Am Rande…oder, ganz in Weiß (Teil 2)

Der Tag X rückte immer näher und auch Robert schien angespannt zu sein.

Er klagte oft über Migräne und wirkte zerstreut und vergesslich, manchmal auch fahrig. So kannte ich ihn gar nicht.

„Es ist auch nicht immer alles einfach, für einen Mann, wenn er an die Leine kommt!“, scherzte meine Schwiegermutter in spe, als ich ihr davon berichtete. „Er liebt dich so! Robert ist nur immer so aufgeregt, wie ein kleines Kind.“ Damit war das Thema für sie vom Tisch, und ich beließ es dabei.

Leider sollten wir noch früh genug schmerzlich erfahren, warum sich Robert wirklich so verhielt. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Der Jungesellenabschied kam und war ein voller Erfolg. Roberts Freunde setzten ihm einen Zylinder auf, danach seiften sie ihn ordentlich ein. Später, wieder bei mir daheim angekommen, kotzte er sich erst einmal ordentlich aus. Als der nächste Morgen kam, wusste mein Zukünftiger nichts mehr, und seine Freunde schwiegen sich ebenfalls aus. Ich bohrte nicht nach.

Zwei Tage später machte ich dann mit meinen Freundinnen einen gemütlichen Kinoabend. Es war sehr schön, nur wusste ich am nächsten Tag noch alles.Trotzdem hatten wir großen Spaß, sowie den ein oder anderen harmlosen Flirt. Mit meinem kurzen Gardinenschleier und dem Faschingskrönchen, hatte ich wohl eine magische Anziehungskraft auf die Männerwelt, und es gefiel mir.

An unserem Polterabend hatten wir schon die Besen gezückt wurden aber glücklicherweise von Styroporkügelchen und Co verschont. Einzig eine alte Toilette, war zwischen den alten Tellern und Tassen, als Kuriosum an den Start gegangen. Folglich hatten wir nicht viel zu kehren und konnten auch ausgiebig mitfeiern.

Endlich kam der Samstag.

Draußen vor dem Haus wurde das Geräusch von Pferdehufen immer lauter, bis es verstummte. Kurze Zeit später schellte schon die Türklingel. Nun war es also soweit. Der Bräutigam war gekommen um seine Braut abzuholen.

Robert hatte die letzte Nacht bei seinen Eltern verbracht, und ich bei meinen. Ganz so, wie es sich gehört.

Seit dem ich aufgestanden war, herrschte Hektik. Es glich einem Hühnerhaufen, wie alle aufgeregt um mich herumwuselten und die letzten Vorbereitungen trafen. Der Morgen war aufregend und anstrengend zugleich gewesen. Die Nervosität meiner Familie steckte mich an, und zwischen Häppchen, Geschenken und Glückwunschkarten verlor ich beinahe den Überblick.

Es lag ja auch eine besondere Spannung in der Luft. Viele helfende Hände zupften und ruckten gleichzeitig an meinem Körper. Die einen halfen mir ins Kleid, andere schminkten oder frisierten mich, und endlich nach einer gefühlten Ewigkeit, stand ich herausgeputzt als Dornröschen im Raum.

Bewundert von allen Anwesenden, umrahmt vom Schluchzen meiner Mutter und umzingelt von meinen Patenkindern, die  ihrem großen Auftritt als Blumenmädchen entgegenfieberten.

Langsam und vorsichtig verließ ich die Wohnung und schritt die Treppe hinab auf die Straße, in die Arme meines zukünftigen Mannes. Er küsste mich sacht, und übergab mir meinen Brautstrauß aus lauter kleinen roten Rosen, mit einer tiefen Verbeugung.

„Du bist wunderschön Prinzessin.“ wisperte er mit erstickter Stimme. Er nahm mich bei der Hand und dann stiegen wir in die Kutsche und fuhren zum Standesamt. Gefolgt von Familie und Freunden. Nachdem der weltliche Teil unserer Eheschließung vollzogen war, hatten wir eine kurze Verschnaufpause, bevor uns in der Kirche ein festlicher Gottesdienst erwartete.

Robert und ich tauschten am Altar unsere Ringe aus. In den Bänken hinter uns schniefte es. Dann unser Hochzeitskuss. Als die Pfarrerin uns dann den Segen zusprach, musste ich auch ein bisschen weinen. Alles war wie im Märchen. Dieser Tag gehörte uns, Robert und mir.

Die Gäste in den Bänken erhoben sich und während wir unter Orgelmusik durch das Kirchenportal ins Freie schritten, befreite ich mich hoffentlich auch von der Vergangenheit. Ich war gerührt und glücklich.

