Märchenstunde: Der kleine Häwelmann von Theodor Storm

Ich liebe Märchen. Und ich liebe es, Märchen zu erzählen.

Als Erzieherin darf ich das zum Glück häufig tun. Die Klassiker, Märchen aus aller Welt oder moderne….ganz egal.

Ein sehr beliebtes Märchen, bei den Kindern sowie bei mir, ist „Der kleine Häwelmann von Theodor Storm. Ich habe diese Geschichte schon immer geliebt. Als Kind hatte ich ein wunderschönes Bilderbuch davon und als Erwachsene liebe ich es immer noch. Ich beschäftige mich gerne mit der Geschichte und dem Inhalt von Märchen, und beleuchte sie aus unterschiedlichen Richtungen. Hier im Flohzirkus möchte ich ab und an Märchen als Beiträge einstellen und noch weiteres dazu berichten.

Heute also „Der kleine Häwelmann„. Wer kennt ihn nicht? Den Jungen, der nachts nicht schlafen will und lieber eine Reise in seinem Bettchen unternimmt. Zusammen mit dem guten alten Mond geht es in den Wald, in die Stadt, ja sogar bis in den Himmel hinein.

Der Autor:

Hans Theodor Woldsen Storm, geboren am 14. September 1817 in Husum. Verstorben am 4. Juli 1888 in Hanerau-Hademarschen.

Von eigentlichem Beruf Jurist, war Storm zu einem deutsche Schriftsteller geworden, der als Lyriker und als Autor von Novellen und Prosa des deutschen Realismus mit norddeutscher Prägung bedeutend war.  Seine Novelle „Der Schimmelreiter“ begegnet uns noch heute im Deutschunterricht. 

Das Märchen vom Häwelmann hat er im Jahr 1849 für seinen Sohn Hans geschrieben. 1926 wurde es dann erstmals als Bilderbuch herausgebracht und damit einem größeren Publikum bekannt.

Zu Beginn dieses Buches findet sich ein kleines Gedicht über den Häwelmann, verfasst von seinem Vater. Hier drückt Storm auf wunderbare Art und Weise die Liebe des Vaters zu seinem Sohn aus. Es erzählt über den Sonnenschein der Familie und beschreibt das Kind doch anders, als es sich in der nachfolgenden Geschichte zeigt. In welcher der Kleine ein aufsässiger, ungeduldiger Bursche ist, der partout nicht schlafen will.

Das Wort „Häwelmann“ kommt aus dem niederdeutschen und bezeichnet auch keinen Sonnenschein. Sondern ein kleines Kind, das übertriebene Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.  Also ich würde es heute mit kleine Nervensäge, Dickschädel oder sogar  mit kleiner „Satansbraten“ übersetzen. So wie er in dem Märchen seine Mutter im Griff hat und auch den guten alten Mond gekonnt „um den Finger wickelt“.

Nun zum eigentlichen Märchen, verkürzt zusammengefasst:

Häwelmann kann nicht einschlafen und quengelt. Seine Mutter liegt im großen Bett daneben rollt ihn noch in seinem Rollenbettchen ein wenig hin und her, bis sie eingeschlafen ist. Aber der Kleine ist noch putzmunter. Er baut sich aus seinem Nachthemd ein Segel und rollt im Bettchen durch das Zimmer, indem er in das Segel bläst. Der Mond schaut durch das Fenster und sieht das Schauspiel.

„Junge, hast du noch nicht genug?“, fragt da der Mond.

„Nein“, schrie Häwelmann, „mehr, mehr! Mach mir die Tür auf! Ich will durch die Stadt fahren; alle Menschen sollen mich fahren sehen.“

Aber in der Stadt ist es ruhig, alle schlafen. Das ist Häwelmann zu langweilig. Dann geht es in den Wald, aber auch dort ist es ruhig und keiner sieht ihn fahren, außer eine Katze. „Mehr, mehr!“, fordert der Knabe und fährt schließlich bis zum Ende der Welt, mitten in die Sterne am Himmel hinein. Dann ärgert er auch noch den Mond, so dass er sein Licht auslöscht. Häwelmann fährt weiter umher, bis schließlich die Sonne aufgeht und ihn hinunter ins Meer wirft. Am Ende wird er dann von uns gerettet und in unser Boot gezogen, sonst hätte er doch leicht ertrinken können!

Storm hat seine Geschichte extra für Kinder konzipiert, im Stil eines damals üblichen Kunstmärchens. Ich persönlich finde es besonders schön, dass wir uns am Ende selbst als Personen in die Handlung einbringen,und den abgestürzten Burschen retten.

Der Häwelmann als lauter, frecher, ungeduldiger Knabe, der nicht schlafen will ist sicher nicht allen erwachsenen Lesern auf anhieb sympathisch. Aber kleine Kinder können sich durchaus gut mit ihm identifizieren, denn das Thema ist ihnen sicherlich bekannt. Der kleine Junge gibt einfach keine Ruhe und will immer nur noch mehr. Der Mond ist freundlich und hilfsbereit, die Sonne aber ist streng und bestraft ihn, so dass er schwimmen lernen muss.

