Frau LollyJanePolly und das Jahr der Hiobsbotschaften (Teil 2)

Im Krankenhaus angekommen, führte man uns zur Intensivstation. Durch das Fenster konnte ich Robert sehen. Oder das, was man von ihm sehen konnte. Überall Schläuche und Maschinen. Sein Gesicht war mir Verbänden umwickelt, und was von seiner Haut herausschaute, war dick geschwollen.

Als ich ihn so liegen sah, fiel alles in mir zusammen. Ich legte den Kittel und den Mundschutz an, ging ins Zimmer und setzte mich an sein Bett. Ich drückte meinen Kopf auf seine Decke und weinte. So vieles ging mir durch den Kopf. So viele Gedanken. Die große Sorge um ihn, die Liebe für ihn, und das schlechte Gewissen. Reue, weil ich so oft an Mike gedacht hatte, weil ich es genossen hatte, als er mich berührte…

Es war ein einziges Durcheinander aus Tränen, Sorge und Hilflosigkeit. Eine Ärztin kam zu mir und gab mir etwas zur Beruhigung. Später im Stationszimmer sagte sie dann, Robert hätte großes Glück gehabt. Er würde wieder aufwachen, aber es würde dauern.

So war es auch. Gott sei Dank!

Robert erholte sich sogar „erstaunlich schnell“ vom Sturz, doch die Ärzte waren immer noch ratlos, wie es überhaupt soweit kommen konnte. Woher kamen die Wesensänderungen? Woher die Anfälle?  Man untersuchte in alle Richtungen und dennoch wurde nichts Greifbares gefunden. Keiner konnte uns eine Prognose geben, wie lange Robert noch bleiben müsse und ob es zu Rückfällen kommen könnte.

Ich besuchte ihn fast jeden Tag in der Klinik und an den Wochenenden durfte er sogar ab und zu nach hause. Dann kümmerte ich mich um meinen Mann, so gut ich konnte. Ich versuchte ihm die Tage daheim so schön wie möglich zu machen. Kochte sein Lieblingsessen, versorgte ihn mit Streicheleinheiten, lud Freunde und Verwandte ein. Er musste wieder gesund werden!

Und trotzdem, er klagte immer wieder über Schmerzen oder Sinnestäuschungen und musste oft schon früher als geplant in die Klinik zurück. Meine Nerven lagen blank, aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich wollte Robert eine Stütze sein und keine Heulsuse.

Dann an einem Sonntag, kurz bevor ich ihn wieder ins Krankenhaus bringen wollte, ein Rückfall!

Robert war wie en kleines Kind. Er wusste nicht wo er war, er erkannte mich nicht. Er schlug um sich und wollte davonlaufen. Ich konnte ihn kaum in Schach halten. Mein Vater rief den Notarzt. Robert wurde ruhig gestellt und kam auf der Station sofort unter Aufsicht.

Die Untersuchungen begannen von Neuem und wieder drehten sie sich im Kreis. Und jetzt, wenn ich meinen Mann besuchte, merkte ich, dass er ein anderer Mensch geworden war. Viel gereizter, vergesslicher, nervöser. Wo war der fröhliche Mann, immer höflich und adrett? Stets zuvorkommend und liebevoll? Körperlich ging es ihm immer besser, aber seine Seele hatte gelitten. Die starken Kortisonmedikamente, die man ihm verabreichte, schwemmten ihn auf und machten ihn träge und schlapp. Monatelang durfte er nicht mehr nach Hause.

Ich saß am Abend oft auf der Couch und weinte vor mich hin. Wie sollte unsere Zukunft aussehen? Würden wir jemals wieder ein normales Leben führen? Würden wir jemals erfahren, was in Roberts Körper nicht richtig war? Und wenn ich so schluchzte, sah ich auch ab und zu in mokkabraune Augen, entdeckte irgendwo verschmitzte Grübchen auf Wangen und Kinn, die zu keinem Gesicht gehörten… nein. Zu keinem.

Ich hatte jetzt andere Probleme. Und ich war Ehefrau. In guten, wie in schlechten Tagen. Gedanken an einen anderen hatten da wirklich keinen Platz.

Dann endlich, nach fieberhafter Suche hatten die Ärzte eine Spur. Sie führte zu einer seltenen Autoimmunkrankheit, die den ganzen Körper befallen kann. Sie bildet dabei winzig kleine Gewebeknötchen und es kommt zu Entzündungen. In Roberts Fall waren Lunge, Bindegewebe, Nerven und Gehirn betroffen. Und, mittlerweile war die Krankheit chronisch geworden. Ein Leben lang, müsste die Krankheit mit Medikamenten in Schach gehalten werden.

