Polly bleibt standhaft…oder, an der Tankstelle

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Als ich an diesem Abend nach hause kam, ging ich in den Keller und holte eine Flasche Rotwein. Dann schaltete ich die Stereoanlage an, schob eine CD von Metallica ins Fach und suchte nach ein paar Teelichten. Die stellte ich im Bad auf und zündete sie an. Nachdem ich das Licht ausgeknipst hatte, griff ich mir den Wein und ein Glas.

Anschließend ließ ich heißes Wasser in die Wanne. Dabei beobachtete ich, wie sich zarte Blubberblasen bildeten und allmählich zu einem dichten Schaumteppich zusammenwuchsen.

Das heiße Wasser umspielte meinen Körper. Als ich so in der Wanne saß und der Rotwein meine Kehle herunterrann, dachte ich über mein Leben nach. Meine Kindheit, meine Jugend, meine Arbeit, meine Ehe…. und Mike…

Er würde Vater werden.

Nachdem sich heute alle artig nach Roberts Zustand erkundigt hatten, platzte es aus Paula heraus. „Ich bin schwanger! Mike und ich, wir bekommen Babies!“ „Babies?“, fragte meine Chefin verblüfft. Paula streichelte versonnen ihren noch schlanken Leib. „Ja, Zwillinge!“

Zwillinge… von Mike. Klasse. Ich wünschte mir so sehr ein Kind. Aber bis jetzt hatte es noch nicht geklappt und ob es jetzt der richtige Zeitpunkt dafür wäre? Konnten wir so eine Familie gründen, wenn Robert so krank war? Würde er arbeiten können? Würden wir auskommen? Würden wir das alles schaffen?

Schnell kippte ich den Rest des Glases in mich hinein, und goss ordentlich nach. Mit jedem Schluck schwanden die Ängste und Sorgen ein bisschen mehr. Wurden abgelöst von Träumen aus der Vergangenheit, aus glücklichen Tagen. Mit Robert…. und…. mit Mike.

Ich dachte daran, wie es sein würde Mutter zu sein, sah in meinen Träumen meine kleine glückliche Familie. Zwei Kinder und ich, auf einer grünen Wiese. Ein paar Schritte voraus unser Papa. Er dreht sich um und lächelte, da sah ich seine Mokka-Augen…

Das Wasser war längst kalt, die Kerzen erloschen und der Rotwein geleert, als ich in die reale Welt zurückkam. Meine Finger waren schrumpelig, mein ganzer Körper aufgeweicht. Ich wollte nur noch ins Bett. Das tat ich dann auch. Unbeholfen stieg ich aus der Wanne und trocknete mich ab. Das Handtuch war so kalt…oh, wie sehnte ich mich nach Händen auf meiner Haut… 

Unter die Decke gekrochen, schlief ich sofort ein.

Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem leichten Kater. Es war Samstag und ich wollte Robert besuchen. Schnell machte ich mich zurecht, packte noch Dies und Das für die Klinik zusammen und machte mich auf den Weg. Die Tankanzeige meines Wagens ließ mich aufmerken.

Ein kontinuierliches Blinken verlangte nach Benzin. Also fuhr ich zur nächsten Tankstelle und starrte gebannt auf die Zahlen der Zapfsäule, die sich ohne enden zu wollen, immer weiter nach oben schraubten.

„Das wird teuer!“, hörte ich plötzlich jemanden sprechen. „Hi Polly, wie geht es dir? Wie geht es deinem Mann? Paula hat mir erzählt, er sei so krank. Wie geht es euch?“

Mike stand knapp neben mir und sah mir besorgt ins Gesicht. „Es geht schon. Wir müssen abwarten, aber die Ärzte sagen, Robert ist auf gutem Wege.“, erwiderte ich, und bemühte mich, Mike nicht genauer anzuschauen. „Herzlichen Glückwunsch übrigens. Ich freu mich für euch.“

Mike zog die Augenbrauen nach oben. „Danke dir. Trinkst du mit mir hier einen schnellen Kaffee?“ „Ich kann nicht, ich fahre ins Krankenhaus.“, antwortete ich und steckte den Zapfhahn in die Säule. Dann schloss ich den Tank. „Bitte Polly, nur ganz kurz. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Ich möchte mit dir reden. Es tut mir leid, was damals im Keller war. Ehrlich.“

„Ach“, konterte ich, „es tut dir leid? Mir tut es aber nicht leid. Es war nur der falsche Zeitpunkt, und der falsche Ort. Falsch! Wie immer!“ Damit ließ ich ihn stehen, ging in den Shop und zahlte. Mike stand da und schaute mir nach. Ich achtete nicht auf ihn. Es tat ihm also leid. Warum waren diese Worte wie ein Stich in mein Herz?

Als ich wieder im Auto saß, klopfte es an mein Fenster. Mike.

Ich machte die Tür ein Stück auf. „Mir tut es auch nicht leid, Polly. Nur dass du so durcheinander warst, das tut mir leid.“ Er machte die Tür zu, und ich brauste davon. Zu Robert, meinem Mann. Er brauchte mich.

Am Ende des Monats gab Paula ihre Tätigkeit bei uns auf. Der Arzt hatte ihr dazu geraten. Es würde keine leichte Schwangerschaft werden.

Das tat mir leid. Ehrlich.

Eure Polly

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6 Gedanken zu “Polly bleibt standhaft…oder, an der Tankstelle

  1. Man ist das spannend!
    Ich bin froh hier angekommen zu sein und lese einerseits sehr berührt andererseits schmunzelnd, was du (be-)schreibst. Es ist schon so, dass vieles im Leben harmlos oder mit einer Leichtigkeit beginnt, und man nichtsahnend ist, welche Wendungen es nehmen kann. Bestimmt ist es gut, nicht in die Zukunft blicken zu können.
    Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht.
    liebe Grüße
    fifteenfeet

    Gefällt 1 Person

    • Hallo fifteenfeet! Willkommen auf meiner Seite! Abe morgen geht’s hier wieder weiter. Du hast recht, manches im Leben beginnt, ohne dass man die Auswirkungen mit ihrer ganzen Macht im Auge behalten kann, oder auch will… dennoch bin ich froh über alles, was ich erleben durfte. Es geschah immer mit Herz 🙂 auch wenn es nicht immer so rosarot war oder geblieben ist. Es war gut so.
      Viele liebe Grüße, Polly

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