Frau LollyJanePolly und das Jahr der Hiobsbotschaften (Teil 1)

Ich saß gerade am Basteltisch im Kindergarten, als meine Chefin in unseren Gruppenraum stürmte. Sie war bleich im Gesicht. Zitternd hielt sie mir das Telefon entgegen. „Deine Schwiegermutter ist dran, ich glaub es ist was mit Robert…“

Vorsichtig nahm ich den Hörer, aus ihrer Hand und hielt ihn an mein Ohr. Eine tränenerstickte Stimme am anderen Ende schluchzte mir Wortfetzen entgegen, die ich mir erst einmal zusammenreimen musste. Es war Roberts Mutter. Wie in Trance hörte ich ihr zu.

Robert lag in einer Spezialklinik. Er war auf der Arbeit böse gestürzt, und hatte schlimme Schädelverletzungen davongetragen. Die Ärzte hatten ihn daher vorübergehend in ein künstliches Koma versetzt.

Zuerst glaubte ich nicht, was ich da hörte. Es musste ein Scherz sein. Ein sehr böser Scherz. Oder eine Verwechslung. Nein, das war nicht Robert…. bitte. Das konnte nicht sein!

„Doch Polly, doch! Es stimmt! Gerade kam der Anruf von Roberts Arbeit. Du musst kommen und zwar schnell!“

Wie bitte? Nein! Ich hörte die restlichen Worte meiner Schwiegermutter nicht mehr, knallte das Telefon auf den Tisch und spurtete schnurstracks zum Auto. Im Hinausrennen rief ich meiner Kinderpflegerin undefinierbare Worte zu. Sie verstand. Alle verstanden.

Innerhalb weniger Minuten war ich auf Roberts Arbeit angekommen. Ich musste wissen, was geschehen war. Mit dem Aufzug fuhr ich bis zur Station, wo er heute morgen noch gearbeitet hatte.

Ohne anzuklopfen stürmte ich in das Schwesternzimmer. Roberts Kolleginnen schreckten auf, nahmen mich aber sofort in Empfang und versuchten mich zu beruhigen. Ich bekam eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt und einen Stuhl unter meinen Po geschoben. Dann erzählten sie mir die ganze Geschichte. Ich war fassungslos über das, was ich hörte.

Mein Mann war heute morgen verwirrt im Krankenhaus aufgetaucht. Er wusste weder auf welcher Station er arbeitete, noch konnte er sagen, wer er war. Er hatte keinen Plan. Als ihn eine Kollegin in den Ruheraum bringen wollte, geriet er in Panik, wurde frech und wehrte sich heftig. Dabei geriet er ins Straucheln, verkrampfte sich plötzlich und sackte dann zusammen. Roberts Kopf knallte mit voller Wucht  auf eine Treppenstufe. Danach rührte er sich nicht mehr.

„Wir glaubten erst, Robert hätte vielleicht ein Drogenproblem!“, führte seine Vorgesetzte weiter aus. „Aber das ist unmöglich! Wir kennen ihn doch! Dein Mann war immer zuverlässig und gewissenhaft. Der Notarzt redete von einem epileptischen Anfall. Robert hat sich beim Aufprall auf die Treppenkante eine schwere Kopfverletzung zugezogen! Ein Hubschrauber hat ihn sofort in die Uniklinik gebracht. Wir wissen nicht, was wir sagen sollen Polly, es tut uns so leid.“

„Um Himmelswillen! Nein, nein, nein…“, stammelte ich nur. Der Schock war groß und die Sorge um Robert überschwemmte mich wie eine Flut. „Ich muss los!“, rief ich und sprang vom Stuhl. Die Schwestern hielten mich zurück. In diesem Zustand war ich doch nicht fähig mit dem Auto in die Uniklinik zu fahren! Es war zu gefährlich.

Aber ich musste zu ihm, sofort!

Was tun? Ein kurzes Telefonat mit meiner Schwiegermutter regelte dann alles. Sie hatte sich schon längst um einen Fahrer gekümmert, und so saßen wir nur wenige Minuten später im Auto eines Freundes, der uns zu Robert brachte. Mörderische Stille um uns herum. Auch das Radio konnte diese Stimmung nicht brechen.

Die ganze Autofahrt über war ich aufgelöst und schluchzte. Roberts Mutter saß bei mir und hielt mich im Arm. Neben mir ein Haufen aus weißen, zusammengeknüllten Taschentüchern.

Ich hatte so Angst davor, meinen Mann zu verlieren. Ich fürchtete mich vor dem Bild, ihn hilflos und geschunden vorzufinden. Ich fühlte mich ausgeliefert. In mir war ein großes schwarzes Loch, bis zum Rand gefüllt mit Panik und Verzweiflung. Wie ein Pfeil schossen wir an Bäumen und Häusern vorbei, die Welt war entrückt.

Warum? Wir waren doch glücklich gewesen, ja… das waren wir doch…

Fortsetzung folgt.

Eure Polly

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28 Gedanken zu “Frau LollyJanePolly und das Jahr der Hiobsbotschaften (Teil 1)

  1. Danke 🙂
    …ja, ich hatte bis jetzt immer ein „aufregendes“ Leben…ein auf und ab…und viele Verstrickungen und Verkettungen…Vielleicht ist es die Mischung aus allem, die mich so hoffen, zweifeln und auch festhalten lässt an liebgewordenen Menschen, an Robert, an Mike, an allem…
    Liebe Grüße, Polly

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  2. Ich vermutete schon beim Lesen, dass es eine Geschichte aus der Vergangenheit ist – doch ich denke, es gibt Sachen, die lassen einen das ganze Leben nicht los. Leider, leider müssen sehr viele Menschen solche oder andere schreckliche Momente miterleben. Und wie gut für dich, dass es am Ende gut ausgegangen ist. – Bei vielen Anrufen oder Benachrichtigungen steht am Ende das Leiden und der Tod.

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  3. Liebe Polly,
    ich hatte nach den ersten Worten gehofft, daß Du gleich schreibst, daß Du schreiend im Bett aufgewacht bist, und alles nur ein böser Traum war.
    Erschütternd lese ich, daß Du dies alles erlebt hast. Auch wenn es schon lange her ist tut es mir leid.
    Ich bin gespannt wie es weitergeht und freue mich auf den letzten Teil, wenn ich dann lesen darf, daß alles gut ausgegangen ist.
    Ein gesundes und schönes Wochenende wünsche ich Dir und Deinem Robert.
    Lieben Gruß Isi

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    • Vielen Dank Isi, für deine lieben Worte.
      Bei uns war und wird es wohl nie langweilig 😉
      Ich hoffe auch, dass sich alles irgendwie findet. Meine Ehe? Meine Affäre? Vor allem ich mich selbst. Aber ich wäre nicht Polly, wenn ich aufgeben würde, daran zu glauben. Liebe Abendgrüße, Polly 🙂

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