Freitag, 7.55 Uhr

Mein Handy brummt.

Eine Nachricht von dir: „Was machst du gerade? Kann ich vorbei kommen?“

Ich schlucke. Was soll das? Ohne zu antworten gehe ich ins Bad.

Nach dem Zurückkommen erwarten mich zwei neue Nachrichten: „Bitte, geht es dir gut? Kann ich vorbeikommen?“

Ohne zu überlegen tippen meine Finger eine Antwort. Sie ist kurz und knapp und lautet: „Warum?“ Mehr nicht.

Postwendend leuchtet das Display. Darauf die Worte. „Weil ich dich unbedingt sehen will.“

Ich schalte das Handy aus. Was soll das? Was willst du? Mit einer Tasse Kaffee setze ich mich auf meinen Lieblingsplatz, schlürfe an dem Gebräu und weine still vor mich hin.

Nein! Du kannst nicht einfach so vorbeikommen! Was bildest du dir ein??? Ich sitze da, wie ein Häufchen Elend, alles was ich die letzte Zeit aus meinem Herzen verbannen wollte, überrollt mich jetzt mit einer unglaublichen Macht. Nur Wegen dir! Blödmann! Durch deine wenigen, dummen Worte! Ich will sie nicht! Naja…vielleicht ein bisschen… oder andere…vielleicht…Ach, ich weiß doch auch nicht!!! Ich bin verletzt, ich heule, das weiß ich! Das spüre ich jeden Tag.

Ich bin allein. Zum Glück. Die Kinder sind in Köln bei meiner Schwester, Robert ist auf der Arbeit. Da kann ich meinen Gefühlen also freien lauf lassen und keiner stört mich dabei. Keinem bin ich Rechenschaft schuldig. Und so schluchze ich, was das Zeug hält. Meine Augen sind schon ganz verquollen. Da plötzlich ertönt die Türklingel . Gerade jetzt. Das passt ja. Sicher die Post. Hoffentlich mein Paket, mit neuen Farben und dem sauteuren Papier. Wenigstens was, an diesem beschissenen Tag…

Ich schleppe mich mühsam zur Sprechanlage. „Bitte?“, quetsche ich die einzelnen Buchstaben aus mir heraus. Hm. Nichts. „Bitte?“, frage ich nun etwas lauter.

Dann der Schock! „Ich bin es. Bitte, lass mich rein.“

Nein! Das kann nicht sein! Ich erwarte Post! Nicht dich! Ich bin perplex und kann nichts sagen, starre nur den Hörer an. Gedankenverloren streicheln meine Finger sanft über den Kunststoff, während schon wieder die Tränen kullern.

„Polly, bitte.“, höre ich aus der Ferne dumpfe Worte. Worte mit deiner Stimme. Sie ist es wirklich, sie klingt nach dir. Du bist da, vor der Tür. Nicht die Post.

Erst bin ich unfähig mich zu rühren, alles ist wie in Zeitlupe. Dann knalle ich den Hörer auf und sinke auf den Boden. Es klingelt. Aber ich gehe nicht ran, sondern flitze zum Fenster und schaue hinaus. Ich warte…gut..du läufst also nicht vorbei. Dann bist du noch da…. Was mach ich jetzt? Ich stelle mich an meine Wohnungstür und drücke mein Ohr dagegen. Dann geht der Summer.

Hast du etwa bei meinem Vater geklingelt? Bist du verrückt!? Ich nehme eine kurze Unterhaltung im Treppenhaus wahr, dann Schritte die nach oben kommen.

Mein Herz weiß nicht, ob es rasen, oder einfach lieber stillstehen soll. Dann Stille. Du bist vor meiner Tür angekommen. Eine Weile tut sich nichts, dann ein zartes Klopfen. „Polly, bitte. Ich weiß, du stehst hinter der Tür. Ich möchte dich nur sehen. Mehr nicht. Bitte.“

Du, bei mir im Treppenhaus. Das ist gar nicht gut. Mein Vater hat sicher schon seine Elefantenohren ausgefahren und lauscht. Gut, dann ist es besser, du bist in der Wohnung, als stehst davor.

