Kurzgeschichte: Für immer

Achtung…diesmal eine etwas „andere“ Geschichte:

Er saß auf der Bettkante und rieb mit den Händen über sein Gesicht.

Es war vollbracht. Die erste Etappe hatte er erfolgreich hinter sich gelassen. Der Rest würde nicht halb so schwer sein. Aber noch war es nicht so weit. Noch nicht. Er brauchte noch ein wenig Zeit, wollte noch etwas in ihrer Nähe sein. An ihrer Seite sitzen.

Sein Blick streifte durch den Raum. Die schmutzigen Ecken sahen gespenstisch finster aus, die zerschlissenen Vorhänge waren zugezogen. Alles flackerte beinahe romantisch im Kerzenschein.

Seine Wolfshöhle. Sein geheimes Reich. Hierher zog er sich zurück, wenn er seine Ruhe haben wollte. Oder wenn er jagen musste. Es war eine der vielen Bruchbuden, weit abgelegen und schon lange unbewohnt. Dem Untergang geweiht. Genau wie er.

Hausbesetzer hatten einst ihre Spuren hinterlassen. Die Wände waren mit Fäkalien und Blut beschmiert. Hier und da waren Graffitis aufgesprüht. Doch seitdem er sich hier eingenistet hatte, kam nie eine fremde Menschenseele an diesen Ort. Er fühlte sich in Sicherheit. Nur eine Kakerlake flitzte über den abgelatschten Boden. Sein Fuß schnellte vor. Entwischt! Mist! Ihm entkam sonst niemand.

Angewidert rümpfte er die Nase. Der modrige Geruch ekelte ihn an. In seinen Klamotten pappte er wie Kaugummi. Dann stellten ihm seine Eltern dumme Fragen. Wo er denn so spät noch gewesen war. Sie sollten lieber nicht zu viel in seinem Leben herumschnüffeln. Es könnte gefährlich sein. Für sie und für ihn. Sie sollten besser froh sein, dass er bei ihnen geblieben war, obwohl er sie nicht mehr brauchte. Nun nicht mehr. Damals, als alle anderen ihn verhöhnten, hätte er sie gebraucht. Und sie ließen ihn im Stich. Und dennoch fütterte er sie jetzt durch. Sie verdienten es nicht, aber er war kein Unmensch.

Die Kälte kroch langsam in seine Knochen und er musste sich schütteln. Es zog jämmerlich durch die zerbrochenen Scheiben. Der Wind blies durch alle Ritzen und drohte jeden Moment, die sorgfältig aufgestellten Kerzen, zu erlöschen. Grauer Schimmel bedeckte die alten Fensterrahmen mit zartem Flaum. Es miefte. Vielleicht sollte er sich besser doch beeilen.

Als er damals diesen Zufluchtsort für sich entdeckt hatte, gab es nichts weiter hier, als das große Eisenbett mit seiner heruntergekommenen Matratze. Alles andere hatte er mühselig aus seinem falschen Leben hierher gebracht. Decken und Kissen, die Kerzen oder das kleine Nachtkästchten. Und natürlich die unzähligen Fotos. Sorgfältig hatte er mit ihnen, den bröseligen Putz rund um das Bett bedeckt. Alle waren sie aufgereiht. Alle.

Seine Beute. Diese undankbaren Geschöpfe! Zu schwach waren sie gewesen, um sich ihm anzuschließen.

Er war ein Wolf. Er war stark. Ein Streuner. Immer auf der Suche nach Bestätigung. Stets vorsichtig und auf der Hut. Nie war man ihm auf die Schliche kommen. Es war perfekt. Jedes mal. Ein Teil seiner Genialität.

So vieles hatte er sich in seinem falschen Leben aufgebaut und erkämpft. Aber es war ihm nie lange etwas wert gewesen. Nicht lange genug. Zu schnell verblasste der Triumph eines Erfolges. Er wollte immer nur noch mehr davon. Ihm dürstete danach, und so jagte er von einer Anerkennung zur nächsten. Es reichte ihm nie. Zu kurz war der Rausch. Er konnte die Leere nicht füllen. Sie war ein Fass ohne Boden.

Hatte er nicht alles? Doch. Hatte er.

Geld, Häuser, Frauen, falsche Freunde…alles.