Der Oberarzt versicherte uns, dass dadurch die Symptome gut behandelt werden könnten, und die Krankheit in einen Schlummermodus versetzt werden kann. Aber eben nicht mehr geheilt, vorhandene Schäden am Gewebe würden bleiben und wir hätten immer damit zu rechnen, dass es zu Rückfällen kommen könnte. Mit dieser Hiobsbotschaft ließ er uns stehen.

Wie sollte das werden? Wie würde es weitergehen, würde Robert wieder arbeiten können? Würden wir eine Familie haben?Ich verdrängte alle Fragen so gut es ging. Am Wichtigsten war doch, dass es Robert wieder besser gehen würde. Alles andere würde sich finden.

Am nächsten Tag im Kindergarten erwartete mich die nächste Neuigkeit. Paula war schwanger, natürlich von Mike. Prima, auch das noch. Ich ging auf die
Toilette und heulte.

Eure Polly

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15 Gedanken zu “Frau LollyJanePolly und das Jahr der Hiobsbotschaften (Teil 2)

  1. Sehr intensiv, meine Liebe und weißt Du was? Ich bewundere Dich und Deine Kraft. Ebenso bewundere ich Deine Standhaftigkeit trotz der vielen Gefühle, die Dich umkreisen und Dir keine Ruhe lassen. Ein Satz fiel mir auf: “ … versorgte ihn mit Streicheleinheiten.“ Das Wort „versorgen“ ist sehr aussagekräftig. Polly, ich verurteile nichts, denn dazu hat NIEMAND auch nur das geringste Recht. Es ist nur ein Gedanke, ein „Zwischen-den-Zeilen-lesen“. Mit meinem Hut in der Hand, den ich vor Dir ziehe, wünsche ich Dir und Deinen Lieben eine wunderschöne Osterzeit und Tage für Eergie, Kraft und Liebe. Ganz herzliche Grüße, Sylvia

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    • Ich danke dir, liebe Sylvia. Ja. Versorgen… in den Zeiten seiner schweren Krankheit war ich mehr Versorgerin denn Ehefrau. Vieles stand hinten an. Natürlich Roberts Genesung im Mittelpunkt aller. Da verliert man sich leicht aus den Augen… ich weiß selbst nicht genau, wann wir beide unseren Zug verpasst haben. Erlebnisse prägen uns und unsere weiteren Entscheidungen. Sie lassen uns reifen und zurückstecken. Manchmal vielleicht zu viel. Ich liebte meinen Mann. Aber plötzlich war er ganz anders. Alles war anders. Und doch war er mein Mann. In guten wie in schlechten Tagen. Mike hatte ein neues Leben, und ich auch. So dachte ich. Dass es dann wieder anders mit uns kam, war Segen und Fluch zugleich. Aber nicht geplant. Damals nicht. Frohe Osterzeit, und noch einmal, danke für dein Mitgefühl. Polly

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      • Das ist natürlich wahr – hier ist das Wort „versorgen“ in einem ganz anderen Zusammenhang zu sehen. Es ist eine sehr interessante Geschichte – DEINE Geschichte. Ich mag es, solche von Menschen zu lesen, die sie erLEBT haben, gefühlt haben und daran gereift sind, Polly.
        Denn die wahren und besten Geschichten schreibt schließlich nur das Leben.
        Weißt Du, manchmal glaube ich, dass die Liebe uns dann am Stärksten einholt, wenn der Alltag diese Liebe nicht zu fangen vermag, sie einengt, sie fesselt, sie erdrückt ….

        Ich liebte als junge Frau einen Mann, der alkoholabhängig war. Er war so ein lieber, guter Mensch voller Temperament, voller Sehnstüchte, auch voller Leid und Schmerz. Und schön war er :-). Er war über 1,90 m groß, hatte kohlrabenschwarzes Haar und meeresblaue, glänzende Augen (auch im nüchternen Zustand 😉 ).
        Von diesem Mann habe ich mich trennen müssen, denn seine Sucht nahm Ausmaße an, denen ich nicht gewachsen war (zumal mich seit Jujgendjahren eine schwere Eßstörung 13 Jahre lang befiel und eine „Co-Abhängigkeit“ entstanden wäre …). Voriges Jahr ist dieser Mann gestorben. Er wurde erst nach zwei Tagen in seiner Wohnung gefunden. Obwohl unsere Liebe 15 Jahre her war, habe ich geweint um ihn. Die Liebe fragt nicht nach der Herkunft oder der Zeit. Vielleicht aber nach dem Alltag? Wie wäre es gewesen, wenn ich ihn nicht verlassen hätte? Wie lange wären wir in Liebe gewesen? Fragen über Fragen, meine liebe Polly. Ich bin ganz bei Dir – wie Du siehst :-). Und nun lächel ich und freu mich, Dich kennenzulernen. Sylvia

