Der Antrag… oder, Rosen im Xing-Ping

Ich saß im Auto, mit pochendem Herzen und glühenden Wangen. In meinem Kopf ein einziger Wirrwarr aus Panik, schlechtem Gewissen, Liebe, Verlangen.

Die wütende Stimme, die mich immer wieder schalt: „Bist du verrückt geworden?! Was bildest du dir ein?! Sie hätte euch überraschen können, sie hätte etwas merken können! Er gehört ihr, verdammt nochmal! Was bist du, eine Femme Fatale? Nein!!! Du bist Polly! Sie ist deine Kollegin, also lass deine Finger von ihm!!!“ Und so weiter und so fort.

Ich weiß nicht, wie ich den Weg nach hause gefunden habe. Ich achtete nicht auf den Weg, nicht auf die Ampeln und die Schilder. Nur auf das Chaos in meinem Inneren. Tränen rannen über meine Wangen. Als ich ankam, blieb ich noch eine Weile im Auto, in der Hoffnung, ich würde aus diesem Traum erwachen. Doch es war keiner. Es war verdammt knapp gewesen. Und es durfte sich nie, nie wieder wiederholen! Ab heute würde ein neues Leben beginnen, ganz ohne Mike.

Entschlossen ging ich die Treppe hoch zur Tür und steckte den Schlüssen ins Loch. Dann drehte ich. Als die Tür aufsprang und ich hindurch ging, ließ ich unser Band los und ging gleichzeitig in eine neue Welt. So dachte ich zumindest.

In eine Welt, ohne diesen Mann, der mich noch vor ein paar Minuten verboten und innig geküsst hatte.

In dieser Nacht bekam ich kein Auge zu und versuchte, die Minuten im Keller zu vergessen. Ich hörte auf Roberts Atem, der ruhig neben mir schlief. Er war der neue Mann in meinem Leben. Er hatte mich gehalten, als es mir schlecht ging. Er hatte geduldig gewartet, bis ich ihm meine Zuneigung geschenkt hatte. Er teilte mit mir Freuden und Leiden des Alltages. Kochte mir Kaffee und  ließ mir ohne Aufforderung, nach einem anstrengenden Arbeitstag, ein wohliges Bad ein. Robert kümmerte sich und er sorgte sich um mich. Ich liebte ihn. Das tat ich wirklich. ER war der Richtige.

Ich musste es nur noch begreifen und akzeptieren. Und das würde ich.

Bestimmt.

Mit diesem Vorhaben begann ein neuer Tag.

Zurück aus dem Kindergarten, fand ich die Wohnung leer vor. Robert hatte einen freien Tag, und war sicher unterwegs. Ich freute mich schon auf die Ruhe, die ich gleich genießen würde und ging in die Küche, um die Kaffeemaschine anzuwerfen. Auf dem Küchentisch stand ein Strauß dunkelroter Rosen. Dabei eine Karte.

Ich öffnete sie und erkannte Roberts Handschrift. „Ich warte im Xing-Ping auf dich. In Liebe Robert.“ Auch das noch! Ich wusste nicht, ob ich mich freuen sollte. Nach diesen schrecklichen Ereignissen wollte ich lieber für mich sein. Auf der anderen Seite war das Xing-Ping mein Lieblingschinese und die Aussicht auf  knusprige Ente, oder gebackene Banane, ließ mir das Wasser im Munde zusammen laufen.

Schnell unter die Dusche und zwanzig Minuten später stand ich, grob zurecht gemacht, im Restaurant. Der Kellner begrüßte mich, als ob er auf mich gewartet hätte. Dann führte er mich durch den Raum bis in die hinterste Ecke der Wirtschaft. In eine Art Separee. An einem kleinen Tisch wartete Robert und sprang sofort auf, als er mich erblickte. Galant reichte er mir die Hand und führte mich zu meinem Platz. Nachdem ich mich gesetzt hatte, rückte Robert meinen Stuhl zurecht.

