Am Rande….oder, ganz in Weiß (Teil 1)

wedding-559422__180Im Kindergarten waren alle hellauf begeistert, von der neuen Nachricht. Polly kommt unter die Haube. Alle Kinder waren gespannt und aufgeregt, bestaunten meinen Ring und meine Kolleginnen beglückwünschten, mich zu diesem Prachtexemplar von Mann, der mich in Kürze zum Altar führen würde.

Eine Überraschung lag in der Luft, denn jedes mal wurde es in den Gruppenräumen auffallend still, falls ich einmal ungeplant eintrat. Während Paula mit den Kindern häufig in den Turnraum ging, verdonnerte mich meine Chefin im Büro zum Schreiben von Dokumentationen, Listen, oder Beobachtungen. Von dem Geschehen um mich herum wurde ich systematisch abgeschirmt.

Nur das Tuscheln der Kinder, oder ihr Glanz in den Augen verriet, dass alle hier etwas im Schilde führten, von dem ich eigentlich nichts wissen sollte.

Mike ließ sich unterdessen die ganzen Wochen nicht im Kindergarten blicken. Es war mir nur allzu recht. Nagte doch an mir immer noch das schlechte Gewissen. Täglich musste ich beobachten, dass Paula irgendetwas mit den Kindern, für mich, vorbereitete. Das machte das Ganze nicht besser. Sie gab sich solche Mühe, und ich hatte sie hintergangen. Ich schämte mich schon so genug dafür, und eine Begegnung mit Mike würde mir sicherlich den Rest geben.

Im Alltag drehte sich bei mir alles um die Hochzeitsvorbereitungen. 

Robert und ich suchten ein kleines romantisches Lokal für unsere Feier aus. Wir schrieben Gästelisten, und verschickten Einladungskarten. Freunde von uns arrangierten einen Zauberer und einen Travestiekünstler, andere übernahmen die Band und die Moderation. Der Polterabend und der Jungesellenabschied wurden geplant, und in diesem ganzen Tohuwabohu rückten die Gedanken an Mike, tatsächlich mehr und mehr in die Ferne. Jeder freute sich mit uns auf ein rauschendes Fest.

So vergingen die Tage wie im Flug.

Meine Schwester und ich, kauften ein wundervolles Brautkleid für mich. Aus Seide, elfenbeinfarben und ohne viele Rüschen. An der Taille war es eng geschnitten, der Rock weit und luftig, mit langer Schleppe. Die Korsage war mit eisblauen Blüten und Spitzen bestickt. Dazu wählte ich einen zarten langen Schleier, ebenfalls bestickt, ein Krönchen aus weißen Porzellanröschen, Handschuhe, Schmuck und, und, und…

„Was würde Mike denken, wenn er mich so erblicken würde? Würde ich ihm gefallen?“, dachte ich plötzlich, ohne dass ich es wollte. Es kam einfach über mich. Wie selbstverständlich, hatte er sich in meine Gedanken, als Bräutigam eingeschlichen. Ich schluckte und richtete mich gerade auf.

Ich würde nicht einknicken. In wenigen Tagen würde ich Frau LollyJanePolly sein.

Als Klara mich schließlich aus der Umkleide kommen sah, blieb ihr Mund offen stehen. „Wie eine Prinzessin!“, hauchte sie nur und verdrückte ein Tränchen der Rührung. Es stimmte wirklich. Ich sah aus, wie aus einem Märchen entsprungen. 

Meine blonden langen Haare, meine zierliche Gestalt und dieses Kleid machten mich zu einem anderen Wesen. Ich fühlte mich wie Dornröschen und Schneewittchen in einer Person. Alle Angst und Unsicherheit war für einen Moment vergessen.

Während die Schneiderinnen ihre Arbeit taten, den Saum absteckten und die Ärmel rafften, fühlte ich zum ersten Mal seit dem Antrag, das Gefühl von Vorfreude in mir. Freude, auf mein neues Leben mit Robert. Es musste einfach die richtige Entscheidung sein. Mit ihm war alles so gerade, so unkompliziert. Kein Auf und Ab, wie mit Mike. Nein. Es war richtig, Robert das Ja-Wort zu geben.

Mit der Zeit würde ich sicher vergessen, dass ich Mike geliebt hatte. Ich seufzte und konnte meine Unruhe kaum verbergen. Meine Schwester beäugte mich argwöhnisch. Doch als ich verkündete: „Das ist es. Dieses Kleid nehmen wir!“, verwandelte sich ihr Ausdruck wieder in ein stolzes Lächeln.

Als wir das Geschäft verließen, küsste mich Klara auf die Stirn. „Sei nicht aufgeregt, Polly. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Es wird alles gut werden. Hab keine Angst. Ihr seid ein tolles Paar.“

Ja, wir waren ein tolles Paar. Und nein, meine Schwester wusste nicht, wie sich das anfühlte. Sie wusste gar nichts. Nichts von Mike, und nicht viel von Robert. Und ich wollte es vergessen, jedenfalls für heute.

Fortsetzung folgt….

Eure Polly

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18 Gedanken zu “Am Rande….oder, ganz in Weiß (Teil 1)

  1. wer und wo bin ich… Vorstellungen… unverbesserlich…

    ———————

    Polly, du schreibst sehr schön… Dein Hauptthema zählt nicht so wirklich zu dem, was mich interessiert und dennoch lese ich es sehr gerne. Es ist die Art und Weise, wie du formulierst… Ich glaube, du könntest Bücher schreiben…

    Gefällt 1 Person

    • Unverbesserlich ? 😀
      Ja, so könnte man es nennen, jedenfalls momentan. Obwohl die Geschichte ja schon einige Zeit zurück liegt. Insgesamt schreibe ich über etwa dreißig Jahre. Alles der Reihe nach 🙂
      Ich habe dieses Blog begonnen um mit meiner Geschichte besser zurecht zukommen, und freue mich sehr, dass er von so vielen Menschen (gerne?) gelesen wird. Und für all die lieben Kommentare.
      Ich bemühe mich trotzdem, dass ich nicht nur über meine Affäre schreibe. Aber das ist natürlich der Schwerpunkt.
      Liebe, Leben, Leiden…Familie. Zumindest zur Zeit. 🙂
      Ich danke dir, und bin sehr gerührt, dass du meine Texte magst und die Art, wie ich schreibe, auch wenn nicht alles davon dein Thema ist.
      Bücher schreiben…. ja, vielleicht mache ich das eines Tages 🙂
      Ganz liebe Grüße, Polly

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