Polly und die Begegnung der dritten Art

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Ich stürzte mich  also in den Feierabendtrubel des Supermarktes. Die Gänge waren vollgestopft mit Menschen, die hektisch ihren Wagen schoben und nicht nach links oder rechts schauten. Irgendwo brüllte ein kleines Kind und mittendrin waren Blockaden aus smalltalkenden Menschen.

Ich hatte einige Mühe, mich an ihnen vorbeizubugsieren ohne einen ernsten Zusammenstoß zu riskieren. Aber es gelang mir  auch diesmal ohne ernste Verletzungen.

Eigentlich hasste ich es zu dieser Tageszeit,Teil des ganzen Wahnsinns zu sein. Aber heut nicht. Heute war alles anders. Das Gewimmel und Gewusel störte mich nicht im geringsten. Und so wartete ich immer wieder geduldig zwischen all den Menschen, bis ich mir meinen Weg weiter bahnen konnte.

Während ich angestrengt über das Menü nachdachte und zwischen den Regalen hindurchschlenderte, nahm ich aus den Augenwinkeln ein bekanntes Gesicht war, dessen Besitzer hektisch seinen Einkaufswagen  vor sich her schob. Darinnen ein brüllender Maxi Cosi. Der Blick des Mannes sagte alles. Er war sichtlich genervt und wollte wohl lieber auf der Stelle im Erdboden versinken.

Und ich auch. Es war kein anderer als Mike. „Bitte nicht!“, dachte ich und drückte mich eng an die Regalwand. Was sollte das??? Ausgerechnet heute sah ich ihn! Gefolgt von Paula, die ebenfalls einen Wagen (allerdings mit leisem Maxi Cosi) bei sich hatte, und vor sich hinschimpfte. „Jetzt wart doch mal!“, hörte ich sie meckern. „Ich kann nichts dafür, dass Lina brüllt. Vielleicht hat sie eine Kolik!“ Mike antwortete nichts darauf. Jedenfalls hörte ich es nicht. Das kleine Baby in seinem Wagen war einfach zu laut. Lina also. Seine Tochter.

Mike hielt an und nahm das kleine Bündel aus der Babyschale. Dann drückte er es sanft an sich. Er versuchte sein möglichstes um Lina zu beruhigen. Aber es gelang nicht wirklich. Wer weiß, wo ihr das Bäuchlein drückte. Es war schön, ihn so fürsorglich zu sehen. Er streichelte das kleine Köpfchen und huschelte und wiegte. Man merkte Mikes Hilflosigkeit und die große Liebe, mit der er sein Kind hielt.

Und dann war es still. Mike legte die Kleine wieder in den Wagen, und ohne auf Paula zu achten schrubbte er weiter.

Ich bewegte mich vorsichtig um die Ecke und hoffte ich könnte unsichtbar werden. Bitte, keine Konfrontation mit Bussi-Bussi und tapferem Lächeln… Ich hatte wirklich keine Lust auf ein Gespräch mit den beiden. Obwohl ich die Kinder schon gerne einmal aus der Nähe gesehen hätte. Was würden sie von Mike haben? Die Augen? Den Mund? „Polly, Schluss!“, ermahnte ich mich, wie so oft. „Was geht es dich an, was die Kinder von ihm haben? ER geht dich nichts mehr an! kapiert?“

Ja, kapiert….

Ich blieb noch eine Weile in meinem Versteck, um keine direkte Begegnung heraufzubeschwören. Aber die jungen Eltern waren so mit sich und den Kindern beschäftigt, dass sie rings um sich herum nichts weiter wahrnahmen. Und mich auch nicht bemerkten. Puh… trotzdem, das war knapp.

Ich wartete, bis sie komplett außer Sichtweite waren, und setzte dann meinen Einkauf fort. Ja, Muscheln und Spargeltarte, das war genau das Richtige für heute. Dazu leckeren Wein und …. ach ja… das Dessert! Gab es da hinten nicht Dessous? Auf geht’s! 

In Gedanken malte ich mir den Abend mit Robert aus, und hatte den Schock von vorhin fast wieder vergessen.

Als ich an der Kasse ankam, war dort eine lange Schlange. Ich reihte mich ein und wartete auf ein Vorwärtskommen. Heute sollte mir nichts mehr meine gute Laune verderben. Weder Mike, noch Endlosschlangen.

Aber wie ich so dastand beschlich mich mit einem Mal ein seltsames Gefühl. Es war so vertraut und brannte sich in mein Bewusstsein. Ich spürte wie mich zwei Augen von hinten fixierten. Blicke in meinem Rücken. Verstohlen drehte ich mich gerade soweit um, dass ich über die Schulter sehen konnte.

Ein paar Einkaufswägen weiter hinten standen Paula und Mike. Während Paula noch zu schimpfen schien und mit den Armen in der Luft fuchtelte, starrte Mike mich an. Seine Mundwinkel zuckten. War das ein Lächeln, oder eher ein grimmiger Ausdruck, den ich erspähen konnte? Sollte ich mich ganz umdrehen und ihn anschauen? Sollte ich winken, grüßen, lächeln? Sollte ich?

Nein. Stattdessen drehte ich mich zurück, schaufelte hastig alles aus meinem Wagen aufs Band, zahlte und ergriff die Flucht. Die Wärme in meinem Rücken wirkte noch nach, als ich schon längst wieder im Auto saß. Gedanklich knipste ich sie aus. Ich würde heute noch genug ins Schwitzen kommen.

Zu Hause wartete noch viel Arbeit auf mich. Und dann ein schöner Abend.

Mit Robert, meinem Mann.

Eure Polly

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8 Gedanken zu “Polly und die Begegnung der dritten Art

    • Alles ist blöd. Das hier liegt ja schon zehn Jahre zurück…. es ist immer weitergegangen…. unsere Affäre hatte da noch gar nicht richtig begonnen. Es war immer mal schön und immer mal schmerzhaft. Bis heute. Heute ist Mike sehr krank. Alles hat damit seinen Lauf genommen. Ich weiß nicht, wie es werden wird und soll und kann. Vergessen haben wir uns nicht. Aber nichts ist mehr leicht. Für niemanden. Danke für deine Worte und liebe Grüße, Polly

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      • Oh, das ist wirklich einen lange Zeit. Aber solange ihr Euch immer mal wieder über den Weg lauft, wird sich die Herzenswunde nicht schließen. Einen echten Abschluß kann ich nicht erkennen.

        Das muss auch sehr qualvoll für dich sein.

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        • Ja. Es quält. Ein Abschluss…. nun… ich möchte es… und dann wieder nicht….ich kenne Mike seit ich zwölf Jahre alt bin. Solange ist er schon ein Teil von mir. Der Verstand sagt Schluss und aus…. aber das Herz hört nicht darauf… noch nicht. ☺

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