Ferne Nähe,…oder ich sehe dich

Da war er also wieder, mein Arbeitsalltag.

Alles lief seinen gewohnten Gang, und doch war es anders. Schon früh, beim Einsteigen ins Auto, überkamen mich gemischte Gefühle.

Wer würde heute wohl die Zwillinge in die Kita bringen, und wann? Würde ich Mike über den Weg laufen? Würden wir uns sehen, würden wir reden?

Ein Haufen von Fragen drang jeden Tag erbarmungslos in meinen Kopf. Ich war hin und hergerissen, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Einerseits versuchte ich Mike aus dem Weg zu gehen, andererseits zog es mich oft in Richtung Fenster. Vielleicht konnte ich sein Auto auf dem Parkplatz erspähen… oder vielleicht traf ich ihn auf dem Weg in die Küche, wenn ich Tee nachholte? Es war verrückt.

Meistens brachte er die Kinder und holte sie wieder ab. Dabei hatte ich den Eindruck, er hielte sich oft etwas länger mit ihnen in der Kita auf als nötig. Besonders, wenn wir zum Abholen alle miteinander im Garten waren. Dann setzte er sich oft an den Sandkasten, backte Kuchen mit Lina, schaukelte Lennart und blickte stets verstohlen in meine Richtung. Jedoch Worte wechselten wir kaum.

Er war ein Kindergartenvater, wie jeder andere. Punkt!

Manchmal kam auch Paula mit. Dann war es besonders schlimm für mich. Sie war immer so freundlich und erkundigte sich nach mir. Sie suchte das Gespräch mit mir, wahr ehrlich und offen für alles rund um den Kindergarten und auch für alles andere. Sie ragte nach Olivia und Robert, wie ich diesen Spagat schaffte zwischen Familie und Job und so weiter. Nie wirkte es aufgesetzt. Immerwieder himmelte sie dabei ihren Mann von der Fernen an. Sie liebte ihn. Ohne Kompromisse. Und ich hatte Herzklopfen…leider nicht wegen Paula. Ich fühlte mich fies und gemein. Ich wollte es anders.

Mike war eher reserviert. Er schenkte Paula keine besondere Aufmerksamkeit. Aber das bedeutete nichts. Er war er in der Öffentlichkeit schon immer kein Gefühlsmensch gewesen. „Hach, unter Leuten ist er immer so ein Stoffel!“, beschwerte sich Paula eines Nachmittages. „Aber zum Glück ist er zuhause ganz anders. Da müsstest du ihn mal erleben, so fürsorglich und romantisch!“ Dabei grinste sie wie ein Honigkuchenpferd.

Während ich überlegte, was ich darauf antworten sollte, überkam mich das Bedürfnis, ihr das dümmliche Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen. Aber natürlich tat ich es nicht. Nur vor meinem geistigen Auge. Da vielleicht. Bemüht rang ich um Ruhe, in Worten und Taten.

Ich kannte Mike, ich wusste genau wie er war. Kühl nach außen hin, aber ein Herz voller Wärme. „Dumme Pute…“, dachte ich.

„Böse Polly!!! Schäm dich! Wie kannst du nur???“

Zum Glück war nun Essenszeit, schnell trommelte ich die restlichen Kinder zusammen. Jetzt war keine Zeit mehr für Smalltalk, wir mussten hinein. Paula rief nach Mike und den Kindern, verabschiedete sich und ging schon voraus. Als Mike kurz darauf an mir vorbeiging, streifte seine Hand fast unmerklich meinen Arm. Ich zuckte zusammen. Es war wie ein Blitz, auch wenn es bestimmt nur ein Versehen von ihm gewesen war.

Gefolgt von Lina und Lennart ging er ins Haus, nicht ohne sich in der Tür noch einmal umzudrehen. Da wusste ich, dass es kein Versehen war.

So konnte es nicht weitergehen. Wie sollte ich das nur überstehen?

Ich rief mir meine Ehe in Erinnerung. Robert, meinen Mann. Olivia, unseren kleinen Engel. Wieviel hatten wir durchgemacht, die letzten Monate! Daran lohnte es sich festzuhalten, nicht an einer Liebelei ohne Zukunft.

Nein.

Ich hatte eine wunderbare Familie, und ich liebte sie. Ich würde alles für sie tun. Die letzten Jahre liefen wie ein Film vor meinem Inneren ab. Wie ich Robert kennenlernte, wie er mir den Rücken stärkte, als ich am Boden war, der Antrag und die vielen wunderschönen Momente, die er mir schenkte. Alle Höhen und Tiefen schlichen sich in mein Herz. Dort war meine Zukunft. Genau dort.

Diese Gedanken waren wie ein zweiter Frühling. Ich begehrte meinen Mann, wie schon lange nicht mehr, und er ließ mich spüren, wie sehr er meine Nähe brauchte. Wir waren ein Team, wir waren Freunde und Eltern… und wir waren ein Paar. Und dieses Erleben, verhalf mir zu einem Stück Distanz.

Distanz zu Mike.

Die Gefühlswogen glätteten sich etwas. Nach und nach. Ich war nicht mehr so angespannt, wenn ich ihm in der Kita begegnete. Ja, ab und zu konnte ich sogar normale Sätze mit ihm wechseln. Von Berufs wegen zwar, aber ich schickte keinen anderen mehr vor.

Die Zwillinge schienen einen Narren an mir gefressen zu haben, obwohl sie nicht in meine Gruppe gingen. Sobald wir alle im Garten waren, oder offene Angebote hatten, suchten sie meine Nähe. Saßen auf meinem Schoß, bekochten mich und spielten mit mir. Deshalb gab es auch das ein oder andere beim Abholen mit den Eltern auszutauschen. Meistens mit Mike. Und ich schaffte es.

Ich war über den Berg. Das glaubte ich fest. Ich konnte akzeptieren, dass wir getrennte Wege gingen. Er und ich.

Ich war ein Profi. Zumindest auf der Arbeit…

Eure Polly

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19 Gedanken zu “Ferne Nähe,…oder ich sehe dich

  1. Du glaubst es endlich? ! 🙂 😉

    Und eine Liebe ohne Widersprüche ist nur eine Farce.
    Das hast Du wieder schön geschrieben, alles zusammen …, lektoriert …, ab in die Druckerei mit ISBN …, Lesungen halten …, Werbung machen …, diszipliniert das alles ….
    Ach jaaaaaaaaaa (schelmisch guck)…..

    Gefällt 1 Person

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