Kurzgeschichte: Besser später als gleich

Nelly stand auf dem Bürgersteig und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Es begann zu nieseln. „Toll,“ dachte sie bei sich. „Auch das noch!“ Stundenlang hatte sie vor dem Spiegel verbracht um ihr rotblondes Stroh in weiche geschwungene Wellen zu verwandeln.


Zum Glück hatte sie noch den Knirps in der Tasche. Als sie heute morgen ihre kleine Tochter in den Kindergarten brachte, hatte es wie aus Eimern geschüttet. Da hatten sie ihn gebraucht. Sie spannte ihn auf, und ein pinker Marienkäfer trat in Konkurrenz mit ihrem Kupferhaar. Nervös fuhr sie sich durch den Pony. Hoffentlich sah sie jetzt keiner. Hauptsache die Frisur hielt wenigstens so lange, bis Janne sie gesehen hatte.

Janne. Ihre neue Flamme. Ihr Date. Für ihn hatte sie sich schließlich so in Schale geworfen. Hatte in den unendlichen Tiefen ihres Kleiderschranks nach dem passenden Outfit gesucht, mit dem Lockenstab gekämpft und ihre bescheidenen Künste in Sachen Make-Up walten lassen.

Das Ergebnis war sogar recht ordentlich. Und jetzt ließ er sie warten.

Janne war ihr erst in der letzten Woche aufgefallen. Auf dem Campus.
Sie gingen in die selben Vorlesungen und hatten sich das gleiche Thema für ihre Präsentation ausgesucht. Was lag da näher, als zusammenzuarbeiten? Zumal „Die Entwicklung religiöser Kunst in Zeiten der frühen Christianisierung“ überhaupt nicht Nellys Ding war. Aber alle anderen Themen waren noch schlimmer.
Janne kannte sich auf diesem Gebiet offenbar bedeutend besser aus, als sie. Also hatte sie sein Angebot angenommen, sich nach der Uni zu treffen und gemeinsam Materialien zusammenzusuchen.

Ja. Dabei hatte es dann gefunkt. Ein wenig.
Aber besser als nichts.

Seit dem Zeitpunkt, als Nelly ihrem Ex verkündet hatte, sie würden Eltern werden, war sie Single.

„Mann, Mann, Mann…, wie lange dauert das denn noch?“ Fahrig stapfte sie die Treppen zur Eingangstür hinauf und drückte erneut den Klingelknopf. Nichts.
Vorhin hatte er wenigstens noch aus dem Fenster gerufen: „Bin gleich unten!“ Und jetzt? War er eingeschlafen? Sie klingelte Sturm. Wenn Nelly etwas auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann war es Unpünktlichkeit.

So ein Idiot! Sie räusperte sich und brüllte nach oben. „Hey Janne! Wie lange denn noch? Es regnet! Beeile dich bitte!“

„Gleich!“, kam es zurück. „Bin gleich soweit. Muss das noch schnell fertig machen!“

Gleich. Ja. Sie kannte „gleich“ nur zu gut. Ihr Ex hatte auch immer „gleich“ gesagt, aber „später“ gemeint. Und was musste Janne überhaupt fertig machen? Was war so wichtig, dass er sie warten ließ? Er hätte sie wenigstens nach oben ins Trockene bitten können. Aber nein!

Genervt trat Nelly einen Schritt zurück, als just in diesem Moment ein schrottreifer Wagen an ihr vorpreschte. Mitten durch die knöchelhohe Pfütze am Straßenrand.

„Du Oberarsch!“, brüllte Nelly, deren cremefarbene Jeans in Sekundenschnelle, von oben bis unten mit grauen Flecken bedeckt war.

„Scheiße, scheiße, scheiße!“

Wutentbrannt hüpfte sie auf und ab und fuchtelte dabei mit dem Marienkäfer. Das war wohl auch dem Oberarsch nicht entgangen, denn er fuhr sogleich rechts ran.
Aufgebracht lief Nelly zum Auto, fest entschlossen dem Raser eins mit dem Schirm überzubraten. Erst die Pleite mit Janne…und dann auch noch sowas… was für ein Glückstag!

Sie holte schon aus, als die Wagentür aufsprang. Wow! Was für ein Mann! Nelly versteinerte für einen kurzen Moment, unfähig ihren aufgeklappten Mund zu schließen. Der Typ passte gar nicht zu seiner Schrottkarre. Seine Augen leuchteten graublau, seine strubbeligen dunklen Haare umrahmten sein markantes Gesicht. Verlegen kratzte er sich am Kinn.

„Sorry, die Pfütze…sie war einfach am falschen Ort. Muss ich mich mal bei der Stadtverwaltung beschweren und ne neue Pfützenverordnung fordern…“, murmelte er. Dann viel sein Blick auf den Käferknirps. Ein belustigtes Grinsen huschte über seine Lippen.

„Das sollte doch keine Tierquälerei werden, oder?“ Mit dem Kopf deutete er in Richtung Schirm.

Nelly schmunzelte. „Ich wollte nicht den Käfer quälen, sondern dich! Schau mich an, ich hab ein Date! Und wie sehe ich aus?“

„Oh, das tut mir leid. Aber du siehst toll aus! Wann hast du es?“

„Gleich. Eigentlich schon seit zwanzig Minuten. Ich warte noch.“

„Gleich? Und du wartest seit zwanzig Minuten im Regen?“ Der Oberarsch schien echt empört. „Wer lässt denn so eine hübsche Frau und so einen niedlichen Käfer, vor der Türe stehen? Das kann nur ein Idiot sein.“

Verschmitzt schaute er Nelly an. Er war wirklich süß. „Ja, wahrscheinlich ist er das.“, antwortete sie und zwang sich ihn nicht direkt anzusehen. Bestimmt lief ihr bei seinem sexy Anblick schon der Sabber aus dem Mund. Noch eine Peinlichkeit konnte sie nicht gebrauchen.

„Gut. Ich bin zwar ein Oberarsch, aber ein Idiot bin ich nicht. Darf ich dich also zu einem Drink einladen? Jetzt, sofort?“

„Äääh…“ Nelly grübelte kurz und schaute nach oben zu Jannes Fenster. Immer noch keine Spur von ihm.

„Scheiß auf Janne, und Scheiß auf die Projektarbeit“, sagte sie zu sich selbst. 

„Ich bin Nelly.“ Sie streckte dem Fremden die Hand entgegen. Ohne zu zögern nahm er sie in seine.
„Freut mich sehr, ich bin Jonas.“
Dann stiegen sie ins Auto und fuhren los. Zum besten Date ihres Lebens.

Wie gut, dass gerade heute „gleich“ etwas „später“ gewesen war.
🙂

Polly

Und noch ein Artikel  zum Projekt *.txt von Dominik Leitner. Für nähere Infos bitte klicken

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5 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Besser später als gleich

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