Pollymoment: Gedankenkreise

Ich achte auf mich.

Also, wenn ich morgens aufstehe, dann achte ich darauf dass die Frisur sitzt, sobald ich das Bad verlasse. Denn ich will schick sein, wenn ich außer Haus gehe. Deshalb achte ich natürlich auch auf meine Kleidung. Sie sollte möglichst gut zusammenpassen. Also miteinander harmonieren. Ich stelle mir dann oft vor, dass andere sonst über mich tuscheln könnten, weil ich so unmöglich rumlaufe.

Bekanntlich zählt ja der erste Eindruck.

Ich achte aber nicht nur auf mein Äußeres.

Ich achte auch darauf, dass meine Wohnung immer ordentlich ist. Es könnten ja jeder Zeit unangemeldete Gäste kommen. Was würden sie wohl sagen, wenn es einmal nicht ganz so aufgeräumt wäre? Meine Schwiegermutter zum Beispiel?

Oh weh… das gäbe Zunder. Außerdem möchte ich mich ja von meiner besten Seite zeigen. Auch als Hausfrau.

Dann schaue ich natürlich auch immer auf mein Geld.

Ich möchte es gut haben und mir keine Sorgen um mein Auskommen machen müssen. Wenn ich mir etwas gönnen will, dann möchte ich nicht erst jeden Pfennig umdrehen… Also kümmere ich mich ziemlich gut und vorausschauend um die nötigen Ausgaben und Einnahmen.

Außerdem achte ich stets auf meine Worte.

Ich möchte nicht, dass ich mich mit dummen Äußerungen irgendwo blamiere. Ich will mitreden können über die wichtigen Themen, und ein interessanter Gesprächspartner sein.

Deshalb achte genauso auf mein Verhalten. Ich will ja gut ankommen bei anderen und nicht belächelt werden, wegen Ungeschicklichkeiten oder gar Plumpheit. Höflich, galant und hilfsbereit möchte ich sein.

Natürlich schaue ich auch über meinen Tellerrand.

Ich gebe Acht, auf meine Familie und meine Freunde. Auf Menschen, die mir nahe sind. Ich möchte für sie da sein und ihre Gesellschaft nicht verlieren. Ich achte auf die Nachrichten, auf meine Arbeit, darauf, dass ich regelmäßig spende… und mich in die Gesellschaft einbringe.

Ich möchte ein guter Mensch sein. Und ich möchte, dass andere gut von mir denken.

Darauf achte ich.

Ja, ich schaue wirklich auf vieles.  Und noch auf viel mehr als ich gerade aufgezählt habe. Jeden Tag.

Ich würde sagen, ich bin ein achtsamer Mensch.

Aber achte ich wirklich immer auf das Richtige? Das Wichtige? Im richtigen Moment? Oder schaue ich da vielleicht weg?

Bemerke ich wirklich, was um mich herum geschieht?

Achte ich zum Beispiel auf den Obdachlosen am Straßenrand, der Zeitungen verkauft? Habe ich dann zumindest ein Lächeln für ihn übrig, einen heißen Kaffee, oder kaufe ich ihm sogar eine Zeitung ab?

Achte ich auf den Flüchtling, der von Fremden angepöbelt wird? Helfe ich ihm? Interessiere ich mich für ihn? Für sein Schicksal? Gehe ich vielleicht sogar so weit, und engagiere mich, damit er sich bei uns besser zurechtfindet?

Höre ich auf das Weinen und Brüllen hinter verschlossenen Türen? Achte ich darauf wo Kinder in Not sind? Schaue ich nach, was da vor sich geht? Rufe ich Hilfe, wenn ich glaube, es geht nicht mit rechten Dingen zu?

Achte ich darauf, wenn die alte Nachbarin schon tagelang das Haus nicht mehr verlassen hat? Bemerke ich es überhaupt? Klingel ich dann? Frage ich nach, wie es ihr geht? Ob sie zurechtkommt?

Achte ich auf fairen Handel wenn ich einkaufe? Oder nehme ich schnell von der Stange? Weiß ich wenigstens, woher das kommt, was ich benutze und unter welchen Bedingungen es hergestellt wird? Bin ich bereit auch einmal tiefer in die Tasche zu greifen, oder bestimmten Marken den Rücken zu kehren?

