Polly im Glück….oder, wie ein Sechser im Lotto

Unser Leben ging weiter.

Ich ging auf meine Arbeit, und Robert kümmerte sich um „Haus und Hof“, so gut es sein Gesundheitszustand zuließ. Wir versuchten so oft wie möglich schöne Dinge miteinander zu unternehmen. Die Ärzte hatten uns geraten, Robert so viele Sinneseindrücke wie möglich zu bieten. Unsere sozialen Kontakte zu pflegen, viel frische Luft und Bewegung. Kino, Theater, Wandern Schwimmbad, Sauna… wir hatten oft Programm.


Aber für Robert war das gar nicht so leicht. Sein Körper war erschöpft, und er hatte oft keine Lust, sich von der Couch zu erheben um mit mir Ausflüge zu machen. Er war viel zu müde und auch ein bisschen phlegmatisch geworden. Nach allem, was er mitgemacht hatte, konnte ich es ihm nicht verübeln. Ich verstand meinen Mann, und zwang ihn zu nichts. Versuchte ihn, aber trotzdem, immer wieder aus den Puschen zu locken.

Es wurde mehr und mehr zum Kampf. Mein Mann war vergesslich geworden, und konnte sich nicht mehr lange konzentrieren. Im Theater oder im Kino schlief er regelmäßig ein. Planten wir am Morgen gemeinsam den Tag, verlor er zwischendurch den Überblick. So kam es, dass am Abend viele Dinge liegengeblieben waren, um die ich mich dann nach meiner Arbeit noch kümmern musste. Briefkram, Behördengänge und Einkaufen wurden für Robert zu echten Herausforderungen.

Der Alltag war nicht mehr so unbeschwert. Hinzu kam, dass wir nun auch die ein oder andere Auseinandersetzung mehr hatten, als früher. So sehr ich mich auch mühte, es war nicht leicht für mich. Manchmal war Robert wie ein kleines Kind, der meine „Anleitung“ brauchte, was als nächstes zu tun sei. Wies ich ihn aber darauf hin, passte es ihm nicht in den Kram.
Ein Teufelskreis aus Unzufriedenheit und Erschöpfung, aus Pflichtbewusstsein und Fürsorge.

Er merkte selbst, wie schwer vieles für ihn geworden war. Er ahnte, dass er „unzuverlässiger“ war, als vor der Erkrankung. Dann ärgerte er sich darüber, verkroch sich hinter seinem Frust und ließ ihn immer häufiger an mir aus.

„Er kann nichts dafür, Polly!“, beschwor ich mich, wenn ich das Gefühl hatte, ich war kurz davor, ihm an die Gurgel zu hüpfen. Und mahnte mich  in geduldigen Verständnis.
Manchmal saß Robert in sich versunken am Küchentisch. Ein trauriger Blick, zum Fenster hinaus. Dann tat er mir so leid. In diesen Momenten, hasste ich mich förmlich für den Groll, den ich immer wieder über unsere Situation empfand. Und dafür, dass ich doch immer wieder an Mike denken musste.
Wie erging es ihm wohl in seiner Ehe? War er etwa glücklich? Ohne mich?

Wie verabscheute ich mich dafür.

Solche Gedanken, wo Robert mich brauchte!

Das hatte er nicht verdient. Oft nahmen wir uns oft stumm in die Arme und weinten.

Die regelmäßigen Untersuchungen ergaben, dass Robert lernen müsste mit seinen geistigen Einschränkungen zu leben. Es würde im Großen und Ganzen so bleiben.

Nach dem Kindergarten entwickelte ich mich  immer mehr zur Pflegerin, als dass ich Roberts Ehefrau war.
Ich brachte meinen Mann zu seinen Therapiestunden, versorgte ihn und managte unseren Alltag, so gut ich konnte. Es schlauchte mich. Trotzdem gab ich nicht auf.
In guten, wie in schlechten Zeiten. Die guten würden wiederkommen. Daran hielt ich mich fest.

