Ein Märchen vom goldenen Samenkorn

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Vor langer, langer Zeit als die Menschen glaubten, noch die Sprache des Herzens zu kennen, fand ein Gärtner auf einem Wege ein kleines goldenes Samenkorn.

Es gefiel ihm sehr. Sogleich packte ihn die Neugier und fragte er sich, was wohl aus ihm  hervorkommen würde. Voll Vorfreude hob er den Samen auf und nahm ihn mit in seinen Garten. Dort suchte er den schönsten Platz, pflanzte ihn ein und wässerte ihn gut.

Fortan kam der Mann jeden Tag zu der Stelle, um das Körnchen zu hegen und zu pflegen. Er jätete und goss, er sorgte für freie Sicht zum Himmel. Ja, er redete sogar mit ihm. Erzählte Geschichten von der Welt, und davon, wie sehr er den Samen schätzte und wie er ihm am Herzen lag. Seine Spannung wuchs von Tag zu Tag. Dem Gärtner war, als sei es ihm unmöglich zu warten, bis sich endlich die ersten Blättchen zeigen würden. So große Sehnsucht hatte er danach.

Wie freute er sich, als eines Tages zart und unscheinbar, das erste langersehnte Grün aus der Erde spross. Jetzt ging der Mann noch öfter zum Beet um nach dem Rechten zu sehen. Er pflegte den Keim mit Hingabe und düngte ihn fleißig. Bald würde das Pflänzchen blühen! Als es dann endlich soweit war, und der Gärtner eines Abends die goldene Blütenknospe erblickte, war sein Herz so voller Freude und Liebe, dass er meinte es würde ihm jeden Moment aus der Brust springen.

Es war als ob die Blume diese Freude gespürt hätte. Augenblicklich öffnete sie sich für ihn und zeigte ihm ihre volle Schönheit. Ein köstlicher Geruch strömte von ihr aus. Die Blüte wirkte stark, aber zugleich zart und zerbrechlich. Der Gärtner verzehrte sich nach ihrem süßen Duft und wollte ihn genießen, solange es ihm irgend möglich war. Er hatte Angst die Blume könnte gar zu schnell verwelken. 

So kümmerte er sich hingebungsvoll um sie und ergötzte sich  im Gegenzug an ihrer Anmut und Schönheit. 

Alsbald aber merkte er, dass die Blume nicht verwelkte. Wann immer er zum Garten kam, war sie noch von gleicher Kraft und Schönheit. Sie reckte ihm ihre Blüte und die Blätter entgegen, neigte ihren Stängel und tanzte dabei lustig im Wind. Es schien als freute sie sich über seine Gesellschaft und brauchte sie ebenso, wie er die ihre. Und, das Pflänzchen liebte ihn wohl und wollte ihn mit seiner Hingabe beschenken, und damit glücklich machen.

So verging die Zeit. Aber mit ihr auch die Sorgfalt. Der Gärtner wurde der Arbeit müde. Es begab sich, dass er immer seltener nach dem Pflänzchen schaute, um sich darum zu kümmern. Wenn es ihm nach ihrem süßen Duft verlangte, konnte er sich an ihm laben. Die Blüte war doch immer voll und schön. War es nicht jedes Mal so gewesen, ob er sie sorgsam pflegte oder einmal nicht? Warum also mehr Arbeit tun, als nötig war? Warum sich mehr Mühe machen als verlangt?

Gesagt getan. Von nun an beobachtete der Mann den Himmel, und wenn er glaubte es würde regnen, sparte er sich nun den Gang zum Beet. Er überließ es der Natur, das Ihre beizutragen. Er jätete auch nicht mehr so sorgfältig und mochte auch nicht mehr soviel mit den Pflänzchen sprechen. Hatte er es doch schon genug mit Worten und Liebe umgarnt. Er fand es genüge, nun ab und an vorbeizuschauen und die Disteln zu entfernen, die dem Blümchen immer mehr den Blick zur Sonne nahmen.

Und so wurden die Besuche des Gärtners immer seltener.

Freilich hatte er sein Pflänzchen lieb. Es war doch in seiner Art eines der besten Gewächse, die er besaß. Robust, pflegeleicht und dennoch wunderschön. In seinem Beet glaubte er es in Sicherheit. Er konnte seinem Liebreiz frönen, sich stärken und ergötzen, wann immer er wollte, ohne dass er viel dazu beitragen musste. Die Blume schenkte sich ihm, mit tiefer Hingabe und in ihrer ganzen Pracht.

Als sich der Gärtner nun, eines lauen Abends, am lieblichen Duft der Blüte gelabt hatte, wollte er wie immer schnell weiterziehen. Dabei übersah er in seiner Eile den kleinen Wurm, der sich neben dem Pflänzchen in die Erde grub.

Es verging Sonnenaufgang um Sonnenaufgang.

Wohl bemerkte der Mann bei seinem nächsten, hastigen Besuch, dass plötzlich etwas anders war. Die Blüte hatte ihre goldene Leuchtkraft ein wenig verloren und auch ihr Duft war nicht mehr so betörend.Er schaute sich aber kurz um, befand den Boden genügend feucht, und so ging dann hurtig seiner Wege. Ohne sich noch einmal umzudrehen.

Hätte er verweilt, hätte er gesucht, hätte er sich gebückt und sich gekümmert, er hätte wohl den Übeltäter gefunden. Den Wurm, der ein großes Loch in die Erde gewühlt hatte. Es war nur von einem Urkräutlein verdeckt gewesen, und deshalb auf den ersten Blick nicht sichtbar für die Augen. 

Die nächsten Tage ging es dem Pflänzchen schlecht und immer schlechter. So nahm der Gärtner doch,nach langem Zögern, seinen Spaten in die Hand, und grub die Wurzeln schließlich aus. Ob sich die Mühe lohnte um der Ursache auf den Grund zu gehen? Und wirklich, er fand den Wurm! Sobald er ihn hatte, tat es ihm gar leid, dass er nicht schon eher nach dem Übel gesucht hatte. Er schämte sich und nahm sich vor, in Zukunft wieder besser für das Blümchen zu sorgen.

Aber alle Arbeit ist schwer, und als die Blüte ihn wieder über und über mit ihrem süßen Duft verwöhnte, überließ der Mann das Pflänzchen wieder mehr und mehr den Gewalten der Natur. Ohne sich zu sorgen. Den Wurm hatte er ja gerade noch rechtzeitig entdeckt gehabt, und die Wurzeln schnell von ihm befreit. Nur hatte er dabei das Nest in der Erde nicht bemerkt, das der Wurm gebaut hatte. Und mit einem Male machte sich die Würmerbrut über die geschwächten Wurzeln her.

Als der Gärtner sich nach langem wieder einmal nach der Blüte verzehrte, und er zu der Stelle trat, fand er nichts mehr, als ein Häufchen Kraut. Braun und dürr. Ein Bißchen haftete noch der liebliche Geruch daran, aber es war zu spät.

Diese Blüte gab es kein zweites Mal, so sehr der Gärtner auch suchte, er fand keinen solchen Samen mehr. Das goldene Körnchen war einzigartig gewesen. Es hatte sich ihm nur ein einziges Mal geschenkt, und dann nie mehr wieder.

Polly

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2 Gedanken zu “Ein Märchen vom goldenen Samenkorn

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