Polly startet wieder durch….(Teil 1)

Ab jetzt waren wir also zu dritt im Haus. Olivia mischte unser bisheriges Leben gehörig auf. Aber mit jedem Gramm, welches sie zunahm und mit jedem Millimeter, den sie wuchs, wuchsen wir auch in unsere Rolle als Eltern hinein.

Robert war ein toller Vater. Meine anfänglichen Befürchtungen, die Pflege unserer kleinen Tochter könnte ihn überfordern, zerstreuten sich von Tag zu Tag mehr. Er kümmerte sich rührend.

Seit seiner Krankheit hatte sich mein Mann auch emotional sehr verändert. Viele Gefühle nahm er nur noch eher oberflächlich wahr und ungewöhnlich gelassen, aber wenn Olivia auch nur einen Mucks von sich gab, aktivierte sie sofort sein Vaterherz.

Robert wickelte und badete, er spielte und wiegte, er war rund um die Uhr für die Kleine da. Ich unterstützte meinen Mann, wann immer er es brauchte, aber ich hielt mich auch zurück. Obwohl es oft schwer war. Ich würde zum neuen Kindergartenjahr wieder zur Arbeit gehen, und dann waren die beiden von morgens bis abends auf sich alleine gestellt.

Die einzige Zeit, in der ich Olivia ganz für mich alleine hatte, war wenn ich sie stillte. Dann kostete ich die Zeit restlos aus und genoss dieses wunderbare Gefühl von Geborgenheit und Liebe.

Die Tage vergingen wie im Flug. Bald schon war es August und wir begannen Olivia langsam zuzufüttern. Auch legte ich einen Vorrat an Muttermilch an.

Meine Arbeitskolleginnen hielten mich während meiner Abwesenheit gut auf dem Laufenden. Ich bekam eine Liste der neuen Kinder, die unsere Einrichtung ab September besuchen sollten. In meiner Gruppe tat sich nicht viel, aber unsere Krippengruppe hatte enormen Zulauf. Darunter Zwillinge…

Zwillinge?

Ich schaute genauer hin. Lina und Lennart… Mikes Kinder.

Postwendend griff ich zum Telefon und rief meine Chefin an, unter einem Vorwand natürlich. Aber bald schon kam unser Gespräch auf Paula und die Zwillinge. „Paula fällt zuhause die Decke auf den Kopf, “ erörterte meine Kollegin. „Deshalb hat sie beschlossen, stundenweise in einem Geschäft auszuhelfen. Jetzt kommen Lina und Lennart schon etwas eher als ursprünglich geplant. Paula und Mike wollen die zwei unbedingt zu uns schicken. Ist das nicht toll?“

Die letzten Worte jauchzte sie fast und ich musste mich setzen. Ja. Ganz toll… aber es war ja nicht meine Gruppe. Es war die Krippe. Und wenn die beiden groß genug für die Regelgruppe waren, würde in meiner sicher kein Platz sein! „Bitte, bitte, bitte….“, dachte ich. Sie durften unter keinen Umständen in meine Gruppe kommen. Was hatte sich Mike nur dabei gedacht?

„Bist du noch dran?“, hörte ich es plötzlich durch die Leitung. „Äh, ja. Alles ok. Freu mich schon, wenn ich wieder dabei bin! Ciao!“ Mit diesen Worten drückte ich den roten Knopf und das Gespräch war beendet.

Als ich das Telefon beiseite gelegt hatte, lief ich unruhig im Zimmer umher. „Warum, warum, warum…? Bitte lass diesen Kelch an mir vorüber gehen!“ Groll breitete sich in meinem Körper aus und ich strammte mit voller Wucht gegen die Couch.

Au! Das tat weh! Ich fluchte.

„Was ist los Prinzessin?“ Robert kam um die Ecke und hielt Olivia auf dem Arm. „Hab mich nur dumm gestoßen“, log ich und lächelte tapfer. „Lass uns einen Spaziergang machen.“

Wenige Minuten später liefen wir dann durch die Straßen der Stadt und ich vergaß, warum ich mich so aufgeregt hatte. Die letzten Tage wollte ich genießen, und mir nicht den Kopf über ungelegte Eier zerbrechen.

Und dann war es soweit.

Mein Wecker klingelte. Instinktiv wollte ich mir die Decke über den Kopf ziehen und noch etwas liegen bleiben. Eine Hand von der Seite streichelte mich sacht. „Aufstehen, Schatz. Heute musst du leider wieder ran.“ Robert küsste meine nackte Schulter und stand auf. Ich hörte, wie er in die Küche ging und Kaffee kochte.

Widerwillig folgte ich seinem Beispiel, schlurfte ins Bad und hüpfte unter die Dusche. Das heiße Wasser strömte an meinem Körper herab. Wohlige Schauer überkamen mich. Das war nicht gut. So würde ich niemals wach werden. Beherzt drehte ich den Hebel nach rechts, und quietschte. Das kalte Wasser verfehlte seine Wirkung nicht. Jetzt war ich wach, und fror wie ein Hund.

Heute würde es soweit sein. Mein erster Arbeitstag nach fast einem Jahr. Schnell zog ich mich an und setzte mich zu Robert in die Küche. Ich nippte an meinem Kaffee. „Das wird schon.“ Robert griff nach meiner Hand und drückte sie sanft. Oh wie war ich aufgeregt! Aber es nützte nichts. Die Zeit aufzubrechen rückte immer näher.

Bevor ich die Wohnung verließ, öffnete ich Olivias Zimmertür und trat leise an ihr Bett. Wie friedlich sie schlief. Wie ich sie liebte! Ab jetzt würde ich so viel versäumen. Meine Augen wurden feucht und ich beugte mich über das kleine Gesicht. Meine Lippen hauchten einen Kuss auf die rosige Stirn.

Dann startete ich in den Tag. baby-203048_640

Polly

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15 Gedanken zu “Polly startet wieder durch….(Teil 1)

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