Achte ich wirklich auf die Umwelt? Oder laufe ich unbeirrt an leeren Mc Donalds-Tüten vorbei, die am Straßenrand liegen. Spreche ich den an, der sie einfach so zu Boden fallen lässt? Hebe ich sie auf? Gehe ich kürzere Strecken zu Fuß oder benutze mein Fahrrad? Oder bin ich zu bequem?

Achte ich im Alltag auf all diese Dinge, auf die man eher nicht so gern achten will?

Oder drehe ich mich weg? Fehlt mir die Aufmerksamkeit? Weil ich vielleicht keine Zeit habe, weil es mich nichts angeht, weil ich mit mir schon genug zu tun habe…

Beachte ich, oder achte ich nur?

Hmmm… wenn ich so darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass ich oft nicht mit offenen Augen durch die Welt gehe.

Ja. Auch ich nicht. Die nette Polly von nebenan.

Sicher geschieht es nicht mit Absicht, aber oft genug ist es so.

Und wenn ich doch etwas beobachte, was tue ich dann damit? Setze ich mich ein? Haste ich vorbei? Packe ich an? Helfe ich? Reagiere ich?

Was mache ich daraus, aus dem was ich bemerkt habe? Ich reagiere. Ich möchte helfen.

Aber ich tue sicher nicht immer das Richtige.

Ich weiß, keiner ist perfekt und keiner ist Mutter Theresa oder muss es sein. Ich auch nicht. Keiner kann die Welt retten.

Aber ich persönlich kann mich immer wieder daran erinnern, was wirklich meine Beachtung und meinen Einsatz verdient oder braucht. Und was eigentlich nebensächlich ist. Nur dann kann ich auch etwas verändern. Es ist immer gut, sein eigenes Verhalten von Zeit zu Zeit zu reflektieren.

Auch wenn man im Grunde ein achtsamer Mensch ist.

Polly

Ein weiterer Beitrag zum *.txt Projekt von Dominik Leitner

PS.: Dieser Text spielt auch mit einer gewissen Art von Selbstironie. ☺

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19 Gedanken zu “Pollymoment: Gedankenkreise

  1. Liebe Polly, ich glaube ein wichtiger Schritt für Dich könnte sein, dass Du mit Dir selbst mehr Geduld haben darfst. Perfektion ist kein gutes Lebensziel.
    Es gibt verschiedene Meinungen dazu. Ich denke, der Sinn des Lebens ist es Glücklich zu sein. Die asiatischen Religionen haben m. M. nach Recht. Buddhismus, Zen und Yoga sagen das gleiche: die Erfüllung liegt in Dir selbst.
    Hör Dir zum Beispiel den Dalai Lama dazu an: https://youtu.be/lTLe5TFTh24
    ich wünsche Dir einen schönen Sonntag, Om Shanti.

    Gefällt 2 Personen

    • Da hast du sicher recht. Perfektion ist nicht das Ziel. So meinte ich das nicht. Ich bin auch kein Mensch der wegsieht. Aber ich frage mich doch manchmal was wichtiger ist. Ob ich daran verzweifle, dass meine Frisur sitzt, oder ob ich dem Obdachlosen zu einem warmen Bauch verhelfen kann. Mein Text ist übertrieben dargestellt mit etwas Selbstironie. Er appelliert an uns alle, sich ab und zu an die eigene Nase zu fassen. Keiner ist perfekt und muss es auch nicht sein. Aber man sollte sich an seinen Nächsten erinnern. Daran glaube ich. Dann kan man auch glücklich sein. Was man gibt, kehrt irgenwann zurück. In welcher Form auch immer. Ich danke dir für dein Kommentieren und für dein Mitgefühl. Auch ich wünsche einen sonnigen Sonntag ☺
      Liebe Grüße, Polly

      Gefällt 3 Personen

  2. Wir sind hin und wieder Opfer des Alltags und des eigenen Egoismus. Doch, liebe Polly, nur jene, die sich darüber Gedanken machen, sind dazu imstande, achtsam zu sein. Du hast einen wunderbar nachdenklichen Text geschrieben, der viele Menschen daran erinnern sollte, welchen Irrtümern wir unterliegen. Herzlichst, Sylvia

    Gefällt 1 Person

    • Ich danke dir sehr für diesen Kommentar. Es freut mich, dass meine Gedanken nicht nur mich zum nachdenken bringen. Und darum geht es auch. Sich dessen bewusst zu machen, wie oft wir dem Trott unseres Alltags unterliegen und uns so ofr manch wichtigeres verborgen bleibt. Liebe Grüße, Polly ☺

      Gefällt 1 Person

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