Warum es besser SO ist

„Ich habe lange hin und her überlegt, ich  bin mir wirklich unschlüssig“, schrieb Mike an dem Tag, als sich unsere Wege trennten.

Noch vor kurzem war an eine Beziehung für ihn generell nicht zu denken. Sein Leben so schon kompliziert genug, wie er immer betonte. Deshalb hielt ich mich in meinen Äußerungen, im Bezug auf ein Leben mit ihm, immer mit Bedacht zurück. Ich wollte in meinem und in seinem Leben auf keinen Fall etwas überstürzen. Unüberlegte Handlungen waren in unserer Situation fehl am Platz.

Er hat es wirklich nicht leicht, dachte ich immer. Stress war absolutes Gift für ihn. Und davon hatte er weiß Gott schon genug. Ich bot ihm meine Hand und Hilfe an, aber ohne ihn je unter Druck zu setzen. Vielleicht war das ein Fehler. Ich wollte nicht klammern. Seit der schlimmen Diagnose, er habe eine sehr seltene, progressive Muskelkrankheit, ging es in seinem Leben stetig bergab. Und er war auf der Suche nach seiner Zukunft.

Die Trennung von seiner Frau, keine eigene Wohnung, teure alternative Behandlungen, nicht genug Geld, immer weniger Arbeitskraft… immer weniger Selbstständigkeit, immer weniger Beweglichkeit…die Liste der Sorgen war lang. Und es war in absehbarer Zeit keine Besserung zu erwarten. Keine der bisherigen Behandlungen schlug wirklich an und vermochte die Krankheit zumindest zu stoppen. Noch kam er zurecht, aber wie lange noch? Seine Arme zeigten mehr und mehr Symptome, und die linke Hand konnte er für die alltäglichen Handgriffe kaum noch gebrauchen.

Jetzt wird er es mit ihr probieren. Vielleicht eine Flucht in einen sicheren Hafen. Jana, die Tochter des neuen Freundes seiner Mutter. Die ihn schwesterlich bei sich aufgenommen hatte, als er zuhause ausgezogen war…. nur vorübergehend, auf der Couch.

„Ich fühle mich wohl bei ihr, sie achtet auf mich und ich bin ihr nicht egal. Sie kümmert sich um mich. Das nehme ich an. Auf Dauer kann ich mit meiner Krankheit nicht alleine bleiben. Ich könnte mir auch mehr vorstellen. Dort bin ich gut aufgehoben.“ Als ich diese Nachrichten las, stiegen mir Tränen in die Augen. Er geht den bequemsten Weg. Dort ist er gut aufgehoben. Das stimmt.

Trotzdem. Ich hätte mein Leben für ihn, von heute auf morgen geändert. Seine Krankheit spielte nie eine Rolle für mich. Es wäre ihm bei mir doch nicht schlechter gegangen! Auch wenn es bis dahin nicht leicht geworden wäre, und alles andere als ruhig. Ich hätte es gewagt. Mit ihm. Wenn er mir nur einmal gesagt hätte, er wollte es auch. Ich wusste, er hat Angst vor der Zukunft. Aber er war nie ein Mann der großen Worte, viele seiner Wünsche und Ängste behielt er in den letzten Monaten für sich. Und ich war wohl auch zu leise. Ich drängte ihn nicht.

Damit ich selbst leichter begreife, was ihn zu diesem Schritt bewog, sehe ich also den Tatsachen ins Auge. In einem lichten Pollymoment. Ohne rosarote Brille.

Darum ist es besser so:

Jana: über zehn Jahre jünger als ich, dunkle lange Locken, eingebunden in die Familie, Single mit Wohnung, fester Schlafplatz, kümmert sich, versorgt ihn, Halbtagsjob (bedeutet mehr Zeit für alles).

Vor einiger Zeit war er bei ihr untergekommen, sie haben also schon zusammen probegelebt. Und jetzt kann er dort einfach weiterleben, ohne Umzug, ohne Stress.Von der WG in eine Beziehung, einfach rüber rutschen. Von der Couch ins Bett. In eine neue Familie. Einfach so.

Polly: knapp 40, blond, verheiratet, Kinder und Kegel, WG mit meinem Ehemann, Ex-Erzieherin von Mikes Kindern, Ex-Arbeitskollegin von Mikes Ex-Frau, würde überraschend aus dem Nichts auftauchen, Vollzeitjob (also weniger Zeit für alles).

Aber hätten wir es deshalb nicht geschafft? Doch, hätten wir. Ich weiß es. Weil ich es wollte. Es wäre freilich nicht der bequemste Weg gewesen. Wir hätten nicht einfach still und leise hineinrutschen können, in eine Beziehung. Es hätte Stress bedeutet, den er jetzt nicht brauchen kann. Wir hätten uns anstrengen müssen, alles neu zu gestalten. Vielleicht erst einmal in getrennten Wohnungen…. bis er zu sich gefunden hätte. Mit Umzug, Kummer und Schmerz, dann auch mit Aha-Effekten und Erklärungen. Aber mit Herz und Gefühl. Ich glaube es. Es wäre gut geworden. Und ich weiß, dass unser Weg hier noch nicht zu Ende ist.

Aber trotzdem, alles hat seine Grenzen. Ich habe Grenzen, die sieht er nicht. Nur seine eigenen. Er bockt lieber, als sich an seine eigene Nase zu fassen. Und echte Konsequenzen daraus zu ziehen. Wie auch immer sie dann sind.

Er weiß es selbst. Er vermisst mich…Sie streiten  zu viel…auch wegen der Kinder…nicht das Gelbe vom Ei.

Auch wenn es jetzt besser SO ist. eye-609987_640

Eure Polly

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2 Gedanken zu “Warum es besser SO ist

Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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