Während ich immer häufiger mit den Nerven am Ende war, orientierte sich unser Alltag an Terminen, Müdigkeit, Essen und Arbeit. Ich wollte es gut machen, für meinen Mann. Eine gute Ehefrau sein, in allem. Wir bemühten uns, auch wenn es nicht immer leicht war. Wir hielten an unserer Ehe fest. Es gab auch die schönen Momente. Voller Zärtlichkeit und Liebe.

Dennoch sxhwanden meine Kräfte. Ich war ausgelaugt. Irgendetwas stimmte nicht mit mir.

Morgens nach dem Aufstehen war mir übel, trotzdem hatte ich einen Bärenhunger. Dann aß ich und musste mich hinlegen, weil mich bleierne Müdigkeit überkam.

Und irgendwie war ich auch ziemlich nah am Wasser gebaut. Ein kleines falsches Wörtchen, und der Hahn ging auf. Sicherlich wegen dem ganzen Stress in der letzten Zeit. So musste es sein.

Wenig später kotzte ich dann meiner Chefin direkt vor die Füße. Einfach so. „Polly! IIIEH!“, schrie sie entsetzt. „Was ist nur mit dir los in letzter Zeit?! Bist du schwanger???“ Während ich das Übel aufwischte, ließ ich diese Worte in mein Innerstes dringen. War ich schwanger? Konnte das sein? Nach so vielen Fehlschlägen? Ein Kind? In meinem Bauch?

Nach der Arbeit huschte ich schnell in der Apotheke vorbei.

Zuhause am Abend, hielt ich überglücklich ein Stäbchen mit zwei blauen Strichen in der Hand, und nur Sekunden später unter Roberts Nase.
Wir sagten nichts zueinander. Wir weinten. Diesmal vor Glück.

Der eisblaue Nachtisch war mir wirklich gut bekommen! Wir freuten uns wie Könige. Es war wie ein Sechser im Lotto. Alles Schlimme war wie weggeblasen. Endlich ein Kind.

Endlich eine richtige Familie!

Eure Polly

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4 Gedanken zu “Polly im Glück….oder, wie ein Sechser im Lotto

  1. Ui, ganz schön heftig. Und der Zeitpunkt ist schon dramatisch.
    Dazu fällt mir ein Zitat von Bill Murray aus „Lost in Translation“ ein (das war bestimmt von ihm selbst) : „An dem Tag, an dem Dein erstes Kind geboren wird, ist Dein Leben, so wie Du es bis dahin kanntest, vorbei, Geschichte.“. So ähnlich hab ich das auch erlebt.
    LG, blue

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    • Das stimmt wohl. Es fängt eine neue Geschichte an. Mit einem weitern wundervollen Wesen, das hinzu kommt… das bestimmt das neue Lebenskapitel…und wer von den „alten Darstellern“ weiter eine Rolle inne hat 🙂 das alles beeinflusst auch das Drehbuch des Lebens.
      Liebe Grüße, Polly 🙂

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  2. Immer wieder erstaunlich, wie übermächtig der Wunsch nach Kindern im Menschen verankert ist. In Frauen wohl noch mehr als in Männern. Da hast Du gerade zwei Jobs, Erzieherin und Pflegerin und wahrscheinlich keine Minute mehr für dich allein. Da ihr habt eine ungewisse Zukunft durch die Krankheit vor euch, viel Geld wahrscheinlich auch nicht bei nur einem Gehalt. Und trotzdem freut ihr euch über das schwanger sein. Ich weiß nicht, ob ich mich gefreut hätte. Bestimmt nicht nur.

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    • Du hast recht. Einfach War das alles nicht. Aber wir haben uns sehr gefreut. Ein Kind zu haben ist das größte Geschenk. Ich dachte schon immer so. Mag kommen was will.
      Doch das ist natürlich Ansichtssache. Neben der großen Freude gab es auch viele Ängste… Erschöpfung…. Frust…. das ist wahr. Aber sie kippten nie dieses unbeschreibliche Gefühl, Eltern zu sein. Diese große Liebe zu unseren Kindern.

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Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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