Ich betrachtete das Ambiente. Der runde Tisch war mit Rosenblättern bedeckt. Kleine Herzen aus Glas lagen verstreut dazwischen und schimmerten im Kerzenschein. Die ganze Zimmernische war in Kerzenlicht getaucht. Es duftete blumig und süß. Am Klavier, an dem ich noch nie jemanden spielen sah, saß heute ein junger Mann, und spielte romantische, leise Weisen.

Mir schwante etwas Schreckliches . Was zum Henker sollte das werden? Einerseits war ich geschmeichelt, andererseits hatte ich aber ein mulmiges Gefühl.

Der Kellner kam und tafelte auf. Champagner und Vorsuppe, danach gebratenes Gemüse, knusprige Ente, Fleisch und Fisch in allen Variationen… Es war ein Festmahl. Robert und ich aßen und unterhielten uns, als ob nichts besonderes wäre.  Er lächelte mich an und ich hütete mich davor, irgendwelche voreiligen Fragen zu stellen. Mehrmals bedankte ich mich artig für die gelungene Überraschung. Dann wechselte ich das Thema und plauderte bemüht ungezwungen von meinem Arbeitstag.

Nach dem Schmaus folgte der Nachtisch. Und was für einer! Der ältere Herr, der uns bediente, warf mir ein verschmitztes Lächeln zu, als er uns servierte.

Auf meinem Teller, zwischen Litschis und Bananen, thronte ein kleines Zuckerdöschen aus Porzellan. Ich spitzte zu Roberts Teller. Auch auf seinem Teller stand eine Dose, aus der er nun einen Löffel Puderzucker nahm, und diesen sichtlich nervös über seine gebackenen Früchte stäubte. 

„Komm iss, bevor es noch kalt wird. Sonst schmilzt der Zucker nicht  mehr.“, flüsterte er mir zwischen die Kerzen hindurch zu. Mit zitternden Händen, nahm ich den Löffel und öffnete das Döschen. Da war kein Puderzucker, sondern einen wunderschöner Ring aus Weißgold, mit einem Aquamarin und kleinen Diamanten.

Feierlich stand mein Freund auf, nahm den Ring und kniete sich vor mich hin. Der Jüngling am Klavier, haute derweil noch gefühlvoller in die Tasten. Robert räusperte sich. „Polly“, sagte er mit belegter Stimme, „ich liebe dich. Ich wünsche mir nichts mehr, als mein Leben mit dir gemeinsam zu verbringen. Du bist die Frau meines Herzens. Willst du mich heiraten?“

Obwohl ich ja schon geahnt hatte, was heute in der Luft lag, war ich perplex. Ich sah Robert, wie er mir zu Füßen lag, freute mich über diesen Schritt….. und dachte an Mike.

Mit einem Mal, erinnerte ich mich an den gestrigen Tag. Den Kuss im Keller und an mein Vorhaben. Ein Leben ohne ihn. Nein, halt! Ich war hier mit Robert. Er hatte sich so viel Mühe gegeben und es war wundervoll. Ja, das war es. Er verdiente meine Liebe.

Ohne noch weiter nachzudenken wischte ich alle Zweifel in meinem Kopf fort. „Denk daran, was du dir vorgenommen hast, Polly!“, ermahnte ich mich innerlich. Meine Augen schlossen sich kurz und hinter meiner Stirn formte ich die Antwort. Und dann sagte ich: „Ja.“

Fast tonlos kamen die Laute über meine Lippen, aber mit einer Bestimmtheit, die meine ganze Unsicherheit davon fegte.

Roberts Gesicht strahlte und vorsichtig schob er mir den Ring auf den Finger. Der eisblaue Stein auf silbrigem Metall schimmerte wie eine Träne. Dann nahm mich mein Verlobter in die Arme und küsste mich. Alle anwesenden Gäste und das Personal applaudierten und der Chef spendierte eine Runde Reiswein. Dann sprach er noch eine Toast auf uns aus. Wir gingen spät nach Hause.

Es war ein schöner Abend. Trotzdem war da ein seltsames Gefühl in meinem Bauch. Lag mir etwa der Antrag wirklich so schwer im Magen? 

