf die Kinder zu und fragen sie, warum sie zb. Einmal das Frühstück verbummelt haben. Wie es dazu kam, wird reflektiert. Dann wird gemeinsam nach Lösungen gesucht. Es ist immer eine Erzieherin da, die die Kinder integriert, falls es nötig ist. Auch beim festen Frühstück findet man nicht zwangsläufig Anschluss. Ein offenes Frühstück bietet viel Individualität und trotzdem Gemeinschaft. Eben mehr oder weniger Anleitung, je nach Persönlichkeit.
      Schwache Kinder gehen in der Masse unter, wenn man sie nicht im Blick hat, genau so wie die starken. Auch beim festen Frühstück essen immer nicht alle. Manche packen heimlich ein. Es gibt wohl keine Königslösung.
      Das Wichtigste ist, die Kinder nach ihren Stärken zu fördern und nicht nur die Defizite zu sehen.
      Das Sozialverhalten wird meiner Meinung nach im „Einheitsbrei“ nicht besser geschult.
      Danke für deine Zeilen! Liebe Grüße, Polly ☺

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      • Das hast Du gut gesagt: es gibt keine Königslösung…
        Ich war mit den Kindergärten meiner Kinder sehr zufrieden, dort waren engagierte Leute am Werk und meine Beiden gut aufgehoben.
        Dagegen mutet meine eigene Kindergartenzeit desaströs an.
        Bis auf die orff ’sche Musikerziehung, die mir noch nebulös in der Erinnerung klebenblieb, weiß ich nur noch, dass Dauerkrieg, Isolation, Kaffeekränzchen (der Erzieherinnen, während die Kinder autoritär totalistisches Regime auf dem brüchigen Spielplatz probten und sich gegenseitig die Zähne ausschlugen…) an der Tagesordnung waren. Ich hielt das ein Jahr lang durch, verfiel dann in einen Hunger- und Sitzstreik, schwieg tagelang und wurde dann glücklicherweise ausgesondert, bevor ich völlig verwahrlost von anderen mit zweckentfremdeten Schaukelbrettern erschlagen wurde.
        Jaja. Die wilden Siebziger…😎
        Leicht angestaubte Blumenkindgrüße…🌸

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        • Oh weh. Die Pädagogik unterläuft immer wieder Entwicklungsprozessen. Alte Besen kehren nicht zwangsläufig am Besten. Wichtig ist, immer wieder zu reflektieren um dann so nah wie möglich an das Optimum zu kommen. Für jeden einzelnen, aber auch für die Gruppe. Zeiten ändern sich. In manchem ist es schade, in manchem aber auch gut ☺

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          • Damals herrschte gerade die Superidee der ‚antiautoritären‘ Erziehung vor. Was dazu führte, dass unter den Kindern eine Art anarchisches Prinzip natürlicher Auslese stattfand. Die Erzieherinnen der vergangengen Tage schoben eine laue Kugel. Wann immer es zu Streit kam und ein heulendes Kind nach Schiedsrichterschlichtung fragte, kam die Antwort:’Klärt das mal schön unter euch‘.
            Klasse Idee, vor allem weil die Stärkeren eben munter die Schwächeren verdroschen, wenn die sich mit Muskeln und Körpergröße nicht entsprechend wehren konnten.
            Es ist lange her und war von ‚Optimum‘ ungefähr so weit entfernt wie der Nordpol vom Südpol.
            Doch Orff war schon klasse, da gebe ich Dir Recht.
            An die Musikinstrumente erinnere ich mich gern. Ich wünschte mir immer die Triangel…und kriegte die leider nur so selten…
            Bei meinen Lesekids ist es manchmal auch nicht leicht, allen gerecht zu werden…zumal ohne pädagogische Vorbildung.
            Bei mehr als 10 Kindern in der sechsten Stunde braucht man vor allem sehr gute Geschichten, Geduld und Wahnsinnsnerven.😎

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            • Das glaube ich dir gerne. Ich denke zu viel tut nicht gut. Weder zu viel oder unnötige Strenge oder Regeln, noch zu viel „antiautoritär“. Eine gesunde Mischung machts. Die Kinder ernst nehmen, annehmen, beteiligen und begleiten. Sie unterstützen und bestärken aber ihnen so wenig wie möglich überzustülpen. Sie lernen lassen, mit allen Sinnen und mit Freude. Mit Erfolgen und Misserfolgen. Allein und in der Gemeinschaft. Gegenseitig, voneinander und miteinander. Klein von Groß und auch umgekehrt. Ich staune oft über die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kinder sich ihre Welt zu erschließen.

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  2. kinder unlimited schreibt:

    die Kinder haben doch den ganzen Tag sozialen Kontakt, da muss es doch nicht zwangsläufig beim Kitafrühstück sein. Im Elternhaus finde ich es wesentlich wichtiger, eine gemeinsame Mahlzeit zu haben

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    • Ja. Nur was wird nicht Übersehen? Das eigene Bedürfnis der Kinder oder die Tatsache dass jedes Kind zumindest etwas gegessen hat…? Was „verdient“ mehr Beachtung? Kann ich vor den Eltern nicht vertreten, dass ihr Junior heute keinen Hunger hatte aber dafür während andere aßen eine tolle Bastelidee. Bei der er aufgegangen ist und seine Zeit besser genutzt hat, als nicht hungrig mit den anderen am Tisch zu sitzen…
      Danke für deine Zeilen. Liebe Grüße, Polly ☺

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