Polly im Familienglück

In der folgenden Zeit, blühte Robert förmlich auf. Je mehr mein Bauch wuchs, umso lebensfroher wurde er.

„Du bist wunderschön und machst mich zum glücklichsten Mann der Welt!“, strahlte er mich an. Nach den langen Monaten der Angst tat es mir so gut, ihn so gelöst zu erleben.

„Heute kaufen wir unserem Engel was Schönes!“ Robert schnappte sich seine Jacke und drückte mir die Autoschlüssel in die Hand. Solange er nicht mindestens ein Jahr anfallsfrei war, durfte er nicht hinter das Steuer.

„Wird aber auch Zeit, dass wir endlich mal was für den Zwerg besorgen“, scherzte ich auf dem Weg zu unserem Wagen. 

Es verging doch fast kein Tag, ohne dass wir nicht irgendetwas für das Baby kauften. Wir freuten uns so wahnsinnig darüber, bald Eltern zu sein. Zwar würde ich nach der Geburt nicht so lange zuhause bleiben können, aber ich würde die Zeit, die ich hatte, vollends auskosten. Robert wollte sich um unseren Nachwuchs kümmern, bis er mit in den Kindergarten konnte. Darüber waren wir uns einig. Mein Mann war ja nun Rentner auf Zeit. 

Natürlich machte ich mir Gedanken, ob er dieser Aufgabe wirklich gewachsen sein würde. Aber im großen und ganzen wurde sein Zustand immer besser und wir beschlossen, es zu versuchen.

Die frohe Nachricht sprach sich schnell herum, und alle waren ganz aus dem Häuschen. Die LollyJanePollys bekamen Nachwuchs! Jede Woche kamen mehrere Geschenke bei uns an. Kleidung, Spielzeug, Pflegeartikel…. Das ganze Programm.

Jeder wollte an unserem Glück teilhaben. Und obwohl wir schon mehr als genug hatten, liebte ich es immer noch in den Geschäften nach Babysachen zu stöbern. Also machten wir uns auf den Weg.

Ich genoss jede Regung in meinem Bauch, und beobachtete Robert dabei wie er einen Strampler nach dem anderen begutachtete. Es würde gut werden. Er würde ein wunderbarer Vater sein! 

„Was meinst du? Rosa, blau, oder neutral?“

„Nimm den in rosa, ich hab da so ein Gefühl…“ antwortete ich. Obwohl wir uns überraschen lassen wollten, hatte ich die Ahnung, dass rosa nicht verkehrt sein würde.

Also rosa….und noch einen  in gelb….und vorsichtshalber noch in blau. Ach, die Farbe war doch gar nicht wichtig!

Unser Baby war das größte Geschenk. Vom ersten Augenblick an. Zeitig hatten wir schon ein hübsches Kinderzimmer zusammengestellt. Die Feinheiten überließ ich Robert. Er gab sich größte Mühe, es freundlich und zugleich praktisch einzurichten. So hatte er eine Aufgabe für sich entdeckt, die ihm Bestätigung gab, während ich meiner Arbeit im Kindergarten nachging.

Der Geburtstermin kam immer näher. Die letzten acht Wochen durfte ich dann auch nicht mehr arbeiten. Unser Kind hatte sich völlig quer gelegt und machte keine Anstalten, diesen Zustand wieder aufzugeben. Mein Arzt hoffte darauf, dass es sich der Zwerg doch noch anders überlegen würde. Durch viel Ruhe und Entspannung. Sonst wäre ein Kaiserschnitt unvermeidbar.

Aber das Baby fand die waagerechte Stellage anscheinend sehr bequem, und dachte gar nicht daran, sich mit dem Köpfchen in die richtige Position zu drehen. Und so kam es, dass wir uns zum Kaiserschnitt auf ins Krankenhaus machten.

Meine Angst war groß. 

Als Kind musste ich wegen einer Erbkrankheit viele Ferien im Krankenhaus verbringen. Deshalb hatte ich eine wahre Phobie entwickelt, was Nadeln und Skalpelle betraf. Aber mein Mann blieb an meiner Seite. Er war mein Fels in der Brandung. Beruhigte mich und machte mir Mut.

Der „alte Robert“ kam zum Vorschein. Dieser verständnisvolle geduldige Mann, in den ich mich verliebt hatte. Es gab ihn noch, und ich brauchte ihn mehr, denn je.

Dann wurde ich in den OP gebracht. Robert hielt meine Hand, und sprach leise Worte zu mir. Ich versuchte alles um mich herum auszublenden, und konzentrierte mich nur auf das Kind. Warum jammerte mich überhaupt, dass ich unter das Messer kam? Es waren doch nur noch wenige Minuten, dann würden wir endlich Eltern sein! Das war das größte Glück, dafür lohnte sich alle Tapferkeit!

Und so war es.
Dann war sie endlich da. Unser Mädchen.
Olivia war wunderschön. Ich kann dieses Gefühl nicht beschreiben, als ich sie zum ersten mal sah. Zum ersten mal in die Arme nahm. Was für ein Wunder! Wir waren eine richtige Familie! Robert kümmerte sich fürsorglich um die Kleine und um mich. Er las uns jeden Wunsch von den Augen ab. Alle schweren Zeiten waren mit dem ersten Atemzug Olivias wie weggeblasen.

Zuhause erwarteten uns viele Glückwünsche, als wir endlich das Krankenhaus verlassen durften. Sie kamen von überall her. Geld, Spielzeug, Karten…

Auch von Paula und Mike.

Ein kleines, unscheinbares Paket. Darin lagen eine Spieluhr und eine Karte.

„Herzlichen Glückwunsch zur Geburt eurer Tochter, wünschen euch Paula und Mike mit Familie.“

Förmlicher konnte es nicht sein. Aber was hatte ich erwartet? Einen Liebesbrief etwa? Nein! Ich zog an der Schnur, welche dem Schmetterling aus dem Hinterteil hing. Eine zarte Melodie erklang. „Der Mond ist aufgegangen“.

Ich schniefte. Wie oft hatten wir auf unserer Bank gesessen und den Mond bestaunt. Uns Geschichten über ihn ausgedacht. Philosophiert über die geheimnisvollen Kräfte des Universums.

Mike und ich.

Ruckartig öffnete ich die Schranktür im Kinderzimmer und schob die Spieluhr hinein. Als ich die Tür schloss, verklang auch das Lied. Nur in mir summte es noch lange… ja sogar bis heute.

Eure Polly

 

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2 Gedanken zu “Polly im Familienglück

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