Pollymoment: Besuch

Gestern warst du da.

Einfach so.

Du hast mich gefragt, und ich habe „ja“ gesagt. Nach so langer Zeit der Stille.

Du hast schlecht ausgesehen. Dein Körper wird immer weniger. Man sieht dir an, wie deine Muskeln schwinden. Wie dir die Chemo zu schaffen macht. Ich habe Kaffee gekocht. Wir saßen da. Wir schwiegen.

Ich habe ein bisschen geweint.

Zwischendurch hast du deine Kinder von der Schule nach Hause gefahren und dann warst du noch einmal schnell in der Apotheke.

Dreimal warst du also da. An einem Tag. Drei mal nichts gesagt. Nichts aufgeklärt.

Nur da gewesen.

Am Ende habe ich dich gefragt, was das jetzt war. Drei Möglichkeiten hattest du, alle hast du nicht genutzt.

Du sagtest aber, du hättest sie genutzt. Du wärst froh, dass du hier sein durftest. Du wüsstest nicht wie du anfangen solltest. Wenn du mir um den Hals fallen würdest, bekämst du doch nur eine blutige Nase.

Ja. da hast du wohl recht. So einfach ist das nicht.

An der Tür hast du mich wortlos in den Arm genommen. Hast mich fest an dich gedrückt, deine Nase in mein Haar gegraben und tief eingeatmet. Ein schüchterner Kuss auf die Wange. Sonst nichts.

Die Tür fiel ins Schloss.

Mitten in der Nacht die Nachricht: Es war schön dich zu sehen.

Ja.  Das war es. Ich antworte nicht.

Du bist kein Mann der großen Worte. Es ist nicht aller Tage Abend.

Polly

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21 Gedanken zu “Pollymoment: Besuch

  1. So wie Du warst, glaube ich, war es richtig.
    Ihn kommen lassen, ihm Raum geben, Freiheit.
    So kannst Du ihm gut tun.
    Er erlebt eine Zeit, in der er treibt und selbst nicht weiß, wie es weitergehen kann.
    Findet bei Dir Vertrautes, ist vllt. auch unsicher, sucht Geborgenheit, die keine Alltagspflicht ist, keine Fragen stellt…
    Jetzt kommt ein Aber…
    Wie geht es Dir…? Tut es Dir auch gut?
    Gib auf Dich Acht…✨

    Gefällt 2 Personen

      • Die Dinge lassen sich wünschen, doch leider nicht zwingen. Eine so schwere Krankheit nimmt den Raum für Bewegungen. Manche Entscheidungen trifft das Leben und es ist die Hilf- und die Machtlosigkeit, die diese Entscheidungen zu akzeptieren wie sie sind, so schwer macht. Dieses Zugehen, von dem Du sprichst, erfordert auch Kraft. Deine, auch seine. Wenn ich Deine Schilderung lese, erscheint es mir, als habe er momentan nicht viel davon übrig. Dies zu wissen, kann seine Reaktion verständlicher, vielleicht nachvollziehbarer machen. Damit es leichter für Dich werden kann.
        Ich wünsch Dir sowas von alles Gute…✨

        Gefällt 1 Person

  2. Hallo Polly,

    ich wünsche dir viel Kraft. Meiner beste Freundin hat auch eine Krankheit, bei der sich ihre Muskeln immer weiter „auflösen“. Auf „meiner Seite“ ist es sicher „einfacher“ als auf ihrer, aber es tut mir dennoch sehr weh, wenn ich an die Zukunft denke. Und ich habe Angst.

    Alles liebe
    Julusch

    Gefällt 1 Person

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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