Im ersten Viertel des Zwanzigsten Jahrhunderts wurden Kinder streng und autoritär erzogen. Das spiegelt sich in der Erzählung wieder. Die Kinder waren ein großes Gut, und wurden geliebt. Aber es gab unmissverständliche und deutliche Regeln, die es einzuhalten galt. Bei Missachtung wurden die Kinder oft streng bestraft, und spürten Konsequenzen mit voller Härte. Damals glaubte man noch dies sei wirklich der richtige Weg.

Der kleine Häwelmann aber möchte mehr, als nur Erziehung! Er möchte Aufmerksamkeit und alles erfragen und erleben dürfen. Damit sprengt er die Grenzen dieser Zeit und will auch einmal über die über die Strenge schlagen dürfen. Ganz am Schluss des Bilderbuches stellt sich alles als „böser“ Traum heraus und Häwelmann erwacht strubbelig in seinem Rollenbettchen. 

Zum Glück ist die Erziehung heute von Freiräumen und Grenzen gleichermaßen geprägt, die harte Hand hat (hoffentlich wirklich überall) ausgedient. Somit werden den Zuhörern die Hintergründe zu dieser Geschichte wohl schwer verständlich erscheinen. Aber das ist ja bei vielen Märchen der Fall und tut ihrem Charme keinen Abbruch.

Ich liebe die Sprache in der diese nostalgische Erzählung, geschrieben ist. Auch wenn sie für uns heute nicht mehr geläufig oder zeitgemäß ist. So wirft schon ganz zu Beginn der Name des Jungen viele Fragen auf. Häwelmann? Wer heißt schon so?  Dann folgen Begriffe wie: Stube, Rollenbett, possierlich, Hemdzipfel und vor allem „ich illuminiere“. Beim Vorlesen sind diese Worte sicher erklärungsbedürftig. Ebenso die Sprache Storms, welche mit Metaphern gespickt ist. So putzt der Mond die Laterne aus und löscht sie nicht nur. Diese Art der Literatur muss man mögen, um sie anderen erzählen und schmackhaft machen zu können. Aber die Geschichte ist dadurch so liebenswert und spannend bis zum Schluss.

Auch wenn man heute bestrebt ist, die Kinder realistisch zu erziehen, fördern Märchen doch immer die eigene Phantasie und Persönlichkeit der Kinder. Sie helfen uns zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu lernen. Und oft gibt es eine Botschaft, die für jeden einzelnen anders klingt.


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Ich empfehle diese schöne Geschichte für Kinder ab 4 bis 99 🙂

Eure Polly

(Als Quelle diente mir: ein altes Bilderbuch, Wikipedia und mein eigener Kopf)

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12 Gedanken zu “Märchenstunde: Der kleine Häwelmann von Theodor Storm

  1. Wenn ich nach den großen Ferien eine neue Leseklasse übernehme und wieder mit Zweitklässlern einsteige, ist dieses schlaue Märchen vom alten Storm bereits fester Programmpunkt. Kinder jeden Alters lieben es und der Satz: Ja, habt Ihr denn immer noch nicht genug?
    Wird mit hungrigem Gekrähe begrüßt. Noch immer und überaus verlässlich.
    Morgengrüße zu Polly✨

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      • Kinder brauchen Vorlesen. Es ist so gut für sie. Gerade in der heutigen Zeit, wo ihnen so viel abverlangt wird. Die Zappelflöhe in der sechsten Stunde. Müde vom Lernen, voller Bewegungsdrang und dennoch…wenn die Phantasie zum Spaziergang eingeladen wird, nehmen sie das Angebot dankbar an. Und ich geb ihnen nicht nur leichte Kost, sondern fordere sie auch. Gedichte lieben sie alle, von Goethe bis Guggemos. Das Gehirn lernt spielerisch. Am liebsten haben sie lustige Geschichten oder spannendes und am liebsten beides. Stelle ich sie vor die Wahl, wollen sie natürlich alles. Und das…versuche ich ihnen zu geben.😉

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        • Kinder so früh wie möglich mit „Literatur“ vertraut zu machen, finde ich sehr wichtig. Zuhause geschieht es viel zu selten. Ich liebe es, mit meinen Kindern vorzulesen. Auch wenn sie längst selbst lesen können. Es ist doch schön, sich einfach einmal zurückzulehnen und einer vertrauten Stimme zu lauschen.

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  2. Ich habe dieses Märchen vom abenteuerlustigen kleinen Kerl auch geliebt, und konnte es gar nicht oft genug hören. Gerade unbekannte Worte üben bei Kindern eine Faszinaton aus, regen die Phantasie an und besitzen darüber hinaus eine eigene Magie. Ob es heute keine harte Hand gegen Kinder mehr gibt? Vielleicht nicht so wie zur damaligen Zeit, aber oft verletzen Worte Kinder viel mehr, als ein Schlag, umso wichtiger ist es Kindern mit neuen Worten das Träumen beizubringen, und ihnen beim gemeinsamen lesen die Liebe zu ihnen und im allgemeinen zu vermitteln.

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