Lange Monate…oder kurz: umgehauen

fairy-tales-537198_640

Nach unserer Zusammenkunft im Kindergarten kehrte allmählich wieder der Alltag ein. Paula und ich waren ein gutes Team, und ich bemühte mich bei ihren privaten Erzählungen nicht so genau hinzuhören, oder einen schnellen Themenwechsel herbei zu führen. Ich mochte sie wirklich. Es war einfach Schicksal, dass wir beide den selben Mann  anziehend fanden, und wir auch alle drei  hier im Kindergarten aufeinander trafen. Dafür konnte keiner was.

Mike brachte Paula wieder ab und zu zur Arbeit, manchmal kam er mit herein.Wir grüßten uns freundlich, wechselten den ein oder anderen wärmenden Blick, sprachen über Belangloses. Mehr nicht. Er war Paulas Freund, und sie war meine Kollegin. Diese beiden Tatsachen hielten die gröbsten Gefühle im Zaum.

Bis zu dem Tag, als wir von einer ortsansässigen Möbelfirma ein Futonbett gespendet bekamen. Es diente dort lange als Ausstellungsstück, und war wohl ein absoluter Ladenhüter. Im Team wussten wir erst nicht so recht, was wir damit anfangen sollten. Wir waren ein Kindergarten und kein Hotel. Aber als ländlicher Kindergarten, waren wir mit unseren vier Gruppen recht groß. Sollten wir das Bett also annehmen? Meine Chefin machte dann den entscheidenden Vorschlag. Es sollte in einen unserer Intensivräume kommen. Als Ruheinsel, als Lese-Ecke. Gut. Alle waren einverstanden.

Nun galt es den Transport und den Aufbau zu organisieren, denn dieser war in der Spende nicht mit inbegriffen. Paula würde ihren Vater um Hilfe bitten, ihren Bruder und Mike.

Und so geschah es, dass eine Woche später, Paulas Männer anrückten. Sie hatten einen Transporter organisiert und das Bett in Einzelteilen beim Möbelhaus abgeholt. Jetzt hieß es erst einmal, alle Teile durch die Tür zu bekommen und dann im Intensivraum unserer Sternchengruppe zusammen zu schrauben. Paula war gerade dabei unsere jüngsten Kinder zu wickeln, als es klingelte. Deshalb ging ich zur Eingangstür öffnete sie, und hakte sie ein, um sie am Zufallen zu hindern. Mike stand davor und grinste. „Zuerst die Matratze“, sagte er kurz und lief zurück zum Transporter.

Paulas Bruder stand schon bereit und gemeinsam trugen sie die Matratze in Richtung Tür. Mike vorneweg. Ich war schon im Begriff wieder in meine Gruppe zu marschieren, als ich aus dem Augenwinkel sah, wie die Tür sich löste und drohte, sich zu schließen. Instinktiv drehte ich mich um, flitzte zurück um sie aufzuhalten.

Dummerweise war da schon die Matratze halb im Weg, dann wieder die Tür, dann Mike, der mich hinter dem Ungetüm nicht sah. Es ging ziemlich schnell und ich merkte nicht viel.

Leise Stimmen drangen an mein Ohr, als ich die Augen öffnete. Ich befand mich mit hochgelagerten Beinen auf der  Couch unseres Personalraumes. „Sie ist wieder wach! Oh mein Gott, zum Glück! Polly? Hörst du mich?“ Es war Paula, die sich über mich beugte und schrie. „Hrrmpf“, murmelte ich nur und blinzelte. War war denn geschehen? Was machte ich hier? Paula sah mich erleichtert an: „Du warst plötzlich in der Tür, Mike hat dich nicht gesehen. Er hat dich umgerannt.“ Vage Erinnerung drang in meinen Kopf. Es war vielmehr so, dass ich in meinem Eifer, die Tür aufzufangen, gegen Mike gerannt war, als er mit der Matratze gerade hereinkommen wollte.

„Du bist auf den Hinterkopf gestürzt“, führte meine Kollegin weiter aus. „Dann hast du dich nicht mehr gerührt. Wir haben dich auf die Lümmelcouch gepackt, und wollten gerade den Notarzt rufen.“ „Ist nicht nötig“, sagte ich. Mein Kopf brummte zwar, aber ich wollte keinen Arzt. „Es geht mir gut.“ „Sicher Polly?“ Die Stimme meiner Chefin klang streng. „Das ist ein Arbeitsunfall. Nicht, dass du es später bereust! Und wir alle auch!“ „Nein“, beharrte ich. „Alles ok. Wenn noch was nachkommt, kann ich immer noch zum Arzt. Ich nehme es auf meine Kappe.“

Paula ging zur Tür. „Ich hol dir mal einen Eisbeutel und sag Mike Bescheid. Der ist total erschrocken.“ Damit verließ sie das Zimmer. Meine Chefin folgte ihr. Mann, tat das weh! Aber ich wollte mir keine Blöße geben. So ungeschickt konnte auch nur ich sein! Die Tür öffnete sich und Paula brachte mir das Eis für meine Beule. „Mike kommt gleich. Er will nach dir sehen. Ich lass dich jetzt allein und geh mal zu unseren Kids. Brauchst du noch was?“

Während ich tapfer lächelte versicherte ich, dass ich wunschlos glücklich war. Die Kinder brauchten sie nun mehr als ich. Ich schloss die Augen, und hörte noch, wie die Tür ins Schloss fiel. Dann spürte ich eine zarte Berührung auf meiner Wange. „Hey, Polly. Was machst du denn für Sachen. Alles ok?“ Mike saß neben mir , sein Finger streichelte sanft von meiner Schläfe, zu meinem Kinn. „Unkraut vergeht nicht“, flüsterte ich und versuchte mich nur auf dieses Gefühl zu konzentrieren. „Es tut mir so leid. Ich hab dich nicht gesehen. Ich…“ „Psst… Alles ist gut.“ Ich wollte nichts hören, nichts sehen, nur spüren. Spüren, wie seine Hände mich berührten, nach so langer Zeit.

„Meine Kleine…“ Mike drückte seine Lippen auf meine Stirn. Er vergrub seine Nase in meinen Haaren, küsste meine Augen. Mein Körper vibrierte. Eine Welle von Wärme durchflutete mich. Dann nichts mehr, nur Kälte. Ich schlug die Augen auf. Mike stand am Fenster. Als er sich umdrehte, sah ich wie aufgewühlt er war. „Polly, so geht das nicht! Du…“, mit diesen Worten verließ er den Raum.

Alles in mir drehte sich. Mike, Mike, Mike…hallte sein Name in meinem Kopf. Wie würde es weiter gehen… würden wir es schaffen? Würden wir standhaft bleiben? Ja. Das würden wir. Das mussten wir. Vielleicht…

Eure Polly

Advertisements

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s