Zaghaft öffne ich. Wirklich. Du bist da und schaust mich mit deinen braunen Augen an.Ich gehe wortlos in die Küche, koche Kaffee. Es ist wie eine kleine Flucht. Du legst deine Jacke ab und die Schuhe. Jetzt stehst du hinter mir und Wasser läuft über mein Gesicht, tropft von meiner Nase, auf die Arbeitsfläche. Ich kann es nicht stoppen und entwinde mich prompt aus deinen Armen, die mich von hinten halten wollen.

Nein. Lass das. Bitte. Ich muss diese Worte nicht sagen, du hast sie auch so gehört, und weichst einen Schritt zurück. Wir gehen ins Wohnzimmer. Dort setze ich mich weit weg von dir. Du betrachtest mich, die ganze Zeit. Wir schweigen.

Dabei versuche ich, mein Weinen in den Griff zu bekommen. Es gelingt nicht.

Du fragst vorsichtig, wie es mir geht und nimmst hin, als ich nicht antworten kann. Ich kann auch nichts fragen. Meine Kehle ist wie zugeschnürt.

Deine Hand deutet auf den Platz neben dir. Da soll ich mich hinsetzen?  „Warum?“, schnieft eine zittrige Stimme, die zu mir gehört.

Du seufzt, weil es schöner sei. Mehr nicht. Da bleibe ich, wo ich bin, und wir schweigen weiter. Aber diese Stille ist nicht unangenehm. Sie ist einfach nur still. Es ist schön, dass du da bist, auch, wenn ich weinen muss.

Plötzlich stehst du auf. Du kniest dich vor mich hin. Ziehst mich nach vorne und ich spüre deinen Kopf auf meinen Bauch. Deinen warmen, schweren Kopf. Du drückst mich an dich. Mein Körper ist wie Watte, meine Finger krallen sich in die Couch und ich kann meine Arme nicht um dich legen. Es geht einfach nicht.

So sitzen wir da. Lange. Du hältst mich fest, und schmiegst dich an mich. Deine Augen geschlossen, sagst du kein Wort.

Ich merke, wie du sanft meinen Rücken streichelst, aber weiter gehst du nicht. Das ist beruhigend, aber entspannen kann ich mich trotzdem nicht. Wie auch? Es ist paradox. Ich kann das, was geschieht gerade nicht einordnen. Ich frage mich nur, was das soll? Was ist das hier? Warum tust du das? Und verdammt, warum sagst du nichts!?

Die Zeit vergeht wie im Flug. Drei Stunden sind schon vorbei. „Ich muss jetzt gehen, leider. Danke Polly.“ Auf diese Worte hin, ziehst du dich an. Ich folge dir bis zur Tür. Du schaust erwartungsvoll zu mir, senkst deinen Kopf herab. Schnell weiche ich zurück und weine. Schon wieder! Mist! Ich kann das nicht. Nicht so!

Also nimmst du mich in den Arm. „Bis bald, ich bin leider kein großer Redner.“, höre ich dich sagen. Dann fällt die Tür ins Schloss. Ich liebe dich so.

Mein Handy brummt. „Ich habe mich sehr gefreut, danke.“

Aha…gefreut. Ja bitte.

Ich antworte nicht. Ich kann nicht, stattdessen bleibe ich mit tausend Fragen zurück. Und mit dem Gefühl, das immer bleibt.

Es lag Liebe in der Luft. Wir haben es beide gefühlt. Warum kannst du sie nicht einfach greifen? Ich halte sie fest, aber nicht allein. Das schaffe ich nicht. Wir beide müssen es tun. Nur so geht es. Bitte.

Heute dann die Worte: „So gefällst du mir nicht. Du hast dich verändert.“

Nein. Ich habe mich nicht verändert. Das habe ich nicht. Es geht nur nicht alles spurlos an mir vorüber… .

Polly

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10 Gedanken zu “Freitag, 7.55 Uhr

    • Ich danke dir. Ja, vielleicht ist es mutig…. ich weiß es nicht. Es gibt mir Kraft und kostet Kraft. Aber ich kann es besser realisieren, wenn ich alles nieder schreibe. Schön, dass du mit dabei bist. Liebe Grüße, Polly

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