Nur das Gefühl der absoluten Macht, die totale Kontrolle fehlte ihm. Die hatte er in seinem anderen Leben nicht. Diese gab es nur als Wolf.

Er kratzte sich den Kopf. Trotz allem, was sich hier in diesem schäbigen Zimmer, in den letzten Minuten abgespielt hatte, ging sein Atem ruhig und gleichmäßig. Er war entspannt. Wenn man ihn danach gefragt hätte, er hätte geantwortet, es sei wie eine Befreiung. Aber es fragte ihn niemand. Nie hatte jemand wirklich nach ihm gefragt.

Nur sie. Sie schon.

Er ballte die Hände zu Fäusten und unterdrückte ein Schluchzen. Ab heute gab es keine Fragen mehr. Sie war nicht die Erste hier in diesem Bett. Aber sie würde die Letzte sein. Seine Augen wanderten zu ihr hinüber. Wie schön sie war, wie vollkommen sie aussah! Er hätte ihr mehr zugetraut.

Ihr schwarzes Haar fiel in sanften Locken über ihren Körper, über ihre makellosen Rundungen. Ihr voller Mund lächelte beinahe, obwohl er blass geworden war. Auch ihre zarte duftige Haut hatte die Farbe verloren. Wie Schneewittchen lag sie da. So still und friedlich. So nah und unerreichbar.

So gerne hätte er ihr noch einmal in die Augen geschaut, aber er wollte sie nicht mehr stören. Sie hatte nichts von allem gemerkt. Dafür hatte er gesorgt. Das war sein Geschenk an sie. Allen anderen, hatte er in die vor Schreck geweiteten Augen geschaut. Hatte es genossen, wie das Licht darin langsam erlosch. Wie er der Herr war, über Leben und Tod.

Wie oft hatte er innerlich über so viel Schwäche gelacht! Triumphiert! Ja, da war er am Zug gewesen, diese Minuten gehörten ihm. Da lachte er und verschaffte sich den gebührenden Respekt.

Keiner hatte ihn je respektiert. Niemand. Nur Schneewittchen.

Das fing schon in der Schule an. Sie hatten sein geniales Potential nicht erkannt, nicht einmal seine Eltern. Alle belächelten ihn als den Außenseiter, als den Streber. Niemand bewunderte ihn. Erkannten sie denn nicht, dass außergewöhnliche Fähigkeiten auch härtere Methoden erfordern? Begriffen sie nicht, dass man Schwache zurücklassen muss? Sie waren doch immer nur Ballast! Er hatte sich die Finger schmutzig gemacht, auch für andere! Er hatte die Schlechten von den Guten aussortiert. Natürlich war er ein Streber gewesen. Natürlich hatte er Intrigen gesponnen. Aber doch nur, weil keiner sah was wirklich in ihm steckte!

Nur sie hatte es immer gesehen, das glaubte er zumindest.

Es musste so gewesen sein!

Und dann hatte er es allen gezeigt. Hatte sich durchgekämpft, bis nach oben. Bis ganz an die Spitze. Was konnte er dafür, dass man seine Arbeit nicht angemessen gewürdigt hatte? Mussten sie denn diesem unfähigen Schnösel den Vortritt lassen? Es war doch sein Stuhl, auf dem sein Arsch sitzen sollte. Sein verdienter Posten! Das konnte er sich nicht gefallen lassen. Also hatte er gehandelt.

Es war der einzige Mann in seiner Laufbahn. Nie wollte er anderen Böses. Sie hatten ihn dazu gezwungen. Sie wollten ihn nicht sehen. Nicht seine Größe, nicht seine Kraft.

Außer Schneewittchen.

Deshalb sollte sie nicht leiden.

Deshalb hatte er sie zuerst sanft in den Schlaf gebracht, bevor er sie hierher gebracht hatte, um alles zu vollenden.

Sie. Die Einzige, von der er dachte dass sie ihm würdig sei.

Doch am Ende war sie auch nicht viel anders gewesen, als die ganzen Frauen vor ihr. Das Wichtigste sahen sie alle nicht.

