Er und er…… und Polly

Esslingen, Seiltänzer, Abendrot, Burg, Wolken

„Gratwanderung“…Das ist ja wirklich ein passendes Wort für mich!

Als ehemalige und möchtenochgern Geliebte kenne ich diesen Zustand wie meine Westentasche.

Viele Jahre habe ich mich durch meine Affäre am Rande des Abgrundes bewegt. Immer mit einem Fuß in meiner Ehe und mit dem anderen in meiner Liaison. Immer mit der Gefahr des Ausrutschens.

Ein falscher „Tritt“ hätte vieles zerstört. Nicht nur für mich, auch für meinen Geliebten und unsere Familien.

Eine wahre Gratwanderung. Ein Balanceakt zwischen Wissen und Wollen, zwischen Leiden und Lieben, zwischen Wahrheit und Lüge. Angst, Scham, Sehnsucht, Wut, Liebe… ein ganzes Potpourri an widersprüchlichen Gefühlen hat mich oft nah an den Rand der Verzweiflung gebracht. Und trotzdem, tat ich was ich tat. Aus Liebe.

Das war nicht leicht für mich, denn ich bin weder gemein noch durchtrieben. Und dennoch wählte ich diesen Weg. Diesen schmalen Grat  auf dem ich wandelte.

Ein falscher Tritt, und alles hätte auffliegen können, jederzeit.

Ein falsches Gefühl, ein unbedachtes Wort, eine Unvorsichtigkeit und alles zerbricht. Nicht nur für mich. Auch für die andere Ehefrau, für die Kinder… für alle. Das war nicht leicht auszuhalten. Diesen Zwiespalt immer wieder aufs Neue auszufechten.

Da war zum Einen das Leben mit meiner Familie, die ich sehr liebe. Die Ehe mit meinem Mann, der mir mittlerweile eher ein Bruder ist, als ein Partner. Meine Arbeit und mein Freundeskreis…vor allen habe ich mein zweites Leben, das als Geliebte penibel verborgen. Musste ich ja auch. Keiner ahnte auch nur das Geringste. Es hätte eine Lawine sondergleichen ausgelöst. Und ich bin froh, dass uns dieser Kummer bis heute erspart geblieben ist. Ich stehe mit meinem Beruf und mit meinem Ehrenamt nicht gerade im Verborgenen. Und niemand würde hinter mir eine Femme Fatale vermuten. Was ich ja  auch gar nicht bin.

Nicht, dass man mich falsch versteht, ich heiße eine Affäre nicht unbedingt gut, aber es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Ich habe mir nur abgewöhnt, Menschen vorschnell zu verurteilen, in deren Schuhen ich nicht selbst gegangen bin.

Ja, aber weiter im Text. Die Gratwanderung einer Geliebten. Wie schaut sie aus? Da ist einerseits das normale Leben, welches immer da war und weitergeht, und andererseits ist da der Geliebte, mit dem man Zeit verbringen will. Mit dem man Neues erlebt oder wieder erlebt, es aber offiziell nicht darf. Da sind auf der einen Seite Routine, Verlässlichkeit, Fürsorge, ein schlechtes Gewissen…. und auf der anderen Seite Schmetterlinge, Abenteuer, Herzklopfen, und so viel mehr.

Schon allein die Planung eines Schäferstündchens ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Also innerhalb der Gratwanderung Affäre gibt es immer wieder einzelne Gratwanderungen für sich. Wie und wo kann man sich treffen, wann kann man sich schreiben, kann man telefonieren, und… und… und.

Aber darüber will ich eigentlich gar nicht erzählen. Über das ganze Organisatorische einer Liebschaft. Das kann sich bestimmt jeder vorstellen, wie kompliziert alles sein kann.

Nein, über meinen inneren Drahtseilakt will ich eigentlich schreiben. Über die Zerrissenheit die in meinem Herzen tobte und noch tobt.

Es ist nämlich keinesfalls so, dass alle Geliebten automatisch skrupellos sind, oder Familien absichtlich zerstören wollen. Nein. Es ist ein gängiges Klischee, das wohl auf die wenigsten Betroffenen wirklich zutrifft.