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  2. Ja, Wir haben wohl vieles gemeinsam. Und es tut gut zu lesen, dass man nicht alleine steht.
    Danke für deine Offenheit. Das rührt mich sehr. 🙂
    Ich habe gelernt, dass uns Begebenheiten prägen und begleiten, auch wenn sie schon lange hinter uns liegen. Man kann nicht immer beliebig Häken dahinter setzen, auch wenn es manchmal wohl besser wäre.
    Bevor ich Robert kennenlernte, gab es „Verbrecher-Frank“…nach dieser Beziehung war ich monatelang in Behandlung…wegen seiner Sucht, meinem Essen, meiner Angst…mein Leben geriet völlig aus der Bahn.
    In dieser Zeit hatte ich von Mike nicht viel gehört. War aber auch mit mir zu sehr beschäftigt. Dann kam Robert, per Zufall…Als Held ins Dunkel…ja…so verstrickt sich manchmal das Leben.
    Dann kam Mike wieder in mein Leben…
    Und du hast recht. Man liebt unabhängig von „Äußerlichkeiten“. Ich bin nie danach gegangen. Vielleicht ist das ein Grund für alle Verwirrungen und ein Grund dafür, dass ich immer wieder Stärke zeigen musste…oder wollte… 🙂
    Wenn ich liebe, dann liebe ich. Ja, die Geschichten, die uns das Leben schreibt, können wir uns manchmal eben nicht aussuchen.
    Aber wir wären nicht wir, nicht so wie wir heut sind, hätten wir sie nicht erlebt. Herzlichst, Polly

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  3. Gar nicht so einfach, auf ‚gefällt mir‘ zu drücken, wo der Abschnitt deines Lebens doch so ein trauriger, schwerer, schwieriger ist. Mir ‚gefällt‘ eher, dass du dein Er-Leben mit uns teilst. Sehr mutig. Danke.
    Das Leben an sich hat keine Regeln, ist nie Bilderbuch und manchmal sehr schwer zu verstehen. Das schwierigste ist manchmal das ‚bei-sich-bleiben‘ oder immer wieder zurück finden.
    Hmm … viele Gedanken werden hier bei mir angestoßen…
    Liebe Grüße an dich aus Hamburg

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    • Ich danke dir. Mir hilft das Aufschreiben sehr. Da reflektiere ich selbst noch einmal alles. Verarbeite vieles im Nachhinein, oder sehe Dinge anders…klarer. Das Leben ist nicht immer nur Sonnenschein. Aber auch solche Momente durfte ich reichlich erleben. Das lässt uns immer wieder nach vorne blicken und weiter gehen. Liebe Ostergrüße, Polly

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      • 😉 Ja, das verstehe ich sehr gut.
        Es braucht irgendeinen Ort, an dem man die Möglichkeit hat, zu sortieren und zu verarbeiten. Es kann nicht immer alles nur in Kopf und Herz bleiben, sonst platzt man irgendwann.
        Liebe Grüße zurück und viel Sonnenschein an Ostern…

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  4. Und von einem Moment ändert sich dein ganzes Leben. Bisher eine sehr traurige Geschichte deines Lebens. Man kennt sowas aus dem Fernseher oder aus den Medien. Man weiß, dass so etwas passieren kann. Aber bewusst, dass einen selbst treffen kann, ist man sich darüber nicht. „In guten, wie schlechten Tagen“, das sagt sich so einfach. Aber wenn man weiß, dass man sein ganzes Leben noch vor sich hat und vielleicht auch weiß, dass nie wieder so werden wird, wie es einst war. Ein schrecklicher Gedanke.
    Deine Stärke bewundere ich, denn ich weiß, dass es trotz der Ehe nichts Selbstverständliches ist, auch die schlechten Tage gemeinsam zu überwinden.
    Ich würde gern sagen, ich hoffe das alles gut wird, das tue ich natürlich. Aber erstmal hoffe ich, dass für dich alles wieder erträglich wird, da ich denke, dass du im Moment sehr viel aufarbeiten musst.

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    • Ich danke dir für deine Worte. Es gibt manchmal keine Rechtfertigung für unsere Entscheidungen aber doch Begebenheiten die erklären können. Warum wir festhalten, warum wir Affären beginnen, warum wir stehenbleiben, oder weitergehen. Auch wenn es nicht immer der Königsweg ist… und manches besser überlegt sein sollte. Aber das Herz fragt oft nicht danach. Heute geht es meinem Mann besser. Mike ist sehr krank… daß Leben spielt nicht immer mit den Trümpfen, die wir gerade bräuchten. Trotzdem bin ich froh und dankbar, für alles was ich erleben durfte, natürlich hatte ich lieber die Sonnenseiten…. aber trotzdem, vieles wurde mir geschenkt. Auch wenn es schon als verloren galt. Daran halte ich mich fest. Liebe Grüße, Polly

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