Zehn Wörter – eine Geschichte…

Initiiert von:

http://westendstorie.com/2015/03/29/10-worter-eine-geschichte-blogger-schreiben-gemeinsam/

(frigide, Schattenspiele, Greifvogel, Krokus, grotesk, Strippenzieher, Tango, E-Mail, liebevoll, Rilke)

Sie stand am Fenster der Kammer und blickte nach draußen.

Ein Meer aus lila Krokussen wogte direkt unter ihr. Der Wind war heute erstaunlich warm, für diese Jahreszeit. Sie war eine Kämpferin.

Fast liebevoll strichen ihre Finger am Fensterrahmen entlang. Sie würde nicht aufgeben. Niemals! Daran würde auch er nichts ändern.

Er, der Strippenzieher in diesem jämmerlichen Komplott.

Sie würde ihm ihr Anwesen nicht überlassen. Auf keinen Fall!

Letztes Jahr noch, da hatten sie sich leidenschaftlich geliebt. Hatten Tango getanzt im großen Saal und sich ewige Treue geschworen.

Aus Liebe, wie sie glaubte.

Doch dann die Gewissheit, dass es nur seine Gier gewesen war! Gier nach Ruhm und Anerkennung. Er war ein Narzist.

Nur auf Äußerlichkeiten bedacht, die seines Standes würdig waren.

Sie, gehörte nicht mehr dazu. Hatte nie wirklich dazugehört.

Emmas marodes Anwesen, mit der kleinen Falknerei, die sie so liebte, sollte seinen Plänen weichen.

Sein eigenes Palais war nicht weit entfernt. Es war prunkvoll gebaut und umgeben von Buchenhainen. Schon immer war es ein beliebter Ort für rauschende Feste gewesen.

Hier traf sich die Creme de la Creme.  Menschen mit Macht und Geld.

Einzig ein Golfplatz fehlte noch, um dem ganzen Ambiente noch mehr Größe zu verleihen. Da kam Emmas baufälliges Landschlösschen gerade recht.

So praktisch nebenan gelegen, mit den großen weiten Wiesen, über die ihre geliebten Greifvögel majestätische Kreise zogen. Das alles sollte dem Erdboden gleich gemacht werden.

Und auch die Falknerei, die seit Jahren rote Zahlen schrieb. Sie lockte kaum noch Zuschauer an.

Nur deshalb hatte er sie „geliebt“, weil sie am Ende war. Er hatte ihr alle Würde genommen und sie vor seinen Geldfreunden bloßgestellt. Hatte sie im Nachhinein als frigide und dumm bezeichnet.

Es war wirklich grotesk, mit welcher Erbarmungslosigkeit er vorgegangen war, um an das Grundstück zu kommen.

Keiner ihrer früheren Gönner war bereit, ihr einen Kredit zu geben. Alle E-mails, die sie  geschrieben hatte, gespickt mit neuen Plänen und Konzepten für den Falkenhof, blieben ohne Antwort.

Er hatte seine Finger mit im Spiel, das wusste sie.

Sie drehte sich entschlossen um. Das Licht der Sonne zauberte Schattenspiele auf den bröckelnden Putz der alten Wände.

Es kamen wieder bessere Zeiten.

Auch Rilke hatte seine „Sonette an Orpheus“ nicht an einem Tag geschrieben.

Mit diesem Meisterwerk würde sie sich jetzt zurückziehen, bei einer Tasse Tee.

Alles andere würde sich finden.

Polly

Danke an Westendstorie, für dieses schöne Projekt 🙂

Advertisements

18 Gedanken zu “Zehn Wörter – eine Geschichte…

  1. Eine wunderbare Geschichte, Polly! Darf ich Dich auf zwei Dinge aufmerksam machen: „Er war ein Narziss.“ Du meinst sicher Narzist und „Meistererk“ – „Meisterwerk“? Sorry, ich bin schrecklich, bitte lösch den Rest meines Kommentares nach der Korrektur und ich freue mich auch, wenn ich auf meinem Blog auf Fehler aufmerksam gemacht werde). Herzliche Grüße, Sylvia

    Gefällt 2 Personen

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s