Polly im Glück…oder, die erste frohe Botschaft

Die Zeit verstrich. Robert erholte sich mehr und mehr.

Seine Therapien schlugen an. Man merkte täglich kleine Fortschritte. Durch Ergotherapie und Krankengymnastik lernte er, seine Defizite immer weiter auszugleichen. Auch sein seelischer Zustand  wurde immer stabiler. Natürlich gab es noch den ein oder anderen Rückschlag zu verzeichnen, aber die Tendenz ging nach oben.

Zum Glück! Darüber waren wir alle froh! Er durfte in immer kürzeren Abständen, immer länger nach Hause. Ich freute mich sehr, denn ich vermisste meinen Mann. Es war schön, ihn wieder um mich zu haben, wenn auch nur von begrenzter Dauer.

Zusätzlich war es auch eine Erleichterung für mich. Denn ich brauchte nun nicht mehr täglich nach der Arbeit bis in die Spezialklinik zu fahren, um ihn zu besuchen. Mein Mann konnte sich langsam wieder an ein Leben außerhalb der Klinik herantasten.

Die letzten Wochen und Monate hatten nicht nur Robert gezeichnet, sondern auch mich. Die Sorgen waren mir auf den Magen geschlagen, und ich bestand allmählich nur noch aus Haut und Knochen. Ich versuchte alles Unangenehme zu verdrängen, soweit es möglich war, und mich nur auf die schönen Dinge im Leben zu besinnen. Vor allem darauf, dass Robert wieder „gesund“ werden würde.

Die Ärzte hatten uns auf bleibende Schäden hingewiesen, und auch darauf, dass Robert nicht mehr so sein würde, wie zuvor. Seinen Beruf als Krankenpfleger würde er wohl, bis auf weiteres, nicht mehr ausüben können. Der Stress und die Verantwortung wären zu viel für ihn. Und es würde noch einige Zeit dauern, bis er überhaupt wieder in der Lage war zu arbeiten. Aber das alles blieb abzuwarten. Wichtig war einzig und allein, dass es aufwärts ging.

Wir hatten ja schon eine Rente für Robert beantragt. Nicht für immer. Aber für die nächsten Jahre. So hatte mein Mann keinen Arbeitsdruck zu befürchten. Ich würde nun Hauptverdienerin sein, aber dieser Gedanke machte mir nichts aus. Ich liebte meinen Job. Auch in schweren Tagen. Robert und ich, wir hielten zusammen. Was der eine nicht schafft, macht eben der andere. In guten wie in schweren Zeiten. So hatten wir es uns geschworen. Daran hielt ich fest.

Auf der Arbeit genoss dich die Abwechslung vom Sorgenalltag und den Zuspruch meiner Kolleginnen. Die Kinder brachten mir soviel Zuneigung entgegen, dass ich langsam wieder aufblühte. Es war wie Balsam für die Seele.

Paula würde nicht mehr zu uns ins Team kommen. Sie hatte in der Zwischenzeit gesunde Zwillinge zur Welt gebracht. Ein Mädchen und einen Jungen. Da wollte sie zukünftig lieber kleinere Brötchen backen und zuhause bleiben. Was verständlich ist. Mutter zu sein, ist ein Geschenk.

„Wir besuchen Paula bei Gelegenheit. Sie hat uns eingeladen. Babys gucken.“, eröffnete mir meine Chefin. „Es ist doch immer schöner die Präsente und Glückwünsche persönlich  zu überbringen. Kannst du dich um die Karte kümmern, Polly?“  

Ja, das konnte ich. Aber an diesem besagten Tag würde ich krank sein. Das wusste ich schon heute.

Seit unserer letzten Begegnung an der Tankstelle, hatte ich Mike nicht wiedergesehen. Und das war auch besser so. Die folgende Nachricht, dass Paula und er heiraten wollten, nahm ich regungslos zur Kenntnis.

Natürlich würden sie heiraten. Warum auch nicht? Ich hatte es ja auch getan. Es kratzte mich kein bisschen… wirklich nicht!

Das Thema war abgehakt. Es gab Wichtigeres.

Eines Tages erreichte mich dann endlich die wundervolle Nachricht, dass Roberts Zustand so stabil geworden war und er endgültig nach Hause durfte. Es standen nur noch ab und zu Kontrolltermine an. Seine Stimme am Telefon klang so glücklich. „Endlich haben wir uns wieder, mein Liebling. Ich habe dich so vermisst. Alles mit dir!“

Ja, er hatte mir auch gefehlt. Robert würde zwar noch lange nicht fit sein, aber ihm war das Leben ein zweites Mal geschenkt worden, darüber freute ich mich riesig!  Dies musste gefeiert werden!

