Zeilen an einen (Un)Bekannten

Mike,
Es war wieder eine dieser heißen Sommernächte, und ich konnte kein Auge schließen. Dauernd wälzte ich mich in meinem Bett hin und her. Nicht nur die Hitze machte mir zu schaffen oder der Mond, der hell in mein Fenster schien. Nein. Mein Kopf war voller Gedanken, und ich konnte sie nicht abstellen.

Bald wird es September sein. Da beginne ich wieder zu Arbeiten. Einerseits freue ich mich sehr, aber ich habe auch Angst davor. Angst, dass sich dort nichts bewegt hat. Ich merke zwar, wenn ich die Kinder besuche, einiges ist etwas „lockerer“ geworden, als noch vor einem Jahr. Aber die Mühlen mahlen langsam. Ich werde ganz in Ruhe anfangen und etwas kürzer treten. Mein Burnout habe ich körperlich gut weggesteckt, seelisch ist alles noch schwer für mich.
Aber du weißt ja, dies liegt nicht nur an den Ereignissen der letzten Monate. Du kennst mich und meine Geschichte.
Doch darüber will ich dir eigentlich gar nichts schreiben.
Ich habe auch über dich nachgedacht. Über uns. Über das Vergangene. Über das was ist. Ich mache mir Sorgen um dich. Jeden Tag.
Gestern habe ich versucht meinem Gedankenkarussell ein Schnippchen zu schlagen. Als ich zum wiederholten Male auf die Uhr sah, und es schon viertel nach zwei war, streifte ich mir kurzerhand ein dünnes Kleidchen über und ging nach draußen in die Nacht.
Wenn ich dir jetzt schreibe, dass ich nichts drunter trug….nichts…, dann tue ich dies mit einem schelmischen Lächeln, voller Erinnerung und Sehnsucht an dich. 
Kannst du dir denken wohin ich lief?
Ich ging zum Park. So wie ich war.
Wie lange war ich schon nicht mehr im Park gewesen, und ich befürchtete, dass er mittlerweile am Abend abgeschlossen wäre. Aber nein! Das Türchen stand offen, wie eh und je.
Außer mir konnte ich keine Menschenseele im Park ausmachen.
Zum Glück…wer weiß, ob ich mich dann nicht umgedreht hätte und zurückgegangen wäre…denn etwas mulmig war mir schon. Auch wegen der spärlichen Kleidung.
Ich schlüpfte durch das kleine Tor und betrat diesen für mich fast schon heiligen Boden. Ein Gefühl wie Zuckerbrause stieg in mir auf. Es war wie damals. Nur du hast gefehlt.
Ich schlenderte die schwach beleuchteten Wege entlang. Der Mond schien mir heller zu sein, als die Laternen. Kaum ein Geräusch war zu hören. Nur ganz leise. Ein wenig Grillengesang, ein paar Autos in der Ferne. Stille, laue Sommernacht rings um mich her.
Ohne, dass ich groß nachdachte, trugen mich meine Füße zu der Stelle, an der einst unsere Bank gestanden war.
Die Bank, auf deren Lehne wir so oft saßen und den Himmel betrachteten. Die Bank, auf der wir uns küssten und liebten. Die Bank, auf der wir lachten und schwiegen.
Heute ist sie nicht mehr da. Aber der Baum ist noch da, neben dem sie stand.
Also lehnte ich mich an seinen Stamm und setzte mich ins Gras. Von den Rosenhecken kam ein lieblicher Duft herüber, und ab und zu konnte ich ein Glühwürmchen erspähen. So saß ich da, und blickte in die Dunkelheit. Es war so friedlich. So wundervoll.
Wie schön der Himmel war! Voller Sterne!  Auch wenn der Mond noch fast rund war, konnte ich trotzdem viele ihrer Bilder erkennen.
Ich dachte daran, wie oft wir uns Geschichten vom Universum erzählt haben. Wie oft wir uns vorstellten, einfach in den Sternenhimmel zu fliegen, die Planeten zu bereisen und neue Welten zu entdecken. Wie oft haben wir Bilder im Mond gesehen, oder in den schwarzen Wolken und dem Mann im Mond zugewunken.
Weißt du noch, wie oft wir uns in den Armen hielten und einfach nur staunten? Die Zeit genossen? Unsere Nächte! Voller Zaubermusik.
Als ich so daran dachte, wünschte ich mir, du wärst neben mir im Gras. Deine Hand läge in meiner und wir würden erzählen, oder schweigen. Wie einst.
Ich vermisse dich unendlich.
Das Flattern einer Fledermaus weckte mich dann aus meinen Träumen. Meine Wangen waren kühl und tränennass. Aber in meinem Herzen war Wärme.
Auf dem Heimweg habe ich noch die Schritte gezählt. Es waren etwas mehr wie damals, als du mich so oft begleitet hast. Wahrscheinlich wollte ich einfach etwas länger unterwegs sein und habe sie kleiner gemacht.
Sie sollte nicht vorbei sein, diese Nacht.
Als ich wieder in meinem Bett lag, brauchte ich noch lange um einzuschlafen. Aber ich weiß, ich tat es mit einem Lächeln. Mein Herz vergisst nicht.
So schmerzhaft es auch war, diese Sommernacht war doch eine schöne Reise in die Vergangenheit.
Liebe und alle guten Wünsche für dich, Polly ❤lips-387245_640
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11 Gedanken zu “Zeilen an einen (Un)Bekannten

  1. Ich kenn solche Momente und so schön (schmerzhaft schön) sie sind, im Nachhinein habe ich mich oft geärgert, dass es nicht ausreichte, dass ich sie genieße, dass ich immer jemanden dazudenken muss. Stell dir die Nacht ohne all die Sehnsucht vor. Wie ganz und ruhig und erfüllend es sein könnte. Aber ach ach, das Herz!

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