Polly startet wieder durch (Teil2)

In unserer Sammelgruppe war schon einiges los, als ich ankam und die Kinder stürmten auf mich zu. Es war ein gutes Gefühl zu spüren, dass ich ihnen gefehlt hatte. Einige Mädchen zogen mich sofort in die Puppenecke und fingen an, mich nach allen Regeln der Kunst zu bekochen. Es gab Pizza und Schokoladeneis.

Plötzlich lag ein Raunen im Raum, welches mich aufhorchen ließ. Von draußen drang ein Weinen und Schimpfen an mein Ohr. Dann rannte jemand ins Zimmer, direkt auf mich zu. „Polly!“ Paula hüpfte auf mich zu und umarmte mich heftig. „Oh Polly, bin ich froh, dass du schon da bist! Hilf uns bitte. Lina und Lennart jammern und Mike glaubt mir nicht, dass sie sich eben erst an alles hier gewöhnen müssen! Kannst du ihn bitte beruhigen? Du kennst ihn doch.“

Ich??? Mir fiel alles aus dem Gesicht. Hatten sie die Kinder denn noch nicht eingewöhnt? Wo war meine Kollegin aus der Krippe? „Ihr könnt doch noch etwas bleiben“, sagte ich zu Paula. „Die Krippenkinder lösen sich nur langsam. Das ist normal. Eine Eingewöhnung dauert manchmal einige Wochen. Da könnt ihr dabeibleiben.“

„Ich nicht, ich muss zur Arbeit, aber Mike hat sich extra frei genommen. Nur jetzt zweifelt er, ob es nicht doch zu früh für die beiden ist. Bitte, red mit ihm!“ Flehend sah sie mich an.

Als ich in den Flur trat, sah ich meine Kollegin schon bei Mike stehen, und auf ihn einreden. Aber all ihre Versuche zeigten keine Wirkung. Er war drauf und dran, mit den Kindern das Weite zu suchen. 

„Mike…“ Er schaute mich an. „Du musst sie hier nicht alleine lassen. Am besten du bleibst ganz ruhig und machst heute einfach alles mit. Geht doch schon mal vor in die Krippe und dann spiel einfach mit den beiden. Die anderen kommen dann etwas später dazu. Da seid ihr erstmal ungestört und Lina und Lennart können den Raum in Ruhe erkunden. Das wird. Vertrau mir.“

Mit einem Blick gab ich meiner Kollegin zu verstehen, dass es für uns Zeit war, wieder hineinzugehen. Das würde ein Nachspiel haben. Ich hatte ihr dazwischengefunkt. Eigentlich ein No-Go! Ich wusste das.

Aber gut. 

Paula verabschiedete sich. Irgendwann hörte man kein Schluchzen mehr vom Gang, und ich hoffte, dass Mike nicht mit den Kindern gegangen war. Vorsichtig schlich ich mich in Richtung Krippe. Die Tür war angelehnt. Mike saß mit Lennart und Lina auf dem Teppich  und spielte. Die Kleinen hatten noch ihre Jäckchen an, aber die Situation war entschärft. Keine Tränen mehr. Puh!

Die Trennung der Gruppen war längst überfällig. Nachdem die Nachricht verbreitet war, dass in der Krippe alles friedlich war, holte ich „meine“ Kinder und überließ alles Weitere meiner Kollegin.

Wenig später in der Küche, beim Einräumen der Spülmaschine, hörte ich ein Räuspern. „Ich glaube für heute reicht es uns. Wir kommen ja morgen wieder. Danke Polly. Danke, dass du da warst.“ Diese Worte klangen wie Geigenmusik in meinen Ohren. Stille war im Raum. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. „Gern geschehen.“ Mehr konnte ich nicht sagen und blickte dabei stur auf das Geschirr. 

Doch ich spürte ich es. Ihn. Als ich mich endlich umdrehte stand Mike direkt hinter mir. Ganz dicht. So nah.

„Wo sind die Zwillinge?“, stotterte ich. Noch bevor Mike antwortete, legte er seine Hand auf meine Schulter. „Sie liegen im Wagen. Sie schlafen.“ Ich versuchte krampfhaft, ihn nicht anzusehen, ihm nicht in die Augen zu schauen. „Ja. So viele neue Eindrücke. Das schlaucht ganz schön. Es wird gut werden. Du wirst sehen.“

Während ich sprach, strich mir Mike eine Strähne aus der Stirn und drehte sie gedankenverloren zwischen den Fingern. „Du bist großartig Polly.“ Dann ging er hinaus und ich war allein in der Küche.

Natürlich blieb auch die Schelte meiner Kollegin nicht aus. Aber ich ertrug sie mit Fassung. Ich dachte nur an den Moment in der Küche. Seine Hand lag auf meiner Schulter. Seine Finger in meinem Haar. Nach so langer Zeit! Dieses Gefühl war noch so präsent, dass die gekeiften Worte einfach an mir abperlten.

Ich wusste, dass es richtig war, sich einzumischen. Wenn es auch nicht unbedingt schmeichelhaft für meine Kollegin war. Den Kindern war geholfen. Das zählte. Nichts sonst.

So ging mein erster Arbeitstag dem Ende zu.

Bevor ich das Haus verließ, rief mich meine Chefin noch einmal zu sich ins Büro. „Polly, toll wie du das heute geregelt hast. Danke. Rebecca hat sich zwar bei mir beschwert, aber ich finde, du hast richtig gehandelt. Sie war der Situation nicht gewachsen. Die Eltern der Zwillinge vertrauen dir. Sie waren traurig, dass die zwei nicht gleich in deine Gruppe gehen können. Ich habe ihnen versprochen, dass du sie nimmst, sobald sie groß genug sind.“

Ich konnte nichts darauf sagen, verließ den Raum und hoffte nur, dass es doch noch anders kommen würde. Ich mochte Paula, ich mochte die Zwillinge. Ja. Aber ich liebte Mike.

Eine schwierige Konstellation. Nicht nur für mich.image

Polly

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6 Gedanken zu “Polly startet wieder durch (Teil2)

  1. 1. Ja, die Trennungsdramen sind mir noch gut in Erinnerung, da musstest du einschreiten, ganz klar, und deine Kollegin beruhigt sich sicherlich wieder 🙂

    2. Also wenn ich die Geschichten noch einigermaßen richtig in Erinnerung hab ist das ganz sicher keine angenehme Situation, wünsch dir damit alles Gute!

    Gefällt 1 Person

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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