Gerade von ihr, hatte er es sich immer gewünscht. Dass sie erkennen würde, was in seinen Augen stand, wenn er sie betrachtete. Sie hätte hören müssen, was er zwischen den Zeilen erzählte. Sie hätte es doch fühlen müssen, was er dachte, was er meinte, was er sagen wollte! Er war genial! Ja! Aber mit Worten, da war er es nicht! Noch nie gewesen!

Verdammt!

Er machte eben alles auf seine Art, aber er meinte es doch immer anders. Warum verstand ihn bloß keiner? Warum hatte Schneewittchen nicht von selbst gemerkt, dass er sie liebte? Es war doch offensichtlich! Es stand in der Luft! Er hatte es deutlich gefühlt! Hatte sie denn nichts gespürt? Ausgerechnet sie!?

Wie viele Chancen hatte er ihr gegeben, es doch noch zu erkennen! Er hatte sich mit anderen Frauen abgegeben, obwohl er wusste, sie würden alle scheitern. Keine war fähig in sein Innerstes zu blicken. Deshalb hatten sie sich von ihm abgewandt. Es lag an ihrer Unfähigkeit! Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Niemals! Und dann schenkten sie ihre Anerkennung und Aufmerksamkeit den ewigen Loosern…

Nein! Da musste er sie doch auf den rechten Weg bringen und sie bestrafen!

Sie waren schuldig und schlecht. Hatten ihn verschmäht. Allesamt.

Und dann auch noch sie.

Hätte sie doch nur gespürt, was er nicht sagen konnte! Nicht einmal sie vermochte ihn zu verstehen. Es war seine Pflicht, die Sache in die Hand zu nehmen. Er musste es tun. Rechtzeitig. Ehe Schneewittchen den falschen Pfad einschlagen konnte. Bevor sie in die Fänge der Schwachen geriet, wie all die anderen.

Er hatte sie gerettet.

Wie schade, dass es so gekommen war.

Sein Schneewittchen. Die Frau, die er schon immer heimlich verehrte. Die er bewachte. Er musste sie schützen, vor ihrer eigenen Unvollkommenheit.

Schneewittchen….Schneewittchen…

Sie hätte es wissen müssen, dann wäre vieles anders gekommen. Sie hätte alle bewahren können. Aber sie hatte versagt. Wie die anderen.

Er war erschüttert. Und doch konnte er sie keinem anderen überlassen. Sie war nicht stark gewesen, aber bei ihr würde er eine Ausnahme machen. Würde sich ihr hingeben. Für immer.

Schneewittchen war für ihn bestimmt und er für sie. Obwohl sie es nicht erkannt hatte. Er wusste es doch! Er wusste es besser! Hatte ihre Ewigkeit erkämpft. Doch Anerkennung gab sie ihm nicht.

Jetzt gehörte sie ihm. Er hatte es nur gut mit ihr gemeint.

Noch einmal streifte sein Blick ihre bleiche Haut. Seine Finger strichen durch ihr schwarzes Haar. Ihre Nägel hatte er blutrot lackiert. Den nackten Leib in Parfümduft gehüllt und auf Rosen gebettet. Sie war die Schönste und würde es immer sein. Nur ihre Lippen, sie waren zu weiß! Er durchsuchte ihre Handtasche, welche er achtlos neben die Kleider geworfen hatte. Der Lippenstift zauberte einen Hauch von Leben auf Schneewittchens toten Mund.

Für immer mein, für immer dein….

Dann schob er sich den Lauf zwischen die Zähne, und drückte ab. Seine Seele erlosch. Seine Suche war vorbei.

Alles war zu Ende.

Polly

 

Hier noch ein Artikel  zum Projekt *.txt von Dominik Leitner. Für nähere Infos bitte klicken

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4 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Für immer

  1. Hallo Lollyjanepolly die Zeit erlaubt es dir zu schreiben zu kommentieren und zu erfragen ….neues probieren…? da steckt soviel in den Zeilen …ach so der Schluss kommt in den DTH Gruppe von witzigen guten ehrlichen Musikern https://www.youtube.com/watch?v=Li2t_XbXaRY auch vor ..ein gutes versteck spiel zwischen Realität und Fiktion
    Ich persönlich würde gerne wissen ( egomane…lol )= wie es wirklich ausgegangen ist ….;-)

    in diesen Sinne …danke für die Likes und Besuche auf meiner Homepage Gruß W8Screens

    Gefällt 1 Person

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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