Während meine Schwiegereltern zu Robert in die Klinik fuhren, um ihn abzuholen, wollte ich zuhause alles für unser Wiedersehen vorbereiten. Es sollte ein unvergesslicher Abend werden. Eine Überraschung für Robert. Nach so langer Zeit des Bangens und Wartens. Ich dachte an ein schönes Mahl mit Kerzenschein, Musik und anschließend Dessous zum Dessert. Ja, das war es. Nicht zu anstrengend, aber auch nicht langweilig. Also schnappte ich mir Geldbeutel und Autoschlüssel, und fuhr gutgelaunt in den Supermarkt. Ich war schon ganz aufgeregt und sprühte voller Tatendrang. 

Was sollte ich anziehen? Das kleine Schwarze, oder ganz normal in Jeans und Pulli? Neue Wäsche? Oder Roberts Lieblingsteil? Was sollte ich kochen? Muscheln in Weißweinsoße und davor eine feine Spargeltarte? Oder lieber gefüllte Auberginen mit Pilzrisotto? Oder, oder, oder… Fragen, über Fragen…

Aber eines war sicher. Es würde wunderbar sein.

Eure Polly

 

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8 Gedanken zu “Polly im Glück…oder, die erste frohe Botschaft

    • 😄 Eile mit Weile 😉 freut mich auch sehr, dass du gerne bei mir liest! Manchmal flutscht alles wie geschmiert in den PC und manchmal schreibt es sich so schwer, obwohl ich ja genau weiß, was ich erzählen will… 😀 aber nächste Woche geht’s weiter. Bin schon dran. Liebe Grüße, Polly

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        • Im Moment ist der Kontakt sehr spärlich. Er hatte seine erste Chemo. Da hat er mir auch geschrieben. Ich habe es erst gelesen, als ich wieder zu hause war. Ich habe den Abstand genossen, auch wenn ich jeden Tag an ihn gedacht habe. Ob die Chemo etwas gebracht hat weiß ich nicht. Es wird sich zeigen, wie es weiter geht. Er möchte mich gerne sehen. Er hat geschrieben, er hätte so vieles anders machen müssen, weil ich es wert gewesen wäre. Und dass er so nicht zufrieden ist.
          Aber ich habe mich im Moment eingeigelt. Auch wenn ich ihn so gerne sehen und spüren will. Nichts ist mehr leicht zwischen uns. Vieles ist kaputt gegangen… vieles war so, wie ich es nie gedacht hätte… er wollte das alles nicht. Schiebt alles auf seine Verfassung. Er hat auch ein Stück recht und ich verstehe ihn auch. Aber man kann damit nicht alles entschuldigen und weitermachen, als wäre nichts gewesen. Ich weine noch oft. Ich denke immer an ihn. Er hat mir so weh getan… das kann ich nicht so leicht vergessen. Ich wünsche ihm nur das Beste, aber ich mache es ihm auch nicht leicht. Er ist am Zug. Er weiß was ich fühle. Ich bin gespannt, wie es sich noch entwickelt. Die Hoffnung habe ich immer.

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          • Du machst das sehr gut…ja da ist wohl er am Zug…wenn er alles weiß wie du fühlst. Ich verstehe dich gut. Ich kenne es wie es ist wenn einem so wehgetan wird von jmd den man liebt. Aber ihr seid ja beide nicht frei sondern gebunden. Wie alt sind die Zwillinge denn.

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            • Wow….das zieht sich alles wirklich lange hab grad den Eintrag gelesen wo du schreibst als du von SS erfuhrst und wie du krank sein wolltest beim Besuch der Zwillinge mit deinen Kolleginnen… Hast du zu Paula keinen Kontakt mehr?

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            • Kontakt indem Sinne nicht. Ich halte das aber mit allen meinen Kolleginnen so. Privat treffen wir uns selten. Man redet meist nur über die Arbeit. Ich mag Paula sehr. Wenn wir uns treffen reden wir immer. Sie schüttet mir dann auch ihr Herz aus. Auch über Mike. Und ich verstehe sie auch. Das war schon immer so. Das macht es für mich nicht leichter. Sie ist eine Liebe und hat das eigentlich alles nicht verdient. Das klingt jetzt vielleicht blöd…. aber ich kann weder da noch dort aus meiner Haut.

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Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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