Ich habe meine Affäre begonnen, weil ich liebe. Ich liebe beides. Meine Familie und meinen (Ex)Geliebten. Ich weiß genau, ich tue etwas, das verwerflich und niederträchtig in den Augen anderer erscheinen mag.

Aber ich kann und konnte nicht anders. Ich kann einfach noch nicht loslassen. Weder das eine noch das andere. Noch nicht.

Wenn es nichts zu beachten gäbe, außer mein Herz, ja,…. dann wäre schon längst alles entschieden. Doch so leicht ist das nicht. Weil es um mehr geht, als nur um mich. Da sehe ich immer so viele „Hindernisse“, so vieles um was ich mich kümmern muss. Menschen, für die ich Sorge trage, die ich nicht enttäuschen und im Stich lassen will und darf.

Ich gehe keines Falls lockerflockig mit meinen Gefühlen um. Wie oft habe ich mir schon gesagt, dass alles aufhören muss. Nur um dann doch wieder zu vermissen. Ich weiß, mit dieser Liaison hintergehe ich die liebsten Menschen. Verletze. Nehme mir etwas, das mir nicht gehört. Tue was sich nicht gehört. Und auch wenn es jetzt blöd klingt, aber ich habe echtes Mitleid mit unseren Partnern, und ein schlechtes Gewissen.

Eigentlich hat niemand so etwas verdient.

Diese Worte aus meiner Feder? Obwohl ich jahrelang Geliebte war und die Geschichte immer noch nicht wirklich zu Ende ist?

Ja! Weil es einfach so ist.

Auch wenn man uns Geliebte nicht versteht, und sicher auch zurecht einiges anprangert. So kann ich doch nicht anders. Und diese Tatsache wiederum geißelt mich.

Wir bewegen uns immer auf schmalem Pfad. Zwischen Liebe und Lust, zwischen Zweifel und Schmerz, zwischen wollen und nicht wollen…zwischen lassen müssen und nicht lassen können.

Dabei schwingt immer ein großes Risiko mit. Keiner weiß, was am nächsten Tag geschieht. Wann alles zu Ende ist, ob es „auffliegt“, was dann daraus wird. Ich würde all dies nicht auf mich nehmen, wenn meine Geschichte nicht so wäre wie sie ist oder war. Alles hat seine Gründe, nichts ist von Ewigkeit. Entweder wir fallen, oder wir balancieren weiter… oder wir verlassen den Grat hin zu festem Boden. Aber wer kann das heute schon sicher von sich sagen. Ich nicht.

Eure Polly

„Gratwanderung“ war das erste Wort zum *.txt Projekt von Dominik Leitner.

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21 Gedanken zu “Er und er…… und Polly

  1. Das ist eine ergreifende Geschichte. Das bedauerlichste daran ist die erzwungene Heimlichkeit. Immerhin ist es ja ein wichtiger Teil der eigenen Person, die man da findet, und man erlebt Seiten, die man im Alltag nicht findet, nicht ausleben kann. Womit wir beim Motiv angekommen sind, warum das ganze. Liebe, ja bestimmt, aber sicher auch weil es Seiten in Dir gibt die Du vorher nicht leben konntest, nicht leben durftest. Und daher sage ich: Du hast ein Recht darauf, so zu sein wie Du bist, auch diese Seiten auszuleben. Vertrau auf Deine innere Stärke.
    Dazu wünsche ich Dir alles Gute, und viel Mut.
    Om Namah Shivaya.

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  2. Oh ja, das klingt sehr schwierig.

    Ich finde allerdings Monogamie im klassischen Sinne, mit allem was dazugehört wie nur einen einzigen Menschen Lieben und Begehren dürfen, mit nur einem Sex haben dürfen etc., an sich schwierig. Fremdgehen ist kein seltenes Phänomen und dass beide Partner zumindest irgendwann im Laufe ihrer Beziehung mal die einen oder anderen Gefühle für einen anderen Menschen entwickeln höchst wahrscheinlich.

    So richtig auf Monogamie ausgelegt ist Mensch nämlich eigentlich nicht. Sicher, den Menschen, der emotional,psychisch, körperlich so richtig zu einem passt, den findet man nicht an jeder Straßenecke, da machts dann schon Sinn, sich langfristig (auch fürs Leben) zu binden, aber dann zu erwarten, dass nie wieder ein anderer Mensch ähnliche Gefühle in einem auslöst, das ist eher utopisch.