Kaum waren wir im Sonnenlicht angekommen, ertönte schon ein lauter Applaus. Die lange Kirchentreppe war links und rechts von Kindergartenkindern und ihren Eltern gesäumt. Ein Lied erklang, Gedichte wurden gesprochen und einige Kinder hatten ein kleines Theaterstück einstudiert, welches sie für uns zum Besten gaben.

Jedes Kind hatte eine Rose dabei, und alle gratulierten uns persönlich. Was für ein Trubel! Überall kleine Hände, die nach mir griffen und kleine Körper, die sich an meinen Rock drückten. Nachdem sich die Aufregung etwas gelegt hatte verabschiedeten wir uns und meine Kolleginnen hatten alle Hände voll zu tun, die Kinder wieder zur Ruhe zu bringen. Aber es gelang ihnen doch, und wir konnten uns einen Weg zur Kutsche bahnen. Es war Zeit, zur Feier aufzubrechen.

Die helfenden Hände vom Morgen hielten mein Kleid und halfen mir, als ich in die Kutsche stieg. Ich war gerade dabei mich zu setzen, da sah ich ihn. Mike. Er stand am Rande der Menschenmenge, fast versteckt zwischen zwei Bäumen und sah mich ruhig aber beständig an.

Für einen Augenblick stand alles um mich herum still. Ich sah nur ihn. Seine Augen, sein Gesicht. Langsam, wie in Zeitlupe, hob er seine rechte Hand und führte sie zu seinem Herzen.

In dieser Geste lag so viel Gefühl. Unser Band, es war nicht weg. Ich konnte es nicht abschütteln. Wir beide konnten es nicht.

Als sich die Pferde langsam in Bewegung setzten, und Robert und mich in unsere gemeinsame Zukunft zogen, spürte ich etwas warmes auf meiner Brust.

Es war meine Hand, die auf meinem Herzen ruhte. Die Kutsche holperte davon, doch ich drehte mich nicht um. Ich fühlte meinen Herzschlag.wedding-559422__180

Eure Polly

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15 Gedanken zu “Am Rande…oder, ganz in Weiß (Teil 2)

  1. gertrudtrenkelbach schreibt:

    Ich denke auch an meine erste große Liebe….mit Schmerzen ehrlich gesagt. Ist schon erstaunlich wie zäh diese Erinnerung an mir klebt.

    Die Geschichte ist anrührend, liebevoll erzählt. Danke

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  2. Hat er das echt gemacht? Und war er damals auch vergeben… Es fällt manchmal unendlich schwer zu begreifen wie es sein kann dass zwei Liebende Herzen nicht zusammen finden. Ich ging immer davon aus dass die liebe siegt und ein zusammenkommen möglich…irgendeiner von beiden liebt nicht genug um zusammenzusein.

    Gefällt 2 Personen

    • Ja. Er war mit meiner Arbeitskollegin liiert.
      Ich hatte schwere Jahre, bevor wir beide uns wieder trafen. Er hatte in der Zwischenzeit Paula kennengelernt und ich Robert. Natürlich geht das Leben weiter, auch wenn man sich nach einem Menschen sehnt. Es hat sich alles anders ergeben, als es das Herz vielleicht wollte. Dann kam eines ins andere.
      Ich weiß nicht, warum wir es nicht schafften, und dennoch immer das Verlangen danach blieb.
      An meiner Hochzeit war Mike sehr gefasst, wie der da stand. Ich hätte nicht gedacht, dass er überhaupt kommt. Und dann war er da. Es war ein berührender Augenblick.
      Ich hoffe auch, dass die Liebe noch siegt. Immer noch. Aber das Leben spielt manchmal einfach anders.
      Ich gebe meine Träume aber trotzdem nicht auf. Jetzt ist Mike sehr krank, er hat große Angst vor seinem Leben.
      Da geht er lieber keine Risiken ein. Ich verstehe es sogar ein Stück.
      Auch wenn es schlimm ist. Wieder spielt das Leben anders…
      Liebe Grüße, Polly

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      • In einem Märchen, hätte die Liebe wahrscheinlich schon längst gesiegt…
        Aber eben nicht im echten Leben… oder nicht immer.
        Wer weiß, was alles noch kommt. Ich durfte ja wieder mit Mike zusammen kommen, auch wenn wieder viel Zeit bis dahin verstrichen war. Jetzt sind wir wieder fern… Ich hoffe immer weiter. Auch wenn es mich schmerzt. Eine wahre Liebe vergisst man nicht.
        Auch nicht, wenn es das Leben anders mit uns meint, und der Kopf es vernünftiger weiß.

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      • Ich glaube ganz ehrlich dass man gerade dann…wenn man schwer krank ist…Risiken eingehen sollte…denn dann ist es nötig vielleicht radikal alles zu ändern. Aber es ist seine Entscheidung…wenn er weitermachen will wie immer…macht auch seine Krankheit weiter….

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