Viel zu lange….oder als wir uns endlich wiedersahen

Die folgenden Monate waren schrecklich. Ich lebte an der Seite von Verbrecher-Frank. Freiwillig (!), wie ich mir immer schmerzlich vor Augen halten musste.

Hätte ich doch nur nicht auf den sturen Bock in mir gehört….Zwar wohnte ich offiziell noch bei meinen Eltern, aber die meiste Zeit verbrachte ich bei Frank. Und das nicht, weil es mir dort etwa besser gefallen hätte. Ich fühlte mich verantwortlich. Verantwortlich dafür, wenn er wieder einmal über die Stränge schlug und ich nicht aufgepasst hatte. Er war kein angenehmer Zeitgenosse. Versoffen, verlogen und gewaltbereit. Und trotzdem hatte er mich gefangen. In einem Netz aus Mitleid und Hoffnung, aus Angst und Sucht.

Ich wollte ihn retten. Dabei vergaß ich mich selbst. Vernachlässigte meine Freunde, meine Schule, geriet immer weiter hinein in den Strudel, in den mich Frank mit riss.

Wie oft dachte ich in dieser Zeit an Mike. Ich vermisste ihn. Ich war so dumm gewesen, dass ich uns keine Chance gegeben hatte. Wie oft dachte ich an den leeren Blick in seinen Augen, als ich ihn auf der Treppe zurückließ. Ich wollte ihn wiederhaben, aber ich konnte meinen Inneren Schweinehund nicht überwinden, und ihn um Verzeihung bitten. Außerdem, auch wenn ich es getan hätte, Frank hatte mich mit seiner Sucht so im Griff, dass ich es nicht wagte ihn auch nur eine Stunde aus den Augen zu lassen. Geschweige denn mich mit einem Anderen zu treffen. Mein Freund hätte mich unsanft in die Schranken gewiesen, da konnte ich sicher sein, und davor hatte ich Angst.

Doch zu meinem „Glück“ war Frank ein echter Krimineller, darum war es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder hinter schwedischen Gardinen verschwand. Und das war meine Chance. In der Zeit, als er im Knast saß, konnte ich mich Stück für Stück von ihm befreien. Ich genoss  meine wiedergewonnene Freiheit und hatte die ein oder andere Liaison. Und ich dachte so oft an Mike.

Mittlerweile hatte ich herausgefunden, dass er liiert war, was mir ziemlich Herzschmerz bereitete. Ich vermisste ihn, war mir aber auch meiner Schuld bewusst. Ich konnte doch nicht einfach aus dem Nichts bei ihm antanzen und erwarten, dass er mich mit offenen Armen empfing. Also tat ich nichts, außer davon zu träumen, wie es wäre, ihn wiederzusehen.

Und dann wurde das Unmögliche wahr. Jedes Jahr im Mai fand in unserem Freizeitpark ein kleines Fest statt. Mit Bierzelt und Musik, mit Losbuden und Tam Tam. Ich hatte eigentlich keine besondere Lust an diesem Abend. Das Wetter war trüb und alles andere als frühsommerlich, aber meine Freundin Sonja ließ mir keine Ruhe. Sie quengelte so lange an mir herum, bis ich mich doch in Schale warf und wenige Minuten saßen wir im Bierzelt, zwischen all den Leuten, die sich mit vollen Krügen zuprosteten und nach der Musik schunkelten.

Sonja war voll in Fahrt und flirtete mal hier und mal da. Langsam war ich es leid ihr dabei zuzusehen. Die Gedanken an Verbrecher-Frank, die letzten Monate und an Mike holten mich ein. Missmutig beschloss ich mir die Beine zu vertreten und mir dabei noch eine Mass Bier zu besorgen. Also stellte mich tapfer an die Endlosschlange beim Ausschank an und ließ meinen Blick über die Menge angetrunkener und feiernder Menschen schweifen. Aber den, den ich suchte, fand ich  nicht.

Plötzlich hinter mir ein Räuspern, es klang so vertraut und mein Puls ging augenblicklich schneller. Konnte das Mike sein? Den ganzen Abend hatte ich immer wieder nach ihm Ausschau gehalten und gehofft, er wäre hier, aber ohne Erfolg. Und jetzt? „Hi Polly“, hörte ich seine Stimme dicht hinter mir. „Wie geht es dir? Du siehst gut aus.“ Verlegenes Schweigen. Ich konnte ihn nur anschauen und brachte keinen Ton hervor. Seine mokkabraunen Augen, die mich so warm betrachteten, seine Grübchen auf Wangen und Kinn, seine vor Aufregung rotgefleckte Haut. Seine braunen Haare waren lang gewachsen und hingen ihm ins Gesicht. Sie reichten bis zum unteren Rücken. Er trug enge Jeans und eine Metal-Kutte. Wie viel Zeit war seit unserem letzten Treffen verstrichen? Ich war wie in Trance und unfähig meinen Blick von ihm abzuwenden. Aber er war es. Er war so wundervoll, so schön und mein ganzer Körper konzentrierte sich nur auf Mike.

Doch mit  einem mal wurde ich aus diesem Zustand gerissen und unsanft weitergeschoben. Ein kurzer Tumult begann und als ich mich wieder umdrehte, war er verschwunden. Mist! Ich wartete bis ich an der Reihe war, kaufte ein Bier und ging völlig verstört aus dem Zelt in den Park. Ich wusste nicht, ob ich weinen, oder mich freuen sollte, ich war völlig durcheinander. Meine Schritte führten mich zum Kinderspielplatz hinter der Minigolfbahn. Dort setzte ich mich auf die Schaukel und rief mir Mikes Gesicht in Erinnerung. Warum hatte ich nichts zu ihm gesagt? Wie konnte ich nur schweigen?

Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß und vor mich hinstarrte. Aber als ich meine Augen wieder hob, stand er da. Angelehnt an die Rutsche schaute er mich an. Dann kam er langsam auf mich zu und setzte sich auf die andere Schaukel.

Wir schaukelten. Und wie wir uns durch die Luft schwangen, schmolz das Eis dahin. Und wir redeten und lachten und waren uns nah, als wenn wir nie getrennt gewesen wären. Zum Abschied umarmten wir uns und küssten uns innig. Er strich mit seiner Hand sanft über mein Gesicht. Wir hatten uns wieder, nach viel zu langer Zeit, und das war wunderbar.

Eure Polly

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4 Gedanken zu “Viel zu lange….oder als wir uns endlich wiedersahen

  1. Ich bin kein Mensch für Fortsetzungsgeschichten. Sollte ich natürlich sein, da ich ja in meinem Blog selber eine schreibe. Um aber eine zu lesen sind mir die Abstände zu groß. Ich lese dann andere Stories zwischendurch und verliere den Faden, weiß nicht mehr, was in der letzten Geschichte war oder verwechsle Polly mit Frannie oder mit weiß Gott wem.
    Habe daher voriges Jahr im Januar aufgehört deine Geschichte zu lesen. Jetzt werde ich es mal nachholen. Bin sehr gespannt!

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    • Aber das ist doch kein Problem. Ich schreibe nur einmal pro Woche daran. Es reibt mich manches zu sehr auf und strengt mich sehr an. So sehr es mir auch hilft alles zu verarbeiten. Schön, wenn du wieder weiterlesen magst. Die hier aktuellste Geschichte liegt übrigens auch schon wieder sechs Jahre zurück. Ich habe also noch viel zu erzählen. 😊

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      • Dann hole ich jetzt mal bis zur aktuellen Geschichte auf und lasse dir dann wieder einen Vorsprung. Ich könnte meine Story auch nicht schneller erzählen. Eine Geschichte pro Woche ist schon eine Herausforderung.
        Neugierige Frage: Woher weißt Du nach so langer Zeit noch so viele Details? Tagebuch? Fotografisches Gedächtnis?

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        • Ja. Fast. Ich habe ein gutes Gedächtnis. Manches was ich nicht mehr genau weiß, eher unwichtige Details, erzähle ich so wie sie mir in Erinnerung kommen. Dabei spielt Phantasie natürlich auch eine gewisse Rolle um nicht in einen langweiligen Bericht zu verfallen. Aber es bleibt meine Geschichte und im Kern so, wie ich sie erlebte. Und mich immer daran erinnere. Ich könnte sie sicher noch mehr rhetorisch ausschmücken. Vielleicht tue ich es irgendwann. Wenn es denn wirklich einmal ein Roman werden soll…. 😉😄

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Was sagst du dazu? Bin sehr gespannt :-)

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