Nein. Ich hatte nur zu viel gegessen.

Ja. So war es sicher gewesen.

Eure Polly

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12 Gedanken zu “Der Antrag… oder, Rosen im Xing-Ping

    • Weil das in der Realität nicht ganz so einfach ist 😀 besonders nicht, wenn jeder sein Revier verteidigen will.
      Für mich wäre es natürlich optimal gewesen. Hätte viel Kummer erspart. Jedem von uns. Und es bricht auch mit allen Konventionen. Zu dritt wirklich glücklich zu leben, ist vielleicht machbar, aber es wäre ein langer und steiniger Weg. Ich habe schon einige Berichte darüber gelesen. Geliebte arrangieren sich…. bei mir kam es anders. Liebe Grüße, Polly

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      • Die Lösung mit den zwei Männern finde ich auch nicht schlecht… allerdings ist ja hier auch noch eine zweite Frau im Spiel, und die wäre vermutlich nicht so ganz einverstanden damit, oder?
        Steinig ist der Weg so oder so, wenn man zwei Männer liebt (oder Frauen)… aber langweilig wird es mit Sicherheit nicht…
        Liebe Grüße, Hannah

        Gefällt 1 Person

        • Ich glaube nicht, dass sie damit einverstanden wäre. Ich verstehe sie auch. Ich würde Mike auch nicht teilen wollen, schon gar nicht am Anfang einer Beziehung, die alles andere als einfach ist. Robert und ich haben uns auseinander gelebt. Da ist es zwar nicht unbedingt besser, aber anders.

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      • Ja, es ist schwer. Ein Leben ohne Probleme, verpasste Gelegenheiten und steinige Wege gibt es ja wohl nicht. Aber immerhin hat man die Möglichkeit zu lernen, zu versuchen und es vielleicht dann doch mal anders zu machen.
        Ich stelle mir ein Leben zu dritt, zu viert oder mit noch mehr Menschen sehr schön vor. Aber gelebt habe ich es auch noch nicht. In Ermangelung von Menschen, die daran überhaupt Interesse haben.
        Ich bin gespannt, wie deine Geschichte weiter geht.
        LG
        Leander

        Gefällt 2 Personen

  1. Liebe Polly,
    hab heute deinen blog entdeckt und in einem durchgelesen (bzw hattest du mich ja vorher entdeckt :).
    Wir hatten zurselben Zeit Herzschmerz – das allein schon finde ich sehr versönlich mit dem Schmerz, er ist irgendwie in uns allen angelegt, ganz archetypisch!
    Ich würd dir gern sagen wie reich du eigentlich bist – du hast geliebt, du liebst, du wurdest geliebt und du wirst geliebt.
    Nicht immer alles zurselben Zeit und von der ‚Wunschquelle‘ – aber du bist reich beschenkt worden.
    Hoffe es gelingt dir den Schmerz loszulassen.
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank für deine Worte und dein Mitgefühl. 🙂
      Ja, du hast recht. Ich war und bin reich beschenkt, auch wenn nicht immer alles so ist, wie wir es uns ersehnen.
      Ich weiß nicht, ob es mir je gelingt, Mike jemals wirklich und endgültig loszulassen. Bis jetzt war er ein Teil von mir, auch in der Ferne.
      Aber ich hege keinen wirklichen Groll, auch wenn es schmerzt. Dafür liebe ich und verstehe zu gut, was es heißt Angst vor der Zukunft zu haben. Ein Stück Hoffnung bleibt wohl immer.
      Ich glaube an das, was uns verbindet.
      Der Schmerz wird weniger werden, da bin ich sicher. Egal wie.
      Das Niederschreiben hilft mir, dies alles besser zu verstehen und mein Herz ein Stück vom Kummer zu befreien.
      Ich werde sehen, wie es weitergeht. Und es wird gut werden, egal wie es dann ist. Ich hoffe und wünsche dir, dein Herz ist oder wird auch wieder froh. Liebe ist wunderbar.
      Schöne Abendgrüße, Polly 🙂

      Gefällt 2 Personen

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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