Brief an einen (Un)Bekannten

Mike,

als ich Anfang April zur Kur gefahren bin, war eines meiner Ziele, dich hinter mir zu lassen. Abstand zu gewinnen. Ja, dich vielleicht sogar zu vergessen.

Ich habe weder Telefon noch Laptop mitgenommen, um nicht erreichbar zu sein. Für niemanden. Auch nicht für dich. Zuerst wollte ich dir gar nicht sagen, dass ich wegfahre. Wenn ich ehrlich bin, wollte dich bestrafen. Mit Sorgen, wenn du nichts von mir hören würdest. 

Ich wusste, du könntest nicht einfach jemanden nach mir fragen, und ich habe mir ausgemalt, wie du zuhause sitzen und schier umkommen würdest, vor schlechtem Gewissen und vor Angst um mich…

Aber so gemein bin ich nicht.

Wer weiß, ob es überhaupt so eingetreten wäre wie ich es mir, vor meinem geistigen Auge, vorgestellt habe. Und so habe ich dir doch noch eine letzte Nachricht geschickt, bevor ich ins Auto stieg. Nichts langes, nur dass ich zur Kur fahre. Mehr nicht.

Natürlich hoffte ich, du würdest dich trotzdem melden. Auch wenn ich dich loslassen wollte.

Ja. Loslassen. So einfach ist das nicht.

Auch am Nordseestrand bin ich mit Gedanken an dich eingeschlafen, und mit Gedanken an dich aufgewacht. Ich habe jeden verdammten Tag an dich gedacht. So schön es auch war. Immer habe ich mir gewünscht, du wärst jetzt an meiner Seite. Genau in diesem Moment.

In jedem Moment.

Wie oft habe ich bei meinen Spaziergängen am Meer deinen Namen in den Sand gemalt. Ihn in den Wind gerufen oder den Wellen zugeflüstert. Wie oft habe ich dir Bilder aus Muscheln gewidmet, meine Liebe zu dir zu den Sternen getragen und den Möwen mit auf die Reise gegeben.

Wie oft habe ich über alles nachgedacht. Über meine Familie, meine Arbeit… über dich… mich… uns. Darüber, wie das alles weitergehen soll. Ich habe keine Antwort gefunden. Nur, dass es nicht aufhören darf. 

So oft habe ich gebetet, du mögest gesund werden. Habe gewünscht, wir könnten zusammen glücklich sein. Oder auch nur du allein. Aber wahrhaftig und nicht nur weil manches auf den ersten Blick besser erscheint.

Ich habe so oft an unsere gemeinsame Geschichte gedacht. An alle Höhen die wir hatten, an alle Tiefen. Wie oft hatten wir uns schon aus den Augen verloren, und waren doch immer verbunden.

So ein Band, gibt es nicht oft. Es ist aus Liebe gemacht. Auch wenn sie nicht sein soll oder nicht zum Zug kommt. Auch wenn sie noch so schmerzt… Sie ist da. Sie war immer da.

Und auch wenn ich dich an der See vergessen wollte, wenn ich mich noch so bemühte, Abstand zu gewinnen, so ist mir gerade in diesen Tagen bewusst geworden, dass ich es nicht kann.

Ich kann dich nicht vergessen.

Ich kann nicht aufgeben, was uns verbindet. Ich kann es nicht. 

Auch nicht, wenn ich es sollte, wenn es besser so wäre. Wahrscheinlich will ich es auch gar nicht. Du hast mir einmal geschrieben, du willst mich gar nicht in Ruhe lassen… ja. So geht es mir auch.

Aber ich bin auch zur Erkenntnis gekommen, dass ich momentan nichts ausrichten kann. Ich habe schon alles versucht. Nie war es genug.

Und jetzt sind deine Versuche nicht genug. Jetzt mache ich es dir nicht mehr leicht. Ich weiß, dass es falsch ist, aber ich kann nicht einfach so vergessen. Du bist am Zug.

Und ich hoffe auf dich und auf das, was zwischen uns ist und immer war.

Ich lasse dich entscheiden, wie es weitergeht, und ob… und wann… Ich nehme mich zurück… bis du dich wiedergefunden hast. Bis du wieder ein Licht siehst in der Dunkelheit.

Ich wünschte nur, es wäre mein Licht. Denn es leuchtet immer für dich.

Mit diesem Gedanken bin ich wieder nach hause gefahren. Dich zu lassen… wie und wo und was du bist… und doch immer zu hoffen und zu lieben.

Als ich mein Handy anschaltete, sah ich deine Nachrichten. Du hast mir geschrieben. Das war wunderbar.

Du hast von deiner Chemo erzählt, die begonnen hat. Du hast geschrieben, dass du mich vermisst, dass du mich sehen willst. Hast gesagt, dass du nicht glücklich so bist, wie es ist. Dass ich es wert gewesen wäre, und du vieles hättest anders machen sollen. Jetzt wüsstest du es besser. Und du hast Angst, weil nichts mehr geht…

Natürlich habe ich dir geantwortet.

Ich wünsche dir immer nur das Beste. Ich weiß, wie schlecht es dir geht, und dass du verzweifelt bist. Aber mehr weiß ich nicht.

Ich weiß nicht, ob wir uns sehen sollten… ich weiß nicht wie es dann werden wird… ich wünsche es mir. Aber es muss genug von dir da sein. Unklare Worte reichen mir nicht mehr. Aber ich warte. Immer. Nichts ist mehr leicht, weder für dich, noch für mich, noch für uns.

Trotzdem, es bleibt was immer war. Meine Liebe. Mein Glaube an dich. Und daran, dass es gut werden wird. Wie auch immer es sein mag.

Deine Polly ❤

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7 Gedanken zu “Brief an einen (Un)Bekannten

  1. Schön aus dem Herzen geschrieben….ich verstehe dich so gut …..könnte von mir sein…noch vor einem halben Jahr….noch vor ein paar Monaten….doch jetzt hab ich etwas mehr Distanz…zu groß waren in meiner Liebesgeschichte die Verletzungen…

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  2. Liebe Polly, weisst Du denn inzwischen was Du in dieser Beziehung gesucht oder auch gefunden hast, was Dir die vorherige nicht gab, oder was Du darin nicht geben konntest?
    Das könnte der Schlüssel für Dein Suchen sein…
    Hab Mut. Neulich las ich: Alles wird gut. Wenn es noch nicht gut ist ist es noch nicht zu Ende.
    Ob nun buddhistisch oder yogisch, das kann ich glatt unterschreiben.
    Om Shanti

    Gefällt 1 Person

    • Ja. Ich weiß es. Aber ich weiß auch das andere, das alles so schwer macht. Es ist noch nicht zu Ende. Aber ich kann nicht sagen, welche Richtung es nehmen wird. Ich weiß was ich empfinde, für beide Seiten. Ich weiß aber auch, dass mich dieser Zustand quält. Irgendetwas davon muss ich loslassen. Es wird gut. Ich weiß nur noch nicht wie. Danke für deine Worte und einen schönen Abendgruß, Polly ☺

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