    Dazu muss ich sagen, dass ich glücklich verheiratet bin und mir ein zweiter Mensch, der solche Gefühle wie mein Mann bei mir auslöst noch nicht begegnet ist. Aber ein zwei mal verknallt war ich schon. Das ist aber nichts Schlimmes und zum Glück etwas, worüber ich mit ihm reden kann, genauso wie er es umgekehrt mit mir kann, wenn er Gefühle für jemand anderen hat.
    Einfach ist auch das nicht, da spielen Verlustängste mit rein, ganz klar, aber ich glaube durch ein strikt monogames Beziehungskonzept wird der Entfremdung in der Beziehung im Falle einer Affaire Tür und Tor geöffnet, durch Geheimniskrämerei und einen großen Bereich seines Lebens, den man plötzlich nicht mit dem Partner teilen kann.

    Weshalb wir uns, langfristig (die Terminierung ist nach wie vor „irgendwann mal“) eine Art offener Beziehung wünschen. Auch das ist sicher nicht einfach und in einer monogam geprägten Gesellschaft sicher eine recht experimentelle Angelegenheit. Dafür muss eine Beziehung gereift und gefestigt sein, die Kommunikation ganz offen und ehrlich, die Regeln klar. Ob wir je da hin kommen weiß ich nicht, aber es sind auch erst 8 Jahre.

    Ich fürchte, dass dir das in deiner Situation jetzt auch nicht wirklich weiterhilft, aber ich wollte trotzdem mal sagen, dass ich das Beziehungskonzept, das dich in diese Situation bringt, nicht unbedingt hilfreich finde.

    Dir auf jeden Fall viel… Glück? was wünscht man in so nem Fall, Kraft? Was du brauchst, um mit dieser Situation umzugehen.

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    • Ich danke dir für deine Gedanken und lieben Worte. Ich denke da ähnlich wie du. Obwohl ich auch glaube, dass man mit einem Partner ein Leben lang glücklich sein kann. Nur man weiß nie,ob man das Glück hat, genau diesen zu treffen und was alles auf uns zukommt. Ich denke von vornherein mit dem Gedanken zu spielen eine Liaison anzufangen…. das halte ich für schwierig. Außer beide wollen es so. Ich weiß nicht, wie das alles weitergeht. Meine Geschichte ist weitaus komplizierter als es ein paar Zeilen ausdrücken können. Ich bin aber sicher, irgendwann ist der Punkt erreicht, da weiß ich genau was zu tun ist. Bis dahin Danke für Mut und Kraft. ☺
      Liebe Grüße, Polly

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      • Geht ja nicht darum, mit dem Gedanken zu spielen, nur prinzipiell die Möglichkei in Betracht zu ziehen, dass man Gefühle für wen anderen als den Auserwählten entwickeln könnte. Einfach prinzipiell. Das kommt bei mir wohl vor allem aus der Tatsache, dass ich sehr jung geheiratet habe u

        Ja, das kann ich mir denken, dass die Situation noch weitaus komplexer ist, ich wüsste an deiner Stelle wohl auch nicht, was ich machen sollte… Aber ich bin mir sicher, du findest irgendwann eine Lösung 🙂

        Gefällt 2 Personen

  3. Hm. Offene Beziehung? Ich weiß nicht. Ich bin nicht sonderlich eifersüchtig, aber ich glaube, ich möchte nicht wissen, ob mein Mann eine Affäre hat. Und wenn ich selbst eine hätte – was nicht der Fall ist -, könnte ich mir nicht vorstellen, es ihm zu sagen. Das wäre ja gerade ein Teil meiner selbst, den ich mit ihm weder teilen kann noch will. Außerdem möchte ich ihm doch so wenig weh tun, wie du, liebe Polly, es mit deinem Ehemann willst. Da mein Leben allerdings auch ohne Affäre sehr abwechslungsreich ist und ich nie weiß, was morgen passiert und wo ich im nächsten Halbjahr wohnen werde, ist mein Bedarf an Gratwanderungen vermutlich so gut gedeckt, dass ich auf diesen zusätzlichen Nervenkitzel wunderbar verzichten kann.

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    • Und dazu beglückwünsche ich dich sehr, liebe Elke. Es gibt kein Patentrezept für Beziehungen. Die Menschen sind so unterschiedlich gestrickt. Eifersucht ist ein Gefühl, welches genauso seine Berechtigung hat wie Sehnsucht oder andere. Die einen leben so…. die anderen so …. und andere wieder anders…. es zählt auch, was man mit sich selbst ausmachen kann um sich jeden Tag noch im Spiegel anzusehen… und das kann man nur selbst entscheiden. Danke für dein nettes Kommentieren. Liebe Grüße, Polly ☺

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    • Liebe Elke,
      naja, Liebe oder Sichverlieben ist aber viel mehr als „ein zusätzlicher Nervenkitzel“… und sag niemals nie, auch dir könnte das passieren – das kann jedem oder jeder passieren… dass er oder sie sich verliebt , auch während einer Beziehung, und sei sie auch noch so schön und erfüllend! Wir Menschen sind eben äußerst komplexe Wesen mit vielen Facetten, und wenn wir jemandem begegnen, der ganz andere Facetten in uns anspricht als unser Partner, und wenn wir uns in diesen Menschen verlieben, was dann? Das heißt ja noch lange nicht, dass man den Partner nicht mehr liebt…!
      Mit offenen Karten „spielen“ oder nicht, das muss dann jeder und jede für sich selbst entscheiden… Einfach ist es nie, so oder so nicht! Das Leben ist eben nicht einfach, schon gar nicht, wenn man intensiv fühlt und liebt und lebt!
      Liebe Grüße,
      Hannah

      Gefällt 2 Personen

  4. Ja das leben ist extrem komplex.. . Ich bin auch eher der Typ für eine monogame Beziehung, aber auf alle Fälle ein Mensch der mit offenen Karten in einer Beziehung spielen will und sei es noch so schmerzhaft für mich und auch mein gegenüber…die Lüge und der betrug ist in meiner Seele viel schmerzhafter bzw bin ich sooo sensibel dass ich sofort spüre wenn kraft aus der Liebesbeziehung abgeht….eine Bruder Schwester Beziehung da fehlt wohl diese Leidenschaft. Ich wünsche mir einen Menschen an meiner Seite wo ich viele Facetten ausleben kann.. Wenn ich liebe, das betrifft aber mich persönlich dann schaffe ich es nicht zu Lügen….weil mir das selber zu weh tun würde und ich nimma aufrecht in den Spiegel schauen könnte, so ticke ich und polly tickt da anders….

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    • Oh, ich glaube nicht, dass ich da anders ticke. Ich liebe meinen Mann auf eine andere Art, als ich meinen Geliebten liebe. Ich weiß, dass ich falsch handle. Bei Mike habe ich immer mit offenen Karten gespielt. Weil ich in ihm etwas anderes sehe als in meinem Mann. Ich bin sicher keine die auf der Suche nach Affären ist. Im Gegenteil. Deshalb fällt es mir auch so schwer, das eine oder das andere endgültig loszulasse. Ich nehme ernst, was ich verspreche. Und ich schaue oft in den Spiegel und sehe jemand, den ich so nicht kenne. Ich vermeide Situationen, Fragen meines Mannes. Ins Gesicht lügen könnte ich ihm nicht, würde er mich einmal darauf ansprechen oder nachfragen. Ich tue Dinge im Verborgenen. Weil ich beides liebe. Auf seine Art. Das Leben ist wirklich sehr komplex und manchmal weiß man gar nicht wie etwas zustande kommt. Ich weiß es aber. Und aus diesem Grund gehe ich den schmalen Grat. Es geht manchmal weder vor noch zurück….kommen irgendwann wieder sicherere Gefilde. Hier oder dort oder ganz woanders ☺ danke für deine Worte, liebe Grüße, Polly

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  5. Eine Schattenfrau, ICH? Never ever……….
    Passiert ist es trotzdem und ich erlebe
    beim lesen deiner Gratwanderung doch
    ein gewisses dejá vu…..

    Zuvor hätte ich es mir aber niemals vorstellen
    können und es auch in gewisser Weise „verurteilt“
    und dann steckst du selber drin 😉

    Wie du liest, du bist nicht allein ❤

    Alles Liebe, Kraft und Besonnenheit

    Gefällt 2 Personen

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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