Mit vollem Munde spricht man nicht…zum Ersten

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In den nächsten drei Artikeln möchte ich mich einmal einem pädagogischen Thema widmen. Dem Essen. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, was hat das nun mit Erziehung zu tun?

Sehr viel. 

Kinder lernen beim Essen. Sie lernen sogar unwahrscheinlich viel dabei. Das ganze Spektrum aufzuzählen würde mehrere Seiten in Anspruch nehmen, deshalb beschränke ich mich nur auf wenige Tatsachen. 

Zum Beispiel lernen Kinder, wenn sie essen, verschiedene Lebensmittel mit all ihren Sinnen kennen und zu unterscheiden. Dabei entwickeln sie ganz nebenbei ihren eigenen Geschmack und individuelle Vorlieben. 

Der Umgang mit Messer und Gabel, fördert nicht nur die Motorik, sondern auch die Selbstständigkeit und das Selbstwertgefühl. Kinder sind stolz auf sich, ohne Hilfe Kartoffeln zu zerdrücken oder ihre Suppe leerzulöffeln.

Durch das Kennenlernen von Tischmanieren wird nicht nur die Essenskultur, sondern auch das soziale Verhalten geschult. Und beim Essen können wir den Kindern eine gesunde Lebensweise vermitteln. Sie lernen ihren eigenen Körper wahrzunehmen. Auf ihn zu achten und dabei ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle richtig zu erkennen.

Und nicht zuletzt wird auch die Sprache gefördert. Der Wortschatz der Kinder erweitert sich fast automatisch, wenn wir bei Tisch miteinander reden.

Hier habe ich mir in meiner Funktion als Erzieherin Gedanken über das Essen mit Kindern gemacht. Auch in Kitas.

Vorab aber, als Einstimmung sozusagen, ein Ausflug ins Lokal:

Es ist ein gemütlicher Abend und wir haben es endlich geschafft, uns wieder einmal mit Freunden zu treffen. So sitzen wir beim Griechen, zusammen mit vier weiteren Pärchen. Der Tisch ist gedeckt, mit verschiedenen Vorspeisen und Salaten. Die ersten Hauptgerichte werden uns serviert. Wein und Metaxa stehen bereit. 

Unsere Stimmung ist fröhlich und gelöst. Schließlich haben wir uns viel zu erzählen. Nicht nur, weil wir unsere Freunde schon länger nicht mehr gesehen hatten, sondern auch, weil es so unwahrscheinlich gut tut, bei leckerem Essen, mit tollen Menschen zu reden. Wir scherzen und lachen, wir feixen und plappern, uuuund wir essen dabei.

Mein Blick schweift durch das Lokal. Wir sind nicht die einzigen, die diese Atmosphäre bei Tisch genießen. Meine Ohren lauschen den Geräuschen aus Stimmengewirr. und Tellerklappern. An allen Tischen geht es gesellig zu. Da wird geprostet und gequatscht, Menschen kippeln auf ihren Stühlen, oder rücken sie lautstark zurecht, während sie sich ihren Tellern widmen und mit vollen Backen ihre Unterhaltungen pflegen.

Es ist alles andere als leise aber keiner stört sich daran. Es ist selbstverständlich, dass man nicht nur zum Essen beieinander sitzt, sondern auch, um sich zu unterhalten und die Geselligkeit zu pflegen.

Aber Stopp!

Hat man uns damals als Kinder nicht eingeschärft, beim Essen stets leise zu sein und den Mund zu halten?  War es nicht unhöflich, bei Tisch laut zu lachen, oder durcheinander zu reden? Hat man uns nicht angehalten, still und leise dazusitzen und das Essen als eine Art schweigsame Zeremonie zu empfinden, bei der weder geruckelt, noch gequasselt werden darf?

Doch, so war es. Jedenfalls bei mir. Ich erinnere mich noch gut daran, dass unsere Mahlzeiten zuhause immer eher traurig und absolut gesittet waren. Am Ende war jeder froh, wenn endlich alle satt waren und ihren Platz verlassen durften.

In meiner Erinnerung war die Stimmung deshalb nicht gerade einladend. Gemeinsame Mahlzeiten hatten eher etwas von einer Beerdigung, anstatt von einer besonderen Zeit, die alle Familienmitglieder gemeinsam miteinander verbringen, und sich dabei austauschen konnten. Oft waren es die Erwachsenen, die bei Tisch trotzdem reden durften und sich selbst nicht an ihre aufgestellten Regeln zu halten pflegten. Wir Kinder fanden das immer sehr ungerecht, und haben den Sinn und Zweck solchen Verhaltens auch nie wirklich begriffen.

Wobei wir natürlich wussten, dass es Tischmanieren gibt und geben muss. Und dass man erst leerkaut, bevor man spricht, um die anderen nicht mit dem Inhalt seines Mundes zu beglücken…

Aber warum fällt es uns eigentlich so schwer, leise bei Tisch zu sein? Und ist es überhaupt nötig, beim Essen den Mund zu halten, egal ob für Kinder oder Erwachsene? Ist nicht ein gemeinsames Essen der beste Zeitpunkt, um mit anderen ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen? Fördert nicht das Essen die Geselligkeit und stärkt die Gemeinschaft untereinander?

Doch, das tut es. Ich stelle mir die obige Lokalszene gerade anders vor. Jeder starrt stumm auf seinen Teller, Tischgespräche gibt es nicht. Kein Lachen, keine Anekdoten, kein Cheers und Gezappel. Nur Stille. Es wäre eine langweilige und höchst traurige Vorstellung, so beieinander sitzen zu müssen. Von uns Erwachsenen würde das ja auch niemand verlangen. Wir müssen ein Essen in geselliger Runde nicht  still und stumm einnehmen. Wir dürfen reden und gleichzeitig essen, wir dürfen uns Zeit lassen, unsere Mahlzeiten mit Freunden zu genießen.

Aus welchem Grund? Weil wir erwachsen sind? Haben wir deshalb das Recht dazu, gesellig zu sein? Warum verlangen wir aber so oft das Gegenteil von unseren Kindern, und leben es ihnen dann anders vor? Warum ist diese Regel immer noch viel zu oft gang und gäbe in Kindergärten und auch in manchen Familien? 

Fortsetzung folgt…

Eure Polly

PS: Wie war das bei euch? Was meint ihr dazu?

 

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16 Gedanken zu “Mit vollem Munde spricht man nicht…zum Ersten

  1. Wir (geb.1956 in Rumänien) durften lachen und quatschen, aber eben nicht mit vollem Mund. Das wurde plausibel damit erklärt, dass wir uns nicht verschlucken sollten. Die Regel galt für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Bei unserer Tochter haben wir es auch so gehalten, und die Enkelin ist noch so klein, dass man ihr immer wieder sagen muss, dass sie erst beißen und kauen soll, bevor sie schluckt. Mit ihren Joghurtbechern darf sie allerdings in Ihrem Hochstuhl erst spielen, sobald sie satt ist. Sie wäre sonst allzu abgelenkt. Das Reden könnte man ihr dagegen nicht einmal verbieten, wenn man wollte. Sie ist neun Monate alt und würde das Verbot garantiert noch nicht verstehen.

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    • Mit vollem Munde, wie man so schön sagt, halte ich meine Kinder auch an, nicht zu sprechen. Erst Mund leer! Ein Essen ist Geselligkeit. Oft die einzige Gelegenheit für die ganze Familie gemeinsam zu sitzen und sich dabei auszutauschen. Das gilt für alle Familienmitglieder gleichermaßen.
      Danke für dein Kommentieren! Liebe Grüße, Polly ☺

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    • Tischmanieren sind auch wichtig um sich in einer Gesellschaft zu bewegen. Die Frage ist nur, wie man sie lernt. Bei uns war Schweigen oberstes Gebot bei Tisch. Besonders für uns Kinder. Obwohl gepflegte Tischkonversation doch auch zum guten Ton gehört. ☺

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  2. Du hast den Punkt getroffen Polly, soziales Tischverhalten ist ein wichtiges Familienereignis und sollte jeden Tag mindestens ein Mal stattfinden. Mit dem Essen können wir Sinne und Neugier wecken, Sprachen, Länder und Essverhalten kennen lernen, ob mit Fingern oder Besteck, je nach Mahlzeit. Nur die Aufesserei finde ich schlimm. Natürlich spekuliert da manches Kind lieber auf den Nachtisch, aber Eltern durchschauen in der Regel diese Absichten. Bei Tisch nicht reden, nicht trinken und in Sonntagskleidung zu erscheinen stammt noch aus der Kaiserzeit, und gehört ins Museum, aber nicht schmatzen, oder gerade sitzen, das Besteck richtig benutzen können, und höflich nach etwas fragen zu können, wird dem Kind für sein ganzen Leben nützlich sein, es sei denn, es soll Gangsta Rapper werden 😉

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    • Danke für deine Zeilen. Verhaltensweisen lernt man im Zusammensein mit anderen. Durch ausprobieren, herantasten, abschauen, Versuch und Irrtum… nicht durch ausschalten von vorneherein. Sondern im sozialen Umgang. Mit allem was dazu gehört. Bei gelöster Atmosphäre lernt es sich am Besten ☺
      Familien haben heute oft viel zu wenig gemeinsame Zeit .

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  3. Ich kenne solche Sprüche zwar:
    ‚Kinder haben bei Tische stumm zu seien wie die Fische‘
    Doch wir Kinder hatten darunter nicht zu leiden.
    Bei den Großeltern väterlicherseits auf Familienfesten war dies manchmal spürbar, da wurde ‚Contenance‘ erwartet und ziemliches Benehmen. Die Älteren unterhielten sich ausführlich und detailliert über den Hergang der Augenoperation und wie Krampfadern gezogen wurden, während ich am Rinderbraten würgte und mich langsam grün wie die Buttererbschen verfärbte. Doch Essen mit meiner Sippe zu Hause war erstmal eine Gelegenheit zusammensein zu können, dann etwas Leckeres zu essen. Da wurde gelacht, gequatscht und genossen. Ich durfte mein Süppchen mit links löffeln (im Gegensatz zu sterbenslangweiligen langen Tafeln, bei denen es dank der engen Sitzordnung nur rechts möglich war, ohne dem Sitznachbarn in die Quere zu kommen…da war ich mit der Suppe immer die und das Letzte…).
    Der eingangs erwähnte Spruch wurde nur dann und immer zwinkernd von meinem Vater angebracht, wenn die Erwachsenen nicht mehr zu Wort kamen.
    Mit meinen Kindern ist es genauso:
    Wenn gemeinsam gegessen wird in unser Miniküche, meistens abends, weil sie lange Schule haben, ist Lachen und Genießen Pflicht, denn Essen ist auch eine gute Gelegenheit, sich auszutauschen und beisammen zu sein. Niemand wird gezwungen zu essen, was er nicht mag und vor der Zubereitung wird das geklärt.
    Wir gehen sehr selten mal in Restaurants. Doch wenn, dann wissen meine Beiden, was mir wichtig ist und halten sich dran. Übermäßig streng brauchte ich nicht zu sein, denn sie wissen ja, dass wir, wenn wir allein sind, wieder ungezwungen und locker sein können und auch wie viel Freude sie mir machen, wenn sie anderen zeigen, dass sie die ‚Tischetikette‘ beherrschen, wenn es mal drauf ankommt.
    Was man vorlebt, machen die Kleinen nach. Wer als Großer mit vollen Backen parliert, dass die Essensbrocken aus dem Mund fliegen und sich aufstützt mit den Ellenbogen darf sich nicht wundern, wenn die Kids es gleichtun.😉

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  4. einmal versprach Opa meiner Schwester 5Mark für 5Minuten stille-sein… ein unvorstellbarer Reichtum für uns Kinder… geschafft hat sie es nicht. Nun wollte ich dasselbe Angebot. Er sah seine 5Mark schwinden und ließ sich auf den Deal nicht ein. Das fand ich so ungerecht, dass es mir bis heute in Erinnerung blieb…

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  5. Gemeinsame Mahlzeiten haben mich mein Leben lang begleitet und für mich und damit für meine Familie, meine Kinder auch heute fester Bestandteil. Aber dabei war und ist es nie still. Gemeinsame Mahlzeiten und gemeinsame Gespräche gehören hier zusammen!
    Was ich aber damals eine gute Regel von meinem Vater beim Mittagstisch fand: keine unangenehmen Themen bei Tisch – wie zB schlechte Noten. Sowas war Tabu